Laos Zwei Deutsche gegen den Hunger


Laos ist bettelarm: 800 Euro verdienen die Einwohner pro Jahr, und wenn nichts mehr zu Essen da ist, bekommen die Kinder dicke Hungerbäuche. Franz Möstl und Holger Grages wollen das ändern.
Eine Reportage von Matthias Schepp

Wie Wundmale stechen die braunen, mal kreisrunden, mal viereckigen Flächen aus dem saftigen Grün des Regenwaldes hervor, Spuren des Hungers und der Not der Einheimischen von den Stämmen der Akka und Khamu. Seit Jahrhunderten leben sie vom Reisanbau. Jeden Sack müssen sie der kargen Landschaft mühevoll abringen. Seit die Menschen im Bergland an der laotisch-vietnamesischen Grenze wegen der besseren Gesundheitsversorgung und der hohen Geburtenrate mehr werden, roden sie immer neue Waldflächen, um Anbauflächen zu gewinnen. Die gerodeten Flächen stecken sie an. Große Rauchsäulen steigen empor. Mit der Zeit tragen Wasser und Wind dann die wenige fruchtbare Erde fort, die nicht mehr durch das Wurzelwerk der Bäume zusammengehalten wird. Die Erosion verkleinert die Anbaufläche weiter. Deshalb reichen die Reisvorräte oft nur für neun oder zehn Monate, in manchen Familien nur für die Hälfte des Jahres. Dann essen die Akka und Khamu Gräser, Bambus und Blätter, die Männer gehen im Urwald auf die Jagd nach Beutelratten und Vögeln und die Kinder bekommen dicke Hungerbäuche.

Brandrodung und Hunger

Im Dorf Kiu Kachan beobachten wir, wie sich eine alte Frau nach sechs Reiskörnern bückt, die beim Umfüllen auf die Erde gefallen sind. Laos zählt mit einem Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 800 Euro pro Jahr zu den ärmsten Ländern der Welt, die Analphabetenrate liegt bei 40 Prozent, die Säuglingssterblichkeit bei zehn. Wer sich in den kargen Bergregionen leisten kann, Hühner oder Schweine zu halten, zählt schon zu den Bessergestellten.

"Wir können es aber schaffen, den Teufelskreis aus Hunger und Brandrodungen zu stoppen", erklärt Franz Möstl. Der Bayer leitet eines der vier Projekte der Deutschen Welthungerhilfe in Laos. Die Deutsche Welthungerhilfe ist seit 1998 in Laos tätig und gibt dort pro Jahr durchschnittlich 1,5 Millionen Euro aus, finanziert den Bau von Brunnen, fördert Schulen und die Umstellung auf Nassreissfelder. Dies steigert die Ernteerträge und schränkt die Brandrodung in den Bergen ein.

Pflanzen für das Vieh

Franz Möstl betreut zusammen mit einem Dutzend lokaler Mitarbeiter 18 Dörfer mit rund 1000 Familien. Sein Nachfolger Holger Grages, ein Agraringenieur ist gerade zu Besuch, um sich darauf vorzubereiten, im April das Projekt von Möstl zu übernehmen.

"Integrierte Landwirtschaft" heißt das Zauberwort. Nicht auf ein Produkt setzen, um satt zu werden, sondern verschiedene Obstsorten und Pflanzen kultivieren. Schon halten die Akka und Khamu Bienenvölker und in einigen Dörfern züchten sie Fische in Teichen statt sie aus den Bächen zu fangen. Der Erfolg: größerer Ertrag und eine bessere Versorgung mit Eiweiß. Schon bauen sie Ananas, Litschi und Mango an sowie Futterpflanzen für verbesserte Tierhaltung. Seitdem bringen die Borstenviecher mehr auf die Waage, die Schweine müssen nicht mehr im Regenwald und Abfällen nach Futter suchen.

40 Cent Strafe

In Ban Phia haben die Khamu Pferche für Schweine direkt vor dem Dorf errichtet. Die Tiere laufen nun nicht nicht länger zwischen den Holz- und Bambushütten herum, wo sie leicht Krankheiten übertragen können. Die Dorfversammlung hat jüngst beschlossen, jeden Tag das Dorf zu kehren. Die Haushalte wechseln sich ab. Auch ein Strafsystem führten sie ein: Wer Abfall auf einen der Wege wirft oder vor seinem Haus herumliegen lässt, muss 5000 Kip bezahlen, umgerechnet 40 Cent, keine kleine Summe in dem armen Landstrich. Ban Phia sieht so sauber aus wie ein Dorf in der Schweiz.

Auf die Annehmlichkeiten westlichen Luxus müssen Franz Möstl und Holger Grager in Muang Mai, dem Sitz der Zentrale des Welthungerhilfe-Projektes, verzichten. Oft fällt die Elektrizität aus, im Winter ist es sehr kalt, in der Regenzeit schwül. Ab und an schicken Verwandte und Freunde ein Paket mit Schinken, Leberwurst und deutschen Zeitschriften. Das sind Festtage. Die beiden Deutschen sind so beliebt, dass sie beinahe täglich zu Familienfeiern eingeladen werden. Weil Laoten beim Feiern aber gerne viel Trinken und keine Familie bevorzugt werden soll, lehnen die beiden die Einladungen meist ab.

Echte und andere Krokodile

Auch wenn die Deutschen mit den Akka und Khamu leben, bleiben sie ein Stück weit Fremde. Holger Grages hat dafür eine einfache Weisheit parat, die er von den Einheimischen im afrikanischen Mali aufgeschnappt hat: "Ein Baumstamm, der viele Jahre im Wasser liegt, wird dennoch kein Krokodil."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker