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ISRAEL: Aus den Trümmern wächst der Hass

Für die Israelis war es die blutigste Schlacht seit Jahren. Für die Palästinenser ein Beweis für die Brutaliät ihrer Besatzer. Jenin wird zur Legende für die Scharfmacher auf beiden Seiten. Aus stern Nr. 18/2002.

Ein Panzer drückte das Hoftor ein. Die Kinder schrien. Augenblicke später brach die Haustür aus dem Rahmen. Ein israelischer Soldat stürzte in den Raum. Sein Gewehr presste er sogleich gegen den Kopf von Deab Turkman, der nahe bei der Tür stand. »Halt's Maul«, brüllte er Turkmans Frau an, als sie den jungen Soldaten besänftigen wollte, »sonst knall ich dich ab.«

Weitere Soldaten schoben sich in das Haus. Sie durchwühlten alle Räume, rissen Kleider aus den Schränken. Dann kamen sie wieder zu Deab Turkman zurück. Einer drückte dem Lehrer den Lauf seines Gewehrs in den Rücken und schob ihn vor sich her nach draußen. Der Israeli zwang den Palästinenser, die Tür zum Nachbarhaus zu öffnen, während er selbst in Deckung blieb. Dann schoss er eine Salve in das Zimmer. Niemand war drin.

Deab Turkmans neues Einfamilienhaus aus hellem Stein liegt gleich gegenüber der Flüchtlingssiedlung von Jenin. Es war eines der ersten, das von der israelischen Armee gestürmt wurde. Der Lehrer hatte es vor vier Jahren gebaut, als er aus Saudi-Arabien zurückkehrte. »Ich habe damals geglaubt, es gibt endlich Frieden in Palästina.« Das glaubt er nicht mehr, seit jenem Mittwoch vor drei Wochen, als der Angriff auf das Lager begann.

Im Zentrum der Flüchtlingssiedlung am Rande Jenins gibt es keine Häuser mehr und auch keine Straßen. Drei Meter tief liegen sie unter einem gewaltigen Schutthügel. Wohl 100 mal 200 Meter misst das Trümmerfeld, bis vor kurzem ein Wohnquartier in der Mitte des Lagers, das seit Jahrzehnten der Stadtteil der Armen war. Mutterboden für die radikalen Palästinenser-Organisationen Hamas und Dschihad.

Gesprengt, zerrissen, verwüstet

Die Gebäude drum herum sind Ruinen, gesprengt, zerrissen, verwüstet, die schmiedeeisernen Gitter bizarr verbogen. Zucchini und Tomaten liegen auf einem Steinhaufen, der wohl einmal ein Laden war. Die Straßen sind von Panzerketten zerwühlt, die Laternen niedergewalzt, in einem Haus liegt ein Körper, verkohlt. Familien sitzen in Häusern ohne Außenwände, ihre Plastikstühle Logenplätze mit Blick auf das Desaster. 13000 Menschen leben im demolierten Flüchtlingslager.

Noch sind die Toten nicht bestattet, noch nicht einmal gezählt. Doch schon ist Jenin zum neuen Fanal in der an symbolträchtigen Gewalttaten reichen Geschichte des palästinensisch-israelischen Krieges geworden. »Einen Schlag ins Herz des Terrors« nennt Generalmajor Dan Harel, Chef für Militäroperationen der israelischen Armee, den Angriff im Rahmen der »Operation Schutzschild« auf jenen Ort, der als Brutstätte von 60 Prozent aller Selbstmord- attentäter gilt. Für die Palästinenser zeugt Jenin von der Brutalität der israelischen Besatzer, aber auch von deren Verwundbarkeit. 23 fielen im Häuserkampf gegen die palästinensischen Freischärler.

Mit Spitzhacken und Händen wühlen die Palästinenser in sengender Hitze nach verschütteter Habe, nach Dokumenten und nach Leichen. Kinder buddeln Teddybären und Spielzeugpistolen hervor. Sie drücken ihre Nasen an die Scheiben der Notaufnahme des Krankenhauses. Dahinter verblutet ein Mann, den ein zurückgelassener Sprengsatz zerfetzt hat. Sie sehen den klagenden Frauen zu, die sich den Kalkstaub über ihre Köpfe schaufeln, ihre Körper zurückwerfen und Zorn und Schmerz zum Himmel schreien. Sie sehen Väter den Koran verbrennen, weil Soldatenstiefel darauf traten. Jungen ziehen Plakate der Märtyrer aus Lehm und Staub. Ein Achtjähriger legt sich ein Rohr auf die Schulter, als wäre es eine Panzerfaust.

»Es war ein großer Sieg«

Zakeya Omer Abdallah findet noch eine Obstschale und einen Topf, wo vor Tagen ihre Küche war. Aus einer engen Kluft zwischen Betonbrocken, Eisengestängen, Matratzen, Möbeln, Lumpen und Leuchtern steigt süßlicher Geruch. Vielleicht ist es der Neffe, der irgendwo darunter verwest, vielleicht ein anderer der jungen Kämpfer des Viertels. Die Frau, die das Leben im Lager mit 47 Jahren zu einer Alten gemacht hat, hockt auf den Trümmern ihres Hauses und sagt: »Es war ein großer Sieg. Niemals wird Jenin vergessen werden.« Sechs Tage hätten die arabischen Armeen 1967 gegen Israel gekämpft. »Wir in Jenin haben neun Tage widerstanden.«

Für Major Rafi Laderman von der 5. Brigade der israelischen Streitkräfte begann die Schlacht am frühen Morgen des 3. April. Es regnete. Gegen zwei Uhr nachts marschierten mehrere tausend Soldaten aus drei Richtungen auf die Stadt und das Lager vor. Kampfhubschrauber feuerten Raketen »auf ausgewählte Ziele«.

Haus für Haus bahnten sich die Soldaten den Weg Richtung vierte Straße. »50 Meter am Tag, weiter kamen wir nicht«, sagt Major Laderman, »und in unserem Rücken wurden gesäuberte Gebäude teils vom Feind erneut besetzt.« Verhaftete Palästinenser seien sofort verhört worden.

»Sie sind mit großen Hämmern durch die Wände gegangen. Sie haben uns verhört und geschlagen, sie haben die Handys gestohlen und Geld«, berichtet ein Mitarbeiter aus dem Krankenhaus. Auch die alte Huda Sadik sagt: »Tausend Schekel sind aus meiner Matratze gestohlen worden.«

Sieben Tage haben sie ausgeharrt in ihrem Haus, sieben Tage, in denen die Einschläge die Wände beben ließen und die Erde zittern. Die israelische Armee feuerte Rakete auf Rakete aus Hubschraubern und Panzern. So erzählen es Zakeya Omer Abdallah und die anderen Frauen. Mit dem Sonnenaufgang des achten Tages seien sie alle aus dem zerstörten Gemäuer gerannt, mit einer weißen Fahne, sagt Abdallah. Da kamen schon die Bulldozer.

Körperteile in Einkaufstüten

24 Leichen liegen in weiße Tücher ge-schlagen hinter dem Krankenhaus. Provisorisch verscharrt, werden sie exhumiert und begraben. Junge Männer rennen mit ihren gefallenen Helden unter der grünen Fahne des Islam zum frisch angelegten Friedhof am Rande des Lagers. Zwei weitere Leichen werden gebracht, gerade erst gefunden unter den Trümmern, ein paar Körperteile werden hastig in Einkaufstüten hinterhergetragen.

»Vielleicht werden wir in einem Monat wissen, wie viele Menschen hier gestorben sind«, sagt Doktor Abughal, Chefarzt des Krankenhauses, das nach dem Arzt Thalil Sulayman benannt ist, der im März im Einsatzwagen langsam verbrannte, während Israelis auf ihn schossen. »Wir wissen ja nicht mal, wie viele verhaftet wurden.« Tagelang durften die Ärzte die Verwundeten im Lager nicht versorgen. Nach dem Ende der Kämpfe hatte allein das israelische Militär die Hoheit über den Ort.

Der Kampf ist seit Tagen vorbei, und die Armee hat einen dichten Ring von Stellungen um Jenin gelegt. Am Rande eines Zedernwaldes lagert Major Laderman mit hundert Soldaten. Funkgeräte plärren, Generatoren dröhnen. Soldaten frühstücken Croissants und Kaffee. Der Major ist »wirklich wütend über die Propagandalügen«. Langsam beugt er sich über den Holztisch: »Jede andere Armee hätte Bomben und Artillerie eingesetzt, um diese Festung des Terrorismus auszurotten und eigene Opfer zu vermeiden. Wir nicht, aus moralischen Gründen.«

Noch immer schaffen Pritschenwagen und Krankentransporter in Jenin Verletzte ins Hospital. Kinder, die mit Sprengsätzen spielten; Männer, auf die geschossen wurde, weil sie die Ausgangssperre missachteten oder sich den israelischen Posten näherten. Oder einfach im falschen Moment die falsche Straße entlangfuhren.

Zwei Männer werden auf Tragen gebracht. Soldaten hatten sie festgenommen, zwei Tage verhört und geschlagen. »Sie wollten wissen, ob ich Polizist bin«, sagt Maamoon Jarar. Diagnose: Nierenriss. »Sie legten uns zwei M-16-Gewehre hin und eine Qassam-Rakete, wie sie die Hamas benutzt. Es waren nicht unsere Waffen, wir wollten sie nicht berühren.« Die erste Schicht hätte der nächsten erzählt, dass sie Waffen getragen hätten, und jede weitere hätte sie aufs Neue verprügelt.

Lebende Schilde

So wie der Lehrer Turkman zeichnen auch Palästinenser, die auf der Ostseite des Lagers wohnten, das Bild einer wütenden Soldateska. Auch sie berichten, wie sie als lebende Schilde vor den Soldaten hergeschoben oder in ihren Häusern tagelang, die Hände auf dem Rücken, gefesselt wurden. »Sie haben über meine Schulter weg gefeuert, dass mir fast das Trommelfell platzte«, sagt der Junge aus dem Kleiderladen. »Du hilfst mir ins nächste Haus zu kommen«, hätten die Soldaten befohlen, »oder du bist tot.«

»Wir haben niemanden als Schutzschild benutzt. Terroristen sprangen hinter Frauen und Kindern hervor und schossen auf uns«, sagt Major Laderman. »Im Lager waren nur 1500 Zivilisten. Die meisten waren zuvor in Sicherheit gebracht worden.« Über Lautsprecher hatte das israelische Militär die Bewohner des umstellten Flüchtlingsviertels aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.

»Die meisten blieben«, sagt Sami Pasha, ein junger Palästinenser, der fließend Englisch spricht. »Wir haben uns einfach nicht vorstellen können, dass es so schlimm werden könnte.« Jetzt sucht er nach Fatma, seiner Großmutter, die vielleicht irgendwo unter den Trümmern liegt.

»Überall flogen die Kugeln«

Während der Kämpfe flohen jeden Tag mehr Menschen aus dem Lager. Busse brachten Frauen und Kinder in die umliegenden Orte. Männer wurden festgenommen. So wie Jihad Eid, der in der Nähe der Moschee wohnte. Das Wasser war ihm und seiner Familie ausgegangen. Sie hatten sich unter der Treppe verkrochen, als eine Granate im Schlafzimmer einschlug und Jihad Eid am Bein verletzte. Zusammen mit den Verwandten humpelte er auf die israelischen Linien zu. »Es gab keine Feuerpause«, sagt Jihad Eid. »Überall flogen die Kugeln.«

Zwei Tage hielten sie ihn mit den anderen Männern fest, in einem Militärlager nahe dem Nachbarort Salem. »Wir lagen in der Sonne, hatten nichts zu trinken, kein Essen. Kein Arzt, der mir half. Nachts ließen sie uns nicht schlafen.« Dennoch denkt Jihad Eid nicht an Rache: »Ich habe es satt. Ich will nicht, dass die Menschen auf der Straße in Israel getötet werden. Und auch nicht bei uns. Aber wir brauchen eine Heimat. Wir okkupieren doch auch nicht Haifa oder Tel Aviv. Wir brauchen Frieden und das Gefühl von Freiheit.« Der Mann mit dem runden Gesicht steht mit seiner Sanftmut ziemlich allein.

»Hamas, Jihad, Fatah, das ist jetzt alles eins.« Jeder im Lager sagt das inzwischen. Es gibt im Flüchtlingsviertel niemanden, der die Selbstmordanschläge als Grund für die Militäroperation der Israelis akzeptiert. Sie wollen uns vertreiben nach Jordanien, sagen die Menschen.

Ali Dhahir Jarrar, der früher Lehrer war und jetzt einen Laden betreibt, versucht die Wut zu erklären. Er erinnert sich noch gut an die Zeit, als die Vertriebenen in Zelten auf dem Gelände des britischen Militärlagers lebten. Aus den Zelten wurden Häuser. Die Kinder brauchten Platz, aber es gab keinen Grund und Boden. So wurde das Lager zum dichtbesiedelten Armenviertel. »Es gibt keine Lösung des Problems seit 1948. Und jetzt sind die Menschen wieder da, wo sie damals waren.«

»Was scherte die Juden in Tel Aviv und Haifa, wie die Palästinenser im Westjordanland lebten?«, fragt der ehemalige Lehrer. Immer hätten die Israelis den Krieg nur auf palästinensischem Territorium geführt. Erst die Selbstmordattentäter hätten den Krieg nach Israel getragen. In Jenin sind sie deshalb Freiheitskämpfer.

Für Major Laderman bedeutete Jenin: Sprengfallen an jeder Straßenecke und an jedem Haus in der vierten Straße. Insgesamt 3,5 Tonnen verkabelter Sprengstoff, aktivierbar mit Batterien oder Mobiltelefonen und vernetzt über mehrere Häuser. Jenin - das waren MG-Stellungen, exzellent ausgewählte Scharfschützenpositionen und Dutzende Selbstmordbomber. Mit Ausnahme einer kurzen Operation Anfang März hatte jahrelang kein israelischer Soldat es gewagt, seinen Fuß in dieses Lager zu setzen. »Vorsicht«, ruft Jihad, »die ist noch scharf.« Eine Bombe, grünes Metallrohr, 60 Zentimeter lang, 15 Zentimeter Durchmesser, daran ein Zündkabel. Eine handgemachte Sprengstofffalle.

Jihad ist sechzehn. Sein Name ist ihm Weisung - heiliger Krieg. Er war im Haus bei den Kämpfern: »Keiner hatte Angst, jeder war bereit zu sterben.«

Die Israelis brachen von hinten durch das gegenüberliegende Haus. Als sie die Tür öffneten, liefen sie den jungen Palästinensern direkt in die Mündungen. Drei Israelis wurden getroffen, einer war sofort tot. »Mama«, sagt Jihad, hätten sie geschrien. Sieben waren sie, sie wollten sich ergeben. Aber die Kämpfer machten keine Gefangenen. Das Rote Kreuz wollte eine Feuerpause vermitteln, weil die israelischen Soldaten die Toten bergen wollten. Die Kämpfer lehnten ab. Auf eine Leiche warfen sie einen Molotow-Cocktail.

»Es geht los«

Die 5. Infanterie-Brigade gilt als Eliteeinheit der israelischen Armee. Viele sind Reservisten - Architekten, Ingenieure, Lehrer, kampferfahren und bereit, für Israel immer wieder einzurücken. »Ich hatte im Gazastreifen Dienst, als einer dieser fürchterlichen Selbstmordbomber im Parkhotel in Natanya 28 Menschen in die Luft sprengte«, sagt Major Laderman, der im Zivilleben eine Marketingfirma in Tel Aviv leitet. »Da hieß es: Rafi, es geht los. Und bei Jenin hieß es: Die Kommandeure haben sich für euch entschieden.«

Wieder und wieder habe die Armee Zivilisten aufgefordert, aus den Häusern zu kommen. Während einer Feuerpause stoppten die Israelis eine Gruppe von fünf Palästinensern an einer Straßensperre. Ein Mann ging weiter. »Wir schossen auf ihn, und er explodierte. Zwei aus der Gruppe wurden dabei getötet.« Jihad der Kämpfer sagt: »Mein Freund Shadi Alnobani ging auf die Israelis zu und sprengte sich in die Luft.«

Sieben Tage dauerte es, bis die Brigade zur vierten Straße vordrang. Dort verschanzten sich »150 bis 200 Feinde in 95 bis 100 Häusern«. In einem Hof gerieten israelische Soldaten in einen Hinterhalt. »Ein Terrorist hatte Handgranaten in der Hosentasche. Einer unserer Leute schoss auf die Tasche, die Granaten explodierten. Vier Soldaten fielen und in den nächsten beiden Stunden neun weitere - sechs von ihnen beim Versuch, Verwundete aus dem Lager zu bringen.«

Stunden später, kurz nach Mitternacht, feuerten Kampfhubschrauber 20 Raketen aus zwei Kilometer Distanz ins Lager. »Das war keine Rache für unsere Verluste«, sagt Major Laderman. »Offiziere am Boden legten fest, in welches Fenster aus welchem Winkel geschossen wurde mit diesen präzisen Waffen.«

Für die Israelis zählen nur die eigenen Zahlen. Mindestens drei Dutzend Terroristen wurden danach getötet, 100 der 500 Verhafteten als Terroristen identifiziert, zwölf Bombenlabors vernichtet. »Fast alle Toten waren Männer im Kampfesalter«, sagt Major Rafi Laderman. »Auch eine Frau starb mit der Kalaschnikow in der Hand.« In den Trümmern lägen höchstens 25 Leichen. 29 israelische Soldaten fielen in sechs Städten im Westjordanland, 23 von ihnen allein in Jenin. »Die 5. Brigade vernichtete große Teile der terroristischen Infrastruktur«, sagt Lederman. »Der Staat Israel muss in den nächsten Wochen und Monaten keinen größeren Selbstmordanschlag fürchten.«

»Jeder Kampf ist ein Sieg«

»Jeder Kampf ist ein Sieg«, sagt der Palästinenser Ismail Katiib, der früher einmal selbst gegen die Israelis gekämpft hat und fünf Jahre im Gefängnis verschwand. »Wer hier dabei war, wurde in den achtziger Jahren geboren und hat die erste Intifada gesehen. Die Kinder, die hier in Jenin den Angriff der Israelis erlebt haben, werden die Märtyrer von morgen sein. Und es werden viele sein.«

Kuno Kruse / Uli Rauss