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Krim-Krise: Russlands widerstandslose Invasion

Russland greift nach der Krim. Die Regierung in Kiew scheint zu schwach, die Abspaltung aufzuhalten, ihr entgleitet die Kontrolle. Die Reaktion des Westens bleibt verhalten.

Von Maxim Kireev, Moskau

Nun ist es offiziell. Russland macht ernst und will nun ganz offen Truppen in die Ukraine schicken. Damit wird nun bestätigt, was die ukrainische Regierung gestern bereits verkündet hat. Moskau plant offenbar eine Invasion der russische dominierten Krim, wo es seit Tagen brodelt. Mit dem offiziellen Einmarsch zementiert Russland seinen Status auf der Halbinsel. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums sollen bis zu 6000 russische Soldaten auf der ukrainischen Halbinsel Krim im Süden des Landes gelandet sein. Darüber hinaus befinden sich in Sewastopol noch über 10.000 angehörige der russischen Schwarzmeerflotte, die dort vertragsgemäß stationiert sind. Die Vorsitzende des Föderationsrates Walentina Matwienko schloss jedoch erstmals die Stationierung eines zusätzlichen Kontingents nicht aus, "um das Leben von russischen Bürgern und Angehöriger des Militärs zu schützen".

Schon in den Tagen zuvor konnten sich bewaffnete Männer ohne weitere Kennzeichnung auf der Krim widerstandslos bewegen Im Regierungsviertel von Simferopol haben sich heute Vormittag bereits Soldaten mit Maschinengewehren postiert. Gestern blockierten Bewaffnete die wichtigsten Flughäfen des Landes, nachdem zuvor das Regionalparlament gestürmt wurde. Experten merken an, dass sich die Einheiten professionell und diszipliniert verhielten und in ihrer Ausrüstung an reguläre Einheiten erinnern. Russische Staatsmedien berichten zudem überaus wohlwollen über die Aktionen der Soldaten, die offensichtlich im Interesse Moskau agieren.

Zentralregierung verliert Kontrolle

Vieles spricht dafür, dass Russland die Krim mittlerweile kontrolliert, ohne dass ein einziger Schuss abgefeuert wurde. Wenn Moskau tatsächlich in der Lage gewesen ist, ungehindert zusätzliche Truppen auf der Krim zu stationieren, würde das für einen weiteren Kontrollverlust der neuen Kiewer Regierung über die mehrheitlich von Russen bewohne Region sprechen. Die Bevölkerung der Krim ihrerseits, steht den neuen Machthabern in Kiew äußerst skeptisch gegenüber.

Vor allem die Gesetzesinitiative zur Abschaffung von Russisch als zweiter Amtssprache löste prorussische Proteste in den größten Städten der Halbinsel aus. Moskau nutzte die Lage um seine Interessen auf der Krim durchzusetzen. Einerseits gilt die in Sewastopol stationierte Schwarzmeerflotte als zentraler Baustein der russischen Militärmacht in der Schwarzmeerregion. Zudem betrachten die meisten Russen die Halbinsel als ureigenes Territorium, das durch die willkürliche Entscheidung des sowjetischen Machthaber Nikita Chrustschow an die Ukraine gefallen ist. Tatenloses Zusehen, wie die Krim zusammen mit dem Rest der Ukraine aus dem russischen Einflussbereich entflieht, wäre Putins Unterstützer in Russland schwer zu vermitteln. Zudem auch die offizielle Propaganda die neue Kiewer Regierung seit Monaten als Neonazis zu diffamieren versucht.

Niemand hindert Russland

Der neue Präsident der Ukraine Alexander Turtschinow kann dem Druck Russlands offenbar kaum etwas entgegensetzen. Auch wenn ukrainische Truppen nun in Alarmbereitschaft versetzt wurden, passierte dies fast mehr als 24 Stunden nach den ersten Vorwürfen aus Kiew, Moskau plane die Krim zu besetzen. Dass es zu einer direkten Konfrontation russischer und ukrainischer Truppen kommt, ist daher unwahrscheinlich. Die Reaktion des Westens blieb dagegen überraschend leise aus. Zwar warnte Obama Wladimir Putin vor einer militärischen Invasion. Auch Angela Merkel sprach sich dafür aus, die Einheit der Ukraine zu schützen. Der US-Sender CNN berichtete gestern allerdings das Weiße Haus betrachte die mögliche Landung russischer Truppen, als "uncontested arrival", also als widerstandsloses Eintreffen und nicht als Invasion.

Klar ist, dass bisher noch von keiner Seite konkrete Schritte erfolgten, die Russland daran hindern könnten, die Kontrolle über die Krim zu sichern. Moskau scheint dagegen schnell und gezielt zu agieren. Dieses Vorgehen könnte es dem Kreml erlauben, die Krim ohne eine blutige Militäroperation dauerhaft der Regierungsgewalt Kiews zu entziehen. Unklar bleiben allerdings die weiteren Pläne Moskaus. Zwar hat die Duma ein Gesetz auf den Weg gebracht, das den Anschluss neuer Gebiete an Russland vereinfachen soll. Die Auswirkungen eines solchen Schrittes lassen sich allerdings nicht abschätzen. Auch die Ausweitung des Konflikts auf weitere russisch dominierte Gebiete der Ukraine erscheint vorerst unwahrscheinlich. Erst vor wenigen Stunden versammelten sich zu einer prorussischen Demo in der Millionenstadt Donzek in der Ost-Ukraine nur einige Hundert Menschen mit Russland-Fahnen.