HOME

Krieg gegen Hamas: Israel kann nicht gewinnen

Knapp eine Woche nach Beginn der Luftangriffe auf den Gaza-Streifen hat die israelische Regierung ihre Bodentruppen losgeschickt – und ist damit auf das perverse Spiel der Hamas reingefallen. Jetzt können die Radikal-Islamisten die Zerstörung und das Leid Israel in die Schuhe schieben.

Ein Kommentar von Niels Kruse

Wie heftig Israel den Gaza-Streifen auch bombardiert, wie viele Soldaten sie auch immer in den Häuserkampf schickt, Israel wird den Krieg nicht gewinnen. Nicht gewinnen können. Wann immer eine konservative oder eine Mitte-rechts-Koalition, wie jetzt unter Führung der Kadima-Partei, einen Feldzug gegen Feinde des Staates geführt hat, endete er in einer Niederlage.

Wie im Sommer 2006, als es gegen die Hisbollah im Süden des Libanons ging - und Kadima ebenfalls an der Regierung war. Die Hisbollah sollte entwaffnet und der Norden Israels vor Raketenangriffen geschützt werden. Erreicht wurde genau das Gegenteil. Die derzeitige Operation "Gegossenes Blei" wird nicht anders verlaufen.

Offiziell will Israel den Dauerraketenbeschuss des Grenzgebiets in der Nähe des Gaza-Streifens beenden. Dazu werde die Offensive bis zum "bitteren Ende" geführt werden, verkündete Verteidigungsminister Ehud Barak wenige Tage nach Beginn der Luftangriffe. Außenministerin Zipi Livni wurde deutlicher: Die Hamas, die für die Angriffe auf Städte wie Sderot oder Aschekelon verantwortlich gemacht wird, müsse "vernichtet" werden.

Nur wie? Die radikal-islamische Hamas ist kein einheitlicher Block, der wie eine gegnerische Armee klar zu erkennen und so zu bekämpfen wäre. Sie ist eine Bewegung, die grob in zwei Flügel aufgeteilt ist: dem politischen und dem militärischen. Dazu kommen noch Freunde, Unterstützer und sonstige Helfershelfer.

Das Militär nennt so etwas eine "asymmetrische Bedrohung": Die Kombattanten tragen keine Uniform, sie erkaufen oder erpressen sich die Sympathien der Bevölkerung und verschanzen sich in deren Wohnblocks, und traktieren von hier aus den Gegner mit gezielten Kleinangriffen, Anschlägen oder eben Raketenbeschüssen.

Diese Taktik wenden die militanten Palästinenser schon seit Jahren an. Und so ist der eng besiedelte Gaza-Streifen von Anhängern der regierenden Islamisten durchsetzt, hamasfreie Zonen gibt es nur wenige. Die Hamas nimmt die vielen Toten billigend in Kauf, sie sind sogar Teil ihrer Plans: Selten zuvor wurde so viel Geld für die Palästinenser gespendet wie jetzt. Die Proteste aus dem Ausland und die Solidaritätsbekundungen für die Hamas lassen Israel dagegen wie schon in der Vergangenheit kalt.

Je heftiger die Reaktionen - ob nun von Freund oder Feind - desto sturer verhält sich die israelische Regierung. Zumal der Libanon-Krieg nach Meinung rechter Israelis zu früh beendet wurde, weil ein wichtiges Kriegsziel, die Entwaffnung der Hisbollah, nicht erreicht wurde. Diesen Fehler will Israel nicht noch einmal begehen.

Aber Israel scheint zu vergessen, dass jedes palästinensische Opfer die Solidarität unter den Bewohnern des Gaza-Streifens nur stärkt. Jedes Bild von zerfetzten Leichen und Schwerstverwundeten, von hungernden und obdachlosen Zivilisten spielt den militanten Islamisten in die Hände. Jedes Bild zeigt Israel als menschenverachtendes Monstrum. Nicht nur im Nahen Osten, überall in der arabischen Welt wächst, mal wieder, eine Generation heran, in der der Hass gegen den Judenstaat gärt. Die gemäßigten Kräfte auf Seiten der Palästinenser und Araber dagegen finden immer weniger Gehör. Eine bittere Bilanz: Wer im Nahen Osten mitreden will, braucht entweder schweres Geschütz oder eine leidende Bevölkerung.

Die jetzige Racheaktion Israels wäre unnötig gewesen, wenn die Regierung in Jerusalem die Hamas von Anfang ernst genommen hätte. Immerhin wurden die Fundamentalisten 2006 in einer demokratischen Abstimmung an die Spitze des Gaza-Streifens gewählt - von der internationalen Gemeinschaft aber nie als rechtmäßige Führung akzeptiert. Stattdessen: Raketenterror gegen Israel als perverser Schrei nach Anerkennung.

Ihr Kalkül, Israel solange verbal oder mit Raketen zu ärgern, bis es zum Gegenschlag ausholt, scheint gelungen. Jetzt kann die Hamas die Zerstörung und das Leid Israel in die Schuhe schieben. Die Regierung von Ehud Barak hat sich mit der Gaza-Offensive einen Bärendienst erwiesen. Denn: Ohne die Hamas geht es nicht. Weder im Guten noch im Schlechten.