VG-Wort Pixel

Kein Lebenszeichen aus der Haft Pussy-Riot-Mitglied verschwunden


Die Angehörigen von Nadezhda Tolokonnikova sind verzweifelt. Sie haben seit Wochen nichts mehr von ihrer Tochter gehört - und wenden sich in ihrer Not an eine amerikanische Website.
Von Alexander Meyer-Thoene

Das inhaftierte Pussy-Riot-Mitglied Nadezhda Tolokonnikova wird seit dem 21.Oktober von ihren Angehörigen vermisst. Nach ihrer Überführung in ein neues Gefängnis haben ihr Vater und ihr Ehemann kein Lebenszeichen mehr von ihr erhalten, berichteten sie jetzt der US-Nachrichtenseite "Buzzfeed". Zuvor hatte Tolokonnikova bereits häufiger über Misshandlungen durch Gefängnispersonal geklagt. In ihrer bisherigen Strafkolonie in Mordovia hatte sie einen offen Brief verfasst, in dem sie die "sklavenähnlichen" Zustände bemängelte und Parallelen zu den schlimmsten Gefängnissen der Sowjet-Ära zog. Nachdem sie in den Hungerstreik getreten war, wurde ihre Verlegung in ein anderes Gefängnis angeordnet.

Die Band Pussy Riot ist durch ihren regimekritischen Auftritt in einer Moskauer Kirche - und ihre darauffolgende Inhaftierung - international bekannt geworden. Tolokonnikova und ein weiteres Mitglied ihrer Band, Maria Alyokhina, wurden im Februar 2012 zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die Anklage lautete auf "Rowdytum aus religiösem Hass". Offiziell sollen die beiden Bandmitglieder im März 2014 wieder auf freien Fuß kommen - jetzt wächst die Sorge um ihr Wohlergehen.

"Die einzige Möglichkeit, sie zu bestrafen"

Zuletzt wurde die 23-jährige Aktivistin Tolokonnikova am 24.Oktober bei ihrer Ankunft in der Stadt Tscheljabinsk im Ural von einem Mitreisenden beobachtet. Angeblich sei sie über Nacht dort geblieben, dann verliere sich ihre Spur, sagten ihre Angehörigen. Die Behörden hätten zwar versprochen, die Familie über den Aufenthaltsort zu informieren, bislang jedoch sei dies nicht geschehen.

In einem Telefonat mit "Buzzfeed" berichtet ihr Vater, ihr genauer Aufenthaltsort sei zuletzt am 21.Oktober bekannt gewesen. "Keiner weiß irgendwas", "es gibt keinen Beweis, dass sie am Leben ist, wir kennen ihren Gesundheitszustand nicht. Ist sie krank? Wurde sie geschlagen?", fragt der verzweifelte Vater in dem Telefonat.

Tolokonnikovas Ehemann Petya Verzilow und eine Gruppe von Aktivisten hatten immer wieder vor ihrer Strafkolonie in Mordovia protestiert - zum Missfallen der örtlichen Behörden. "Wir glauben, sie haben sie in eine größere Stadt verlegt, um sie zu verstecken. Ich denke, die Behörden hatten genug von den Protesten". Er glaube, die Anordnung zur Verlegung sei direkt aus Moskau gekommen, berichtete Verzilow gegenüber "Buzzfeed". "Dies ist im Prinzip die einzige Möglichkeit, sie zu bestrafen - sie von der Außenwelt abzuschneiden."

Nachrichtenportal wegen Pussy-Riot-Video verboten

Die harte Linie der Regierung gegenüber der Punkband Pussy Riot manifestiert sich auch in anderen Formen. Das Nachrichtenportal "Rosbalt", auf dem ein Video der Band verfügbar war, soll jetzt eingestellt werden. Ein Moskauer Gericht hatte dies in einem "Präzedenzfall" beschlossen, bestätigte Larissa Afinowa, Betreiberin des Webportals, der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Die staatliche Medienaufsicht Roskomnadsor hatte zuvor gegen ihre Webseite geklagt. Nun will Afinowa das Urteil vor dem russischen Verfassungsgericht anfechten.

Seitdem Wladimir Putin wieder das Präsidentenamt bekleidet, wächst die Angst bei Oppositionellen und Journalisten vor einer schärferen Zensur. "Reporter ohne Grenzen" werten das Urteil gegen das Webportal "Rosbalt" als gefährliche Entwicklung. Ein Sprecher Putins beschwichtigt: "Es wäre falsch zu sagen, die Regierung übe Druck auf die Medien aus."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker