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Jugendgangs in London: Massenvergewaltigung ist Alltag

Der Anlass war banal. Der Anführer der "Kingzhold Boys" sei ihr nicht sympathisch, soll das Mädchen gesagt haben. Es folgte ein Albtraum: Zwei Stunden lang wurde die 14-Jährige in London von Gangmitgliedern brutal vergewaltigt. Nun wurden die Täter veurteilt - so irritierend wie das Verbrechen ist aber auch das geringe Interesse der Öffentlichkeit.

Von Cornelia Fuchs, London

"Sie haben mein Leben zerstört", sagt die heute 15-Jährige über diese sieben 13- bis 16-jährigen Jungen. Und deswegen habe sie auch nicht ein winzig kleines bisschen Mitleid mit ihnen, noch nicht einmal mit dem 15-jährigen Cleon Brown, der eigentlich einmal ein Freund war. Eigentlich. Denn im entscheidenden Moment, als es darauf angekommen wäre, verriet auch er sie. Als der Anführer der Gang, O'Neil Delmont, auch bekannt unter dem martialischen Namen "Hitman", Loyalität von seinen Gangmitgliedern einforderte, blockierte Cleon mit seinem Arm den Fluchtweg des Mädchens, ignorierte ihre verzweifelten Bitten um Hilfe und zwang sie anschließend zu sexuellen Handlungen. Er war nur einer von ungefähr 15 Jungen, die sich in diesen zwei Stunden an ihr vergingen.

Auf 150 Seiten beschrieb das Opfer vor Gericht die Hölle, die es durchleiden musste. Es begann alles damit, dass das Mädchen im April 2007 zum Haus ihrer Tante im Ost-Londoner Stadtteil Hackney gehen wollte. Auf dem Weg dorthin telefonierte es gerade, als Denton und seine Gruppe vorbeikamen und sich ihr in den Weg stellten. Die Gesprächspartnerin am Telefon fragte noch, ob alles in Ordnung sei. Dann brach die Leitung ab. Seither ist es schwer vorstellbar, dass jemals wieder alles in Ordnung kommen wird im Leben des Mädchens.

Denton wollte Rache

Denton wollte Rache. Eine Freundin hatte ihm erzählt, dass diese junge Frau ihn, den großen, aggressiven Anführer der "Kingzhold Boys" nicht sympathisch fände, vielleicht habe sie ihn sogar "hässlich" genannt. Denton dachte, das könne er nicht auf sich sitzen lassen, diesen fehlenden "Respekt" - und machte sich auf zur Strafexpedition.

Er zwang das Mädchen an drei verschiedene Orte in Hackney, hinauf über Treppen in Sozialwohnungsblocks, durch enge Unterführungen, über Parkplätze. Dreimal wurden ihr Hose und Unterhose vom Leib gerissen, stachelten sich die Jungen gegenseitig an, sie zu vergewaltigen. Zweimal musste sie sich wieder anziehen, neue Gang-Mitglieder wurden herbeitelefoniert. Dann ging es wieder weiter, zwei lange Stunden lang.

Niemand half dem Mädchen

Zweimal passierte die Gruppe mit dem völlig verzweifelten Mädchen Erwachsene, jeweils einer Frau. So groß ist die Angst im Londoner Stadtteil Hackney vor diesen Jugendgruppen, dass die Zeuginnen in keinem der beiden Fälle einschritten. Eine von beiden, eine Mutter, die gerade ihre zwei Kinder aus dem Auto holte, flüsterte die Frage in Richtung des Opfers: "Alles ok?" und als dieses "Nein" zurückflüsterte, griff Denton das Mädchen bei den Schultern, und die Frau winkte nur kurz, als wollte sie sagen, wird schon alles. Die Polizei benachrichtigte sie nicht. Die Angst geht um in London vor unberechenbaren Teenagern, fast jeden Monat wurde in diesem Sommer von Männern und Frauen berichtet, die ein falsches Wort gegenüber einem der aufgestachelten Jungs mit schweren Verletzungen, einige sogar mit dem Leben, bezahlten. 28 Teenager sind in diesem Jahr bereits von anderen Jugendlichen ermordet worden - erstochen, erschlagen, erschossen.

Polizisten fanden das 15-jährige Mädchen nur durch Zufall im graffitiverschmierten Treppenaufgang eines Häuserblocks, sie patrouillierten gerade die Gegend und hörten Geräusche. Die Täter waren da schon geflüchtet. Zurückgelassen hatten sie an der Wand nur den Namen ihrer Gang wie ein Warnzeichen, "Kingzhold" stand da. Während der Gerichtsverhandlung ließen viele der Angeklagten erkennen, dass sie bis heute nicht verstanden haben, warum sich alle so sehr über ihre Tat aufregen. Denton beschuldigte das Mädchen weiter, ihn beleidigt zu haben, ihm schien die Strafe dafür angemessen. Richterin Wendy Joseph sagte, Motive für die Tat seien "Rache, sexuelle Befriedigung und das Gefühl der Macht über das Opfer und die eigene Gang" gewesen. Ein anderer Junge aus der Gruppe der Vergewaltiger, der 16-jährige Jayden Ryan, gab einem Psychologen zu Protokoll: "Für die meisten Mädchen ist es doch kein Problem, vergewaltigt zu werden." Die Zahl der Vergewaltigungen in den Gang-Hochburgen steigt stetig, in diesem Jahr kamen bereits zwei Fälle von Massenvergewaltigungen vor Gericht, bei denen die Täter am Ende Säure zwischen die Beine und ins Gesicht der Mädchen gossen - weil sie glaubten, so ihre DNA zu vernichten.

Sie wollte sich umbringen

Denton und ein weiterer Teenager sind wegen Vergewaltigung, Entführung und Freiheitsberaubung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, von der sie mindestens drei Jahre und acht Monate absitzen müssen. Wenn sie freikommen, werden sie den Rest ihres Lebens auf Bewährung sein. Die anderen jungen Männer wurden zu Gefängnisstrafen zwischen sechs und neun Jahren verurteilt. Ihr Opfer sagte vor Gericht, dass "Gerechtigkeit zu erfahren das Beste ist, was mir in meinem Leben jemals passiert ist". Sie musste mit ihrer Familie aus ihrem Stadtviertel wegziehen und lebt zurzeit unter Polizeischutz, die Häuser weiterer Zeugen wurden mit Standleitungen zu Polizeistationen ausgestattet - so groß ist die Angst in der Gemeinde vor Racheakten anderer Gangmitglieder. Das Opfer hindern bis heute Panikattacken daran, zur Schule zu gehen. Vor dem Urteil, sagt sie, habe sie oft daran gedacht sich umzubringen.

Das vielleicht Bezeichnendste an dieser schrecklichen Geschichte ist jedoch, welche Aufmerksamkeit ihr in den Medien zuteil wurde. Zwar veröffentlichten mehrere große Tageszeitungen Meldungen zur Urteilsverkündung, die "Daily Mail" schrieb über zwei Doppelseiten über den Tathergang und die Angst des Mädchens. Doch weil es schon der dritte Massenvergewaltigungs-Prozess in einem Jahr war, in dem bereits 28 Teenager auf Londoner Straßen zumeist von Gangmitgliedern ermordet wurden, scheint es eine Art Gewöhnungseffekt zu geben. Keiner Zeitung war dieser Prozess eine große Schlagzeile wert, alle Geschichten verschwanden auf den hinteren Meldungsseiten.

Einer der Angeklagten, der mit 15 Jahren noch zu jung ist, als dass sein Name öffentlich genannt werden darf, sah an diesem April 2007 zu, wie das Mädchen vergewaltigt wurde, immer und immer wieder. Während des Prozesses kam heraus, dass er nur wenige Monate zuvor mitansehen musste, wie sein eigener Bruder von einer anderen Gang zu Tode gehetzt wurde. Der Bruder sprang aus Angst vor deren gezückten Messern auf einen Balkon, versuchte, sich die Fassade herunterzuhangeln und stürzte in den Tod.

Es war dieser 15-Jährige, der seinen Bruder verloren hatte, der dem vergewaltigten Mädchen vor dem Prozess SMS-Nachrichten schickte, in denen er drohte, sie "aufzumischen", wenn sie aussagen sollte. Dann nannte er sie eine "Hure". Er wurde zu drei Jahren und neun Monaten Sicherheitsverwahrung in einer Jugendeinrichtung verurteilt.

In Hackney, so sagt die Polizei, gibt es mindestens 22 Gangs.

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