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stern-Analyse "Die Welt verstehen" Verkauft der IS die Leichen getöteter Peschmerga?

Dutzende Gerüchte ranken sich um die brutalen Machenschaften der Terrormiliz IS. Eines besagt, der Islamische Staat verkaufe die Leichen seiner Gegner. Wie wahrscheinlich ist das?
Von Theresa Breuer

Sklavenhandel, Vergewaltigungen, Zwangsehen, Kreuzigungen, Enthauptungen und Verbrennungen bei lebendigem Leib – all das sind Verbrechen, die die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) nachweislich begangen hat. Viele der grausamen Taten belegen die Dschihadisten in selbstdrehten Videos, die sie ins Netz stellen.

Es ranken sich jedoch auch immer mehr Gerüchte um den IS, für die es keine Belege gibt: wie etwa für den Vorwurf, das selbsternannte Kalifat handle mit Organen, die sie ihren Gegnern entnommen hätten. Dem jüngsten Gerücht zufolge sollen die Terroristen die Leichen kurdischer Peschmerga-Soldaten verkaufen. 10.000 bis 20.000 Dollar verlange der IS pro getötetem Soldat. Das berichtete vergangenes Wochenende die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" unter Berufung auf nicht näher genannte Sicherheitskreise. Wer diese Summen indes zahlt, stand in dem Artikel nicht.

Kurden: geschmackloses Gerücht

Fuad Hussein, Stabschef des kurdischen Präsidenten Massud Barzani, zeigt sich auf Nachfrage des stern überrascht. "Das ist das erste Mal, dass ich von diesem geschmacklosen Gerücht höre", sagt er am Telefon. Woher die Nachricht komme, könne er sich nicht erklären: "Der IS hat uns nie kontaktiert und derlei Geschäfte würden wir auch nicht eingehen."

Unwahrscheinlich ist es auch, dass der IS tote Soldaten in großem Stil an Privatleute verkauft. Die meisten Familien in Kurdistan könnten sich die genannten Summen nicht leisten. Staatsangestellte – und darunter fallen auch Peschmerga – verdienen im Schnitt zwischen 4000 und 5000 US-Dollar im Jahr.

Die Einnahmen wären gering

Es bleibt also die Frage, wie lukrativ das Geschäft mit den Leichen wäre. Seit Juni 2014 sind knapp 1000 kurdische Peschmerga im Kampf gegen die Terrormiliz gefallen. Das gab Dschabbar Jawar, der Generalsekretär des Ministeriums für Peschmerga, Anfang Februar bekannt. Nur ein Teil der Toten dürfte sich auf IS-kontrolliertem Gebiet befinden. Selbst wenn es dem IS also gelingen sollte, gefallene Soldaten an Familien oder den kurdischen Staat zu verkaufen, so wären die Einnahmen gering.

Dabei lautet das angebliche Motiv der Dschihadisten für den Leichenhandel: Geldmangel. Fakt ist, dass der Islamische Staat einen massiven Kostenapparat zu stemmen hat. Wenn das Kalifat Bestand haben soll, muss die Organisation ihre Kämpfer bezahlen und ein halbwegs funktionierendes Staatssystem aufrechterhalten. Experten zufolge werde das immer schwieriger: Ein Großteil der IS-Einnahmen stammt aus dem Handel mit Öl. Der weltweite Ölpreis ist jedoch in den vergangenen Monaten stark eingebrochen. Darüber hinaus haben die Luftangriffe der Anti-IS Militäroffensive den Dschihadisten erheblichen finanziellen Schaden zugefügt.


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