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Krawalle in Frankreich: Die Rückkehr zur Ruhe

In Frankreich ist es in der 14. Nacht in Folge zwar wieder zu Brandstiftungen gekommen; die Gewaltwelle hat aber offenbar ihren Höhepunkt überschritten. Trotzdem birgt gerade diese Ruhe eine enorme Gefahr.

Die schweren Jugendunruhen in französischen Vorstädten flauen weiter ab. In der Nacht zum Donnerstag zählte die französische Polizei bis zum frühen Morgen 394 angezündete Autos, während es zu der gleichen Zeit der Vornacht noch 558 gewesen waren. Gesunken ist auch die vergleichbare Zahl der Festnahmen, wie die Polizei weiter mitteilte.

Lokal begrenzte Ausgangssperren in fünf Départements, die Drohung des Staates mit dem Ausnahmerecht auch anderswo und die zunehmenden Patrouillen in den Vierteln von Bürgern, die die Gewalt verhindern wollen, trugen zu dieser Entspannung in der 14. Randale-Nacht bei.

Trotzdem noch Zwischenfälle

Aus Nordfrankreich, der Region um die Millionenstadt Lyon im Osten und dem zuvor besonders unruhigen Département Seine-Saint-Denis bei Paris meldete die Polizei deutlich weniger angesteckte Autos oder sprach sogar von einer "sehr ruhigen" Lage. Zwischenfälle gab es unter anderem im südfranzösischen Toulouse sowie in Belfort in Ostfrankreich, wo Randalierer jeweils Kindergärten anzündeten.

Die Pariser Regierung hatte am Dienstag ein Notstandsgesetz aus dem Jahr 1955 aktiviert, das Ausgangssperren und verschärfte Kontrollen ermöglicht. Auch weil sich die Lage bereits in der Vornacht deutlich beruhigt hatte, wurden nur in fünf von 100 Départements Ausgangssperren verhängt. Darunter war keines der acht Départements rund um die Hauptstadt. In Pariser Vorstädten hatten die Krawalle am 27. Oktober begonnen und sich dann ausgebreitet.

"Marsch für den Frieden"

Scharfe Kritik haben Menschenrechtsorganisationen und linke Parteien an der jüngsten Anordnung von Innenminister Nicolas Sarkozy geübt, alle Ausländer auszuweisen, die im Zusammenhang mit den zweiwöchigen Krawalle verurteilt wurden. Sarkozy sagte am Mittwoch im Parlament, es sei egal, ob die Täter eine Aufenthaltsberechtigung hätten. Bisher wurden etwa 120 ausländische Randalierer verurteilt.

Zu einem "Marsch für den Frieden" an diesem Freitag auf den Pariser Champs-Élysées haben Organisationen und Vereinigungen aufgerufen, die in den Trabantenstädten sozial tätig sind. Sie wollen dazu beitragen, die Gewaltwelle endgültig zu beenden, weil sie einer repressiven Politik Vorschub leiste. Die Pariser Präfektur hat den Marsch entgegen ersten Informationen noch nicht genehmigt.

Furchtbare Bilanz

In der Nacht zum Mittwoch waren noch 617 Autos in Frankreich in Flammen aufgegangen, bereits um nahezu die Hälfte weniger als in der Nacht zuvor. In den 13 Krawallnächten wurden mehr als 6600 Autos in Brand gesetzt und etwa 1800 Randalierer vorübergehend festgenommen.

Das Paradoxon der vermeintlichen Ruhe

Die französische katholische Tageszeitung "La Croix" (Paris) schreibt zum Abflauen der nächtlichen Krawalle in den Vorstädten: "Paradoxerweise liegt in dieser Rückkehr zur Ruhe eine sehr große Gefahr. Wir können jetzt einen großen Seufzer der Erleichterung ausstoßen und zu unseren Alltagsgeschäften übergehen. Damit wenden wir uns aber von diesen Vierteln ab, wo sehr großes materielles und menschliches Elend herrscht. Es geht darum, die familiären und sozialen Bande dort wieder herzustellen, Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten zu schaffen und unsere Betrachtungsweise dieser Trabantenstädte und ihrer Bewohner zu verändern. Diese gehören zu unserer nationalen Gemeinschaft. All das braucht Geld, Zeit und Beharrlichkeit. Aber ohne das wird die nächste Explosion noch viel zerstörerischer sein."

DPA/AP / AP / DPA