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Kim Jong Il: "Der Diktator will nur überleben"

Clinton plante noch einen Militärschlag - George W. Bush hingegen, fixiert auf den Irak, ließ die atomare Aufrüstung Nordkoreas zu. Interview mit Jack Pritchard, der für die USA mit Kim Jong Il verhandelt hat.

Warum zeigten sie das so bereitwillig?

Nordkoreas Führung wollte demonstrieren, wie weit ihr Atomprogramm fortgeschritten ist. In den vergangenen Jahren informierte man mich über jeden Schritt und sagte mir auch, man verfüge über "nukleare Abschreckung", also über Atombomben.

Warum?

Die Führung hat Angst, Ziel der nächsten US-Militäroperation zu werden. Sie hat ihre Lektion aus dem Irak-Krieg gelernt: Wer keine Massenvernichtungswaffen hat, wird angegriffen. Jetzt hat Nordkorea offiziell noch einmal bekräftigt: Wir sind eine Atommacht. Schon vor mehr als zehn Jahren wollten die USA unter Präsident Clinton einen Militärschlag gegen Nordkorea führen. Ja, wir waren auf einen Militäreinsatz vorbereitet. Ich kenne die entsprechenden Dokumente. Damals hatte Nordkorea angekündigt, Plutonium herzustellen...

Herr Pritchard, wie gefährlich ist Nordkorea?

Niemand kontrolliert dieses Land, niemand kann seine Waffenprogramme überprüfen. Dies macht Nordkorea zum gefährlichsten Land der Welt.

Was weiß man über Nordkoreas Atombomben?

Das Land dürfte heute acht Atombomben besitzen. Doch wir wissen nicht, wo sie lagern. Vor einem Jahr war ich mit einer inoffiziellen Delegation in Yongbyon...

...dort steht der Reaktor, aus dessen Brennstäben das Plutonium für die Atomwaffen stammen soll.

Wir waren die ersten Amerikaner, die Zutritt bekamen. Wir sahen die Wasserbecken, in denen benutzte Brennstäbe normalerweise lagern. Diese Brennstäbe sind verschwunden. Dann zeigte man uns zwei Holzkisten. In der einen war Plutoniumoxid, in der anderen Plutoniummetall. Beides Produkte, die man nur für Atomwaffen herstellt.

...den Rohstoff für Atombomben.

Dazu mussten die Brennstäbe aus dem Yongbyon-Reaktor entfernt werden. Die USA waren fest entschlossen, dies nicht zuzulassen - auch um den Preis eines Militärschlags.

Warum kam es nicht dazu?

Weil Ex-Präsident Jimmy Carter im letzten Moment vermitteln konnte. Seine Verhandlungen führten schließlich zur Rahmenvereinbarung von 1994. Darin wurde unter anderem vereinbart, den Reaktor einzufrieren. Außerdem ließ Nordkorea Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde ins Land.

Als Gegenleistung sollten vor allem Öl und zwei Leichtwasserreaktoren geliefert werden. Warum wurde diese Vereinbarung nicht umgesetzt?

Es war viel komplizierter, als wir dachten. Ständig gab es irgendwelche Hindernisse. Nordkorea war einfach nicht kooperativ genug. Da hatte sich etwa Japan gerade bereit erklärt, einen Teil der Finanzierung zu übernehmen, als die Nordkoreaner eine Langstreckenrakete testeten - und zwar genau über Japan. Daraufhin war es mit japanischer Finanzhilfe vorbei. Dann gab es Haftungsprobleme bei US-Firmen. Die Nordkoreaner verzögerten alles, jahrelang.

Im Oktober 2000 begleiteten Sie die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright nach Nordkorea. Wie verliefen die zwölfstündigen Verhandlungen mit Kim Jong Il?

Kim Jong Il unterstützte terroristische Aktivitäten. Er ließ sein Volk verhungern. All die grausamen Dinge, die man über sein System berichtet, sind wahr. Aber er ist auch ein rationaler Mensch, der regelmäßig CNN und japanisches Fernsehen guckt. Damit ist er sicher der bestinformierte Mann seines Landes. Er schien selbstbewusst. Sein Außenministerium hatte ihm Notizkärtchen als Gedächtnisstütze vorbereitet. Kein einziges Mal sah er darauf. Und er wusste, was er wollte.

Und was?

Vor allem überleben. Er will Sicherheit. Die Sicherheit, dass die USA sein System nicht weiter bedrohen. Immer wieder sprach er von seinen Generälen. Immer wieder sagte er: "Ich muss meinen Generälen Sicherheiten geben können."

Doch diese Garantie will Präsident Bush nicht geben.

Richtig. Die Bush-Administration, vor allem die Neokonservativen um Vizepräsident Cheney und im Verteidigungsministerium, wollte von Anfang an den Regimewechsel. Ich glaube, Präsident Bush hoffte, zunächst den Regimewechsel durch harte Verhandlungen zu erreichen. Damals vertrat er noch seine "kühle Herangehensweise". Noch im Juli 2002 sollten wir nach Pjöngjang reisen, um über eine Verbesserung der Beziehungen zu sprechen. Diesen Besuch bereitete ich vor. Wir hatten viele Forderungen - und wollten auch Gegenleistungen erbringen.

Woran scheiterte das?

Die Geheimdienste legten ihre Einschätzung des nordkoreanischen Uran-Anreicherungsprogramms vor...

...an dem Nordkorea schon jahrelang gearbeitet hatte. Die Technologie kauften sie bei Pakistans Schwarzhändler Abdul Khan.

Ja. Die Einschätzung war der willkommene Anlass, den Besuch abzusagen.

Hatte die CIA politisch erwünschte Beweise zusammengesucht - wie im Irak mit dessen angeblichen Massenvernichtungswaffen?

Wir haben viele unzuverlässige Informationen aus Nordkorea. Doch beim Urananreicherungsprogramm waren die Erkenntnisse glaubwürdig. Alle Geheimdienste stimmten darin überein. Im Oktober 2002 konfrontierten wir die Nordkoreaner mit unserem Wissen über ihr Programm. Sie waren wie vor den Kopf geschlagen. Damit hatten sie überhaupt nicht gerechnet. Wenige Monate später warfen sie die UN-Nuklearinspektoren aus dem Land und erklärten, man werde jetzt Plutonium produzieren. Die Brennstäbe aus dem Reaktor Yongbyon wurden an einen unbekannten Ort gebracht.

Präsident Clinton wollte Nordkorea genau deswegen angreifen. Weshalb unternahm ausgerechnet Bush nichts?

Ganz einfach: Irak. Der Präsident war vollkommen darauf fixiert. Von Nordkorea war überhaupt keine Rede mehr. Bush machte ganz klar: Die USA würden die Vorgänge in Nordkorea nicht zur Krise erklären. Sonst hätte man sich diesem Problem widmen, eventuell sogar Truppen verlegen müssen. Er ignorierte das Problem. So überschritt Nordkorea ungehindert alle roten Linien - und konnte sein atomares Arsenal in nur zwei Jahren vervierfachen.

Immerhin traf man sich im Rahmen der Sechs-Staaten-Gespräche.

Ja, aber unter welchen Bedingungen? Im April 2003 sollte eine erste Gesprächsrunde in Peking stattfinden mit China, den USA und Nordkorea als Teilnehmern. Im Außenministerium hatten wir eine Gesprächsstrategie erarbeitet. Drei Tage vor dem Treffen informierten wir den Nationalen Sicherheitsrat. Das war mittags. Um 16 Uhr kam die offizielle Weisung aus dem Nationalen Sicherheitsrat: Verbot von Gesprächsaufnahme, Verbot von Verhandlungen. So wurde die gesamte Strategie des Außenministeriums über den Haufen geworfen - und zwar innerhalb von vier Stunden.

Wie verhielt sich Condoleezza Rice?

Sie leitete den Nationalen Sicherheitsrat. Sie verantwortete das Memorandum, es war in ihrem Namen unterzeichnet. Seitdem konnten wir nicht mehr verhandeln. Von einer möglichen Kontrolle über das Nuklearprogramm ganz zu schweigen. Nordkorea trägt die Verantwortung für die Krise. Doch Präsident Bush hat diese Krise einfach ignoriert.

Kann Kim Jong Il nun durch weitere Isolation in die Knie gezwungen werden?

Die Länder in der Region sind eigentlich gegen Sanktionen. Zunächst soll China versuchen, Nordkorea an den Verhandlungstisch zurückzubringen. Doch selbst wenn das gelingt - diese Gespräche reichen nicht. Die USA selbst müssen mit Nordkorea einen Dialog beginnen.

Katja Gloger / print