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Kriegsverbrechen: Milosevic gegen den Rest der Welt

Sonnengebräunt und im blauen Anzug präsentiert sich Jugoslawiens Ex-Präsident Milosovic vor Gericht in Den Haag. In einer kämpferischen Verteidigungsrede rechnet er mit seinen Gegnern ab.

Seit zweieinhalb Jahren muss sich der frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic unter schwersten Anklagen vor dem UN-Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag verantworten, und seine Gesundheit gilt als angeschlagen. Zum offiziellen Beginn seiner Verteidigung aber hat sich der jetzt 63-Jährige am Dienstag nach halbjähriger Prozesspause aggressiver denn je präsentiert. Mit leichter Sonnenbräune, wohl als Folge von Hofgängen im Gefängnis am Meer, und im makellosen blauen Anzug mit einem Schlips in den jugoslawischen Farben hielt er vier Stunden lang eine kämpferische Verteidigungsrede. Der Ex-Staatsmann rechnete dabei mit vielen seiner tonangebenden Gesprächspartner von einst ab.

Milosevic sieht sich und seine Serben als Opfer

Die Leitlinie seiner mit Zeitungs- und Buchzitaten gespickten Rede war für die Richter nicht neu: Die Welt, vor allem die im Westen, hat das einst geeinte Jugoslawien zerstört. Die Hauptschuld dafür sollen Deutschland, der Vatikan und die USA mit Hilfe der NATO und mit eigentlich ungewollter Unterstützung durch die EU tragen. Er selber und seine Serben trügen keine Schuld. Sie seien die Opfer, weil das Ausland die von Jugoslawien wegstrebenden Kräfte massiv unterstützt und damit den blutigen Konflikt ausgelöst hätten.

Zum Beleg seiner Thesen griff er auf die Zeiten türkischer Macht und oft auch auf Vorgänge im Ersten und im Zweiten Weltkrieg zurück. In seinem historisch-politischen Diskurs war nur wenig Raum für die Reaktionen auf die gegen ihn erhobenen konkreten Vorwürfe der Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des Völkermords.

Wilde Verschwörungstheorien sind Strategie der Verteidigunglinie

Stattdessen schilderte er seine Verschwörungsthesen, in denen Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und die Ex-Außenminister Heinz-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel, Papst Johannes Paul II und Ex-US-Präsident Bill Clinton führende Rollen spielen. Den Deutschen und dem Vatikan unterstellte er ideologische Gründe. Die einen hätten vollenden wollen, was ihnen in zwei Anläufen im vorigen Jahrhundert auf dem Balkan nicht gelungen sei. Der andere habe den katholischen Einfluss verbreiten wollen. Die USA seien gerissenen "albanischen Terroristen" der UCK auf den Leim gegangen. Und die UN hätten sich als internationale Gemeinschaft missbrauchen lassen, unterstellte er.

Wenig war bei Milosevic zu spüren vom Bluthochdruck oder den Herzproblemen, die seit Prozessbeginn im Februar 2002 über ein Dutzend Mal zu Unterbrechungen der Verhandlung geführt hatten. Allenfalls eine leichte Rötung des Gesichts deutete Erregung an.

Milosevics Rede zeigte kaum Wirkung

Auch wenn er bei seinen Richtern etwas erreichen wollte, tönte er nicht in Moll sondern blieb bei Dur. "Ich bestehe darauf", rief er mehrfach, als er mehr Zeit für seine Einführung einforderte. Und er scheute sich auch nicht, den Richtern wiederholt klar zu machen, dass sie zu einem illegalen Gericht gehörten und einem Instrument des Krieges und nicht der Justiz dienten, eigentlich eine Institution der Nato bildeten.

Aber die Richter reagierten nicht verärgert, wie man es vielleicht hätte erwarten können. Nur einmal mahnte der aus Jamaika stammende Vorsitzende Richter Patrick Robinson fast väterlich: "Seien Sie vorsichtig." Vieles von dem, was Milosevic in seiner umfassenden historischen Darstellung vortrage, sei wohl nicht sonderlich relevant für das Verfahren, meinte er.

Edgar Denter/DPA / DPA