Libanon-Konflikt Christen im Bombenhagel


Libanons christliche Gemeinde wird Opfer der israelischen Luftangriffe. Kampflugzeuge haben das Kernland der Christen unter Beschuss genommen. Unterdessen sind bei einem israelischen Angriff nahe der libanesischen Grenze zu Syrien mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen.

"Das hier ist doch kein Hisbollah-Land!", schreit eine schockierte Christin, als sie die von israelischen Kampfflugzeugen zerbombte Brücke unweit ihres Hauses sieht. "Der Libanon ist nicht für die Hisbollah", stammelt sie, als sie mitansehen muss, wie Rotkreuz-Helfer versuchen, ein unter den Trümmern verschüttetes Auto zu bergen. Am frühen Freitagmorgen hatten israelische Kampfflugzeuge vier Brücken nördlich von Beirut zerstört. Auf die Brücke in Dschunijeh, nahe dem berühmten "Casino du Liban", hatten sie zwei Raketen abgefeuert. Dschunijeh, eine Hafenstadt 20 Kilometer nördlich von Beirut, ist Kernland der libanesischen Christen, die sich bislang von dem Krieg zwischen Israel und der radikal-schiitischen Hisbollah- Miliz nicht direkt betroffen gefühlt hatten.

"Israelis führen Vernichtungskrieg"

Doch immer mehr Christen wird bewusst, dass der Krieg vor ihnen nicht Halt macht, auch wenn bislang die schiitischen Vorstädte von Beirut und der Südlibanon im Mittelpunkt der israelischen Angriffe standen. "Die Israelis führen einen Vernichtungskrieg gegen den Libanon", ereifert sich der Christ Tony Feghali, der gleichfalls nicht weit weg von der zerbombten Brücke wohnt.

Wegen des Kasinos, seinen einladenden Stränden, eleganten Hotels und Restaurants wird Dschunije von seinen Bewohnern und Gästen gerne auch "Monte Carlo" des Libanons genannt. "Allein schon deshalb ist dies hier definitiv keine Hisbollah-Hochburg", betont der Hotelbesitzer Joseph Semaha. "Niemand ist in diesem Land mehr sicher", fügt er hinzu. "Das ist ein Krieg Israels gegen die libanesische Zivilbevölkerung und Infrastruktur und nicht, wie Israel behauptet, gegen die Hisbollah."

Bei Luftangriff sterben 23 Menschen

Bei einem israelischen Luftangriff nahe der libanesischen Grenze zu Syrien sind am Freitag nach offiziellen Angaben mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen. Vei den Opfern soll es sich um Landarbeiter handeln, die im Niemandsland zwischen dem Libanon und Syrien Gemüse ernteten.

Die israelische Luftwaffe hat am Freitag vier Brücken im Norden von Beirut bombardiert und damit die letzen Straßenverbindungen Richtung Syrien unterbrochen. Zuvor waren auch die schiitischen südlichen Vorstädte von Beirut aus der Luft angegriffen worden. Insgesamt kamen mindestens fünf Menschen ums Leben, 15 weitere wurden verletzt, bestätigte die libanesische Polizei. Eine der zerstörten Brücken entlang der nördlichen Küstenstraße nach Syrien lag in der vorwiegend von Christen bewohnten Hafenstadt Dschunije, in der Nähe des berühmten "Casino du Liban".

Krankenhäuser droht Schließung

Die israelische Blockade der libanesischen Seehäfen und die Zerstörung von Brücken und Straßen durch israelische Luftangriffe stellt die Krankenhäuser im Libanon vor zunehmende Probleme. Weil Dieseltreibstoff wegen der Unterbrechung der Transportwege immer knapper wird, sind einige Kliniken bereits von der Schließung bedroht. "Am schlimmsten ist es in den südlichen Städten Tyrus und Sidon", berichtete der libanesische Gesundheitsminister Mohammed Chalife am Freitag in Beirut. "Diese Krankenhäuser sind überbelegt und bekommen keinen Nachschub an medizinischem Bedarf und an Treibstoff."

Der Leiter des Krankenhauses der Amerikanischen Universität in Beirut, George Tohme, sagte am Freitag, seine Einrichtung verbrauche nur noch so viel Diesel wie unbedingt nötig. Damit wurde der Verbrauch auf die Hälfte im Vergleich zu normalen Zeiten gesenkt. Wenn jedoch kein Nachschub eintrifft, "müssen wir in einer Woche schließen", sagte Tohme.

Nach offiziellen libanesischen Angaben liegen zwei niederländische Öltanker vor der Küste von Zypern. Diese hätten aber von Israel bislang keine Erlaubnis erhalten, den Libanon anzulaufen. Seit Beginn der israelischen Angriffe auf Ziele im Libanon gibt es häufig Stromabschaltungen, Treibstoff wird rationiert. Vor den Tankstellen bilden sich regelmäßig lange Schlangen.

Hisbollah: Sechs Israelis getötet

Indes gingen am Freitag die Kämpfe zwischen israelischen Bodentruppen und Hisbollah-Milizionären im Südlibanon unvermindert weiter. Nachdem israelische Truppen in den Ort Aita al-Schaaba eingerückt waren, konzentrierten sich die Kämpfe auf das Gebiet um Markaba, bestätigten libanesische Sicherheitskreise und UN- Beobachter. Nach Darstellung der Hisbollah-Miliz sollen dabei sechs israelische Soldaten getötet worden sein. Von israelischer Seite wurde dies zunächst nicht kommentiert.

Eine israelische Militärsprecherin sprach von "intensiven und sporadischen" Gefechten im Umfeld von rund 20 Dörfern im Südlibanon, wo Israel die Hisbollah aus einem mehrere Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze zurückdrängen will. Dabei zerstörten die israelischen Einheiten "die Infrastruktur der Hisbollah", sagte die Sprecherin, darunter Bunker und mobile Raketenstellungen.

Spekulationen, die israelische Armee habe den Befehl erhalten, bis zu dem mehr als 20 Kilometer hinter der Grenze liegenden Fluss Litani vorzustoßen, wurden hingegen zurückgewiesen. Wie die israelische Tageszeitung "Haaretz" am Freitag schrieb, befürwortet Verteidigungsminister Amir Perez diese Option, während Ministerpräsident Ehud Olmert eine ablehnende Haltung zeige.

DPA DPA

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