Kriegsverbrechen in Kroatien Gotovina steht vor Gericht - und leugnet


Laut Anklage war er für den Tod von mindestens 150 Serben und die Vertreibung von Tausenden verantwortlich. Doch davon wollte der kroatische General Ante Gotovina bei seinem ersten Auftritt vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal nichts wissen.

Richter Carmel Agius ist etwas umständlich, aber äußerst korrekt. Der 60-jährige Jurist aus dem kleinen Inselstaat Malta ist Vorsitzender der 2. Kammer des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Am Montag leitet er die erste Anhörung des kroatischen Ex-Generals Ante Gotovina, bis zur Verhaftung am vergangenen Mittwoch auf Teneriffa die Nummer drei der am meisten gesuchten Angeklagten des Tribunals.

Drei Wächter bringen den in einen dunklen Anzug gekleideten Kroaten in den Saal III des Gerichtsgebäudes. Gotovinas Gesicht ist sonnengebräunt, er verzieht keine Miene. Auch nicht als die Anklage verlesen wird: Mord an mindestens 150 serbischen Kroaten, Vertreibung von Tausenden, Brandschatzung, Plünderung. Ruhig sagt Gotovina zu allen Anklagepunkten, also sieben Mal: "Euer Ehren, nicht schuldig."

Das Gefängnis als Modell

Vier Jahre lang konnte er sich dem Zugriff entziehen, reiste mit gefälschten Papieren durch die Welt. Immer und immer wieder verlangte UN-Anklägerin Carla Del Ponte, unterstützt von allen westlichen Regierungen, Gotovinas Verhaftung. Am vergangenen Mittwochabend, beim Dinner in einem Hotel auf Teneriffa, war die Flucht zu Ende. Seit Samstagmittag ist Gotovina, der von kroatischen Nationalisten noch immer als Held gefeiert wird, einer von 48 Häftlingen in dem für das Tribunal reservierten Teil eines Gefängnisses in Scheveningen.

Vielleicht will Richter Agius seinen Neuzugang aufmuntern, als er versichert: "Wir sind stolz auf unser Gefängnis. Es ist geradezu ein Modell für die Achtung der Rechte der Gefangenen." Um die ist der Karrierejurist nämlich immer äußerst bemüht. Er fragt den Angeklagten ganz förmlich nach seiner letzten Adresse. Und da dies zur Privatsphäre zählt, bietet er Gotovina sogar an, sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu nennen - obwohl die Nachricht von dessen Festnahme in einem spanischen Ferienhotel um die halbe Welt ging. Gotovina antwortet öffentlich: "Teneriffa, Kanarische Inseln."

Als könne er es noch nicht ganz fassen, schaut der ehemalige General und Fremdenlegionär manchmal geistesabwesend vor sich hin oder lässt den Blick durch den Gerichtssaal schweifen. Während der Verlesung der Anklageschrift scheint er mit Müdigkeit zu kämpfen, reibt sich die Augen. Nur seine Hände verraten Anspannung, ständig streicht er mit dem Finger über seine Lippen. Es dürften Jahre vergehen, bis er diesen Prozess hinter sich hat - und auch dann könnte wieder ein Gefängnis warten.

Thomas P. Spieker/DPA DPA

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