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Last Call: Ein Königreich für einen Boris

Jedes Land hat seinen Boris. Die Russen ihren Jelzin und Pasternak und überhaupt ganz viele. Die Deutschen haben Boris Becker. Und die Briten haben Boris Johnson, den Bürgermeister von London. Eigentlich gehört Boris Becker zur Hälfte auch den Briten. Er spricht ja von Wimbledon als seinem Wohnzimmer, er hat in London eine Wohnung und liebt die Stadt so sehr, dass er hier sogar eine Tochter gezeugt hat. Er nannte das legendär kurze Treffen mit der Mutter später überaus lautmalerisch „Poom-Bah-Boom“, und das hatte nichts mit Tennis zu tun.

Boris Becker ist auf der Insel immer noch sehr beliebt, vor allem als durchaus sachkundiger Tennis-Moderator. Wenn er englisch spricht, und er spricht hervorragendes englisch, erkennt man den deutschen Boris gar nicht wieder. Manchmal wünschte man sich, er würde auch in Deutschland nur englisch sprechen. Er ist in Großbritannien jedenfalls vermutlich beliebter als in Deutschland. Hierzulande gibt es nun auch keinen Oliver Pocher und keine entsprechend bescheuerten Sendungen, in denen sich Becker zum Affen machen könnte. Die Zeitungen hier schreiben sogar Hymnen über ihn vor Wimbledon. Es ist schön, dass über Becker noch irgendwo Hymnen geschrieben werden.

Der britische Boris ist eine ebenso bunte Figur wie der deutsche. Johnson, 50, amtiert seit sechs Jahren als Bürgermeister von London, und das ist eine verdammte Leistung in einer Stadt, die eigentlich traditionell Labour wählt. Zuletzt wählte sie nicht Labour, aber streng genommen auch nicht die Konservativen. Sie wählte: Boris.

Johnson macht sich gern zum Affen. Aber das geschieht mit Kalkül

Das ist Boris Johnsons große Stärke und große Schwäche zugleich. Er ist seine eigene Marke und er kennt nur ein Parteiprogramm: Boris

Nun will Boris wieder Abgeordneter werden und zumindest ein Jahr lang parallel auch Bürgermeister bleiben. Johnson mit der Wischmopp-Frisur ist der mit großem Abstand populärste Politiker Großbritanniens. Das liegt daran, dass er sich nicht wie ein Politiker benimmt und keine Scheu davor hat, sich coram publico zum Affen zu machen. Dennoch unterscheidet er sich beim Affen machen fundamental vom deutschen Boris. Denn Boris London weiß, was er tut. Meistens. Und wenn er sich zum Affen macht, dann meistens mit: Kalkül.

Die Konservativen feiern seine Ansage als großen Erfolg und klugen Schachzug. Weil der vermeintlich euroskeptische Boris die vielen Euroskeptiker am rechten Rand wieder einsammeln soll. Die Ankündigung seiner Abgeordneten-Anwartschaft verband er denn auch mit einer vermeintlich furchtbar europakritischen Rede und bezog sich dabei auf einen vermeintlich europakritischen Report, der bei genauer Betrachtung aber gar nicht so europakritisch war, sondern eigentlich ein Appell, in einer reformierten EU zu bleiben. Aber die meisten schauten nicht so genau hin.

So macht er das gerne, der Londoner Boris.

Er kann mit Sprache nämlich viel anstellen. Das ist noch so ein Unterschied zum deutschen Boris, wenn der nicht gerade englisch spricht. Vor seiner politischen Laufbahn war er Journalist, arbeitete für die „Times“ und den „Telegraph“, war Herausgeber des Magazins „Spectator“ und sogar als Reporter im Irak-Krieg vor Ort und klaute bei der Gelegenheit eine wertvolle Zigarrenkiste aus dem Bestand von Saddams zweitem Mann Tariq Assiz. Die musste er zurückgeben. Und sich entschuldigen.

Im Entschuldigen hat Boris Johnson eine gewisse Übung und Klasse erreicht, weil er sich dauernd entschuldigen muss für echte Entgleisungen oder doofe Sprüche. Während seines Studiums in Oxford beschuldigte ihn sein Tutor, aus einem Lehrbuch abgeschrieben zu haben. Johnson gestand stilvoll: „Es tut mir wirklich furchtbar leid. Ich war so beschäftigt, dass ich nicht mal die Zeit hatte, Fehler einzubauen.“

Er musste sich im nordenglischen Liverpool entschuldigen, weil er der Stadt in einem Beitrag für den „Spectator“ attestierte, sie suhle sich in einer Opfer-Rolle und besitze eine zutiefst unattraktive Psyche.

Er musste sich im südenglischen Portsmouth entschuldigen, das er als Kaff voller „Drogenabhängiger, Übergewichtiger, Underachiever und Labour-Abgeordnete“ bezeichnete.

Er musste sich sogar bei einem ganzen Volk entschuldigen, als er seine Partei mit Kannibalen aus Papua Neuguinea verglich, danach aber stilvoll zu Kreuze kroch: „Ich bin sicher, dass das Volk von Papua Neuguinea ein tadellos bürgerliches Leben führt.“

Sein Kindheitstraum: König der Welt werden

Wenn er sich nicht gerade entschuldigt, verspricht Boris Johnson irgendwas. Er versprach männlichen Wählen schnellere und größere Autos und deren Freundinnen größere Brüste. Natürlich nur für den Fall, dass sie für ihn stimmen. Er versprach im Übrigen auch, dass er keinesfalls wieder Abgeordneter werden will. Und nun kandidiert er also doch. Johnson ist ein bisschen wie Franz Beckenbauer, den sein Geschwätz von gestern nie kümmert. Und dem man immer wieder auch den größten anzunehmenden Unsinn verzeiht. Alte Kollegen von der Zeitung nennen ihn wegen seiner Art, sich permanent durchzulavieren und wegen seiner weißblonden Haare und hellen Haut auch „das schmierige Albino-Schweinchen“.

Die Briten haben sich an ihn gewöhnt und irgendwie auch lieb gewonnen. Eigentlich passt er gar nicht nach Westminster, sondern eher in den Zirkus. Der Zirkus wäre jeden Tag ausverkauft. Und seine erste Phase als Abgeordneter im Parlament vor zehn Jahren verlief auch alles andere als reibungslos. Die Tory-Leute brachte Johnson regelmäßig zur Verzweiflung, weil er bei Abstimmungen gedankenverloren gerne zum falschen Lager taperte und sich mitten unter Labour-Leuten befand. Geschenkt. Vergessen.

Dieser Johnson ist ein grandioser Selbstvermarkter, in dessen Amtszeit London wunderbare Olympische Spiele ausrichtete. Und in dessen Amtszeit die Stadt derart boomte, dass sie sich vom Rest des Landes und auch von vielen Bürgern der Stadt entfremdete. Er vergleicht London manchmal mit einem eigenen Land, wenn er von der Wirtschaftskraft der Stadt schwärmt. Und das ist London vielleicht auch: reich und elitär und weit weg von der Basis. Ein eigenes Land, fast ein eigener Planet. Vielleicht verliert Johnson deshalb irgendwann die Bodenhaftung. Als Kind antwortete er auf die Frage, was er später mal werden wollte mit „König der Welt“. Vorerst muss es ein Vereinigtes Königreich tun.

Johnson will Premier werden. Das sagt er natürlich nicht so. Aber jeder weiß es. Er sagt stattdessen, dass er seine Chancen gewählt zu werden für in etwa so hoch hält „wie von einem Frisbee geköpft oder als Olive wiedergeboren zu werden“.

Mit anderen Worten: Boris Johnson glaubt fest daran.

P.S. und ach ja: Boris London wollte mal mit Boris Deutschland Tennis spielen. Becker meldete sich nicht auf dieses Angebot. Das war klug. Wenigstens einer von beiden hätte sich garantiert zum Affen gemacht.