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Krawall-Tage in der Türkei: Vereint im Protest gegen Ministerpräsident Erdogan

Die Wut der Türken auf ihren Ministerpräsidenten ist groß: Sie haben es satt, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Statt auf Diskussionen setzt Erdogan auf Polizeigewalt. Ein riskanter Kurs.

Ataman Bet kehrt die Scherben vor seinem Kaffeehaus im Zentrum von Istanbul zusammen. Um ihn herum liegt zerbrochenes Glas und andere Reste der Gewalt, die in den vergangenen Stunden hier getobt hat. Doch obwohl Bets Kaffeehaus dabei beschädigt wurde, ist er glücklich. "Wir sind zu einer einzigen Faust zusammengeschmolzen", sagt der 33-jährige. "Die Leute sind wütend - ich bin so stolz auf sie."

So wie Bet denken viele Istanbuler nach den Ereignissen der letzten Tage. Wut auf die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat sich in Massenprotesten entladen, die es so noch nicht gegeben hat seit dem Regierungsantritt der Erdogan-Partei AKP vor zehneinhalb Jahren. "Linke, Rechte, sogar Anhänger von Erdogan" seien unter den Demonstranten gewesen, die sich seit Freitagmorgen immer wieder Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, sagt Bet.

Niederlage für Erdogan

Am Samstagnachmittag kam für die Demonstranten der Durchbruch: Die Polizei zog sich vom zentralen Taksim-Platz in Istanbul zurück, mehrere zehntausend Menschen strömten nach. Am Sonntagmorgen waren nur noch wenige hundert Demonstranten auf dem Platz, auf dem mehrere ausgebrannte Autos lagen. Von der Polizei war nichts zu sehen. Eine Niederlage für Erdogan.

Angefangen hatte alles mit einer friedlichen Protestaktion gegen die geplante Beseitigung des kleinen Gezi-Parks neben dem Taksim. Auf dem Gelände soll ein historisches Kasernengebäude neu errichtet werden, das unter anderem als Einkaufszentrum genutzt werden könnte. Damit verliere das Istanbuler Zentrum eine weitere Grünfläche, kritisierten die Park-Demonstranten. Sie schlugen ihre Zelte unter den Bäumen auf, um die Abolzung zu stoppen.

Doch am Freitagmorgen rückte die Polizei an und räumte das Lager der Demonstranten mit solch brutaler Gewalt, dass die Protestbewegung weiteren Zulauf bekam. Immer neue Straßenschlachten gab es und die Proteste weiteten sich auf andere Städte aus, bis Erdogan am Samstag die Polizei zurückpfiff.

Losschlagen statt diskutieren

Davor hatte der Ministerpräsident die Istanbuler Demonstranten noch verhöhnt. "Ihr könnt machen, was ihr wollt, unserer Entscheidung ist gefallen", sagte er über die Pläne für den Gezi-Park. Diese Art, Andersdenkende auszugrenzen und deren Interessen zu ignorieren, beklagen Gegner Erdogans seit Jahren. Ob es sich um Pläne zum Bau einer neuen Bosporus-Brücke handelt, um das neue restriktive Alkohol-Gesetz oder um den Gezi-Park: Erdogans Regierung stellt das Land immer wieder vor vollendete Tatsachen, diskutiert wird kaum.

Das verleiht Großprojekten in der Türkei ein Tempo, von denen manche Westeuropäer nur träumen können. So soll nördlich von Istanbul in den kommenden Jahren in Rekordzeit der größte Flughafen der Welt entstehen - schon 2017 sollen die ersten Maschinen landen. Doch dass es viele Einwände gegen das Vorhaben gibt, kümmerte die Regierung bisher nicht.

Möglicherweise wird Erdogan nun einiges ändern müssen. Zum Beispiel in der Taktik seiner Polizei, die es bisher gewohnt war, mit größtmöglicher Härte auch gegen kleinste Protestgruppen vorzugehen. Am Samstag sagte Vizepremier Bülent Arinc plötzlich, die türkische Polizei solle doch einmal versuchen, Demonstranten zu überzeugen, statt immer gleich loszuschlagen.

Erdogan lenkt ein

Volk gegen Regierung und Polizei - besonders in Zeiten des Arabischen Frühlings ist das kein Bild, das Erdogans Türkei abgeben will. Auch deshalb betonte der Ministerpräsident am Samstag, seine Regierung habe zwar die Mehrheit im Parlament, achte aber stets darauf, dass die Rechte der Minderheit geachtet würden. Viele Türken haben davon bisher nicht viel gespürt.

Ein Istanbuler Gericht untersagte den Behörden unterdessen bis auf weiteres, die Bäume im Gezi-Park zu fällen. Akif Beki, ein Kolumnist der Zeitung "Radikal" und früherer Regierungssprecher Erdogans, riet dem Ministerpräsidenten, künftig etwas mehr auf die Forderungen aus dem Volk zu hören. Doch dem Ruf vieler Demonstranten nach Erdogans sofortigem Rücktritt wollte sich Beki nicht anschließen: Dafür gebe es die Wahlurne, sagte er: In den nächsten zwei Jahren stehen in der Türkei drei Wahlen an.

Thomas Seibert und Philippe Alfroy, AFP / AFP