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Libyen nach Gaddafis Sturz: Auf der Suche nach dem Alltag

Der verhasste Diktator ist verschollen, doch Tripolis bleibt im Ausnahmezustand. Nahrung und Benzin sind knapp, viele Libyer traumatisiert. Doch es gibt Hoffnung.

Von Anna Miller

Es war die erste Nacht seit langer, langer Zeit, in der sie schlafen konnte, länger als erwartet. Die Nächte sind stiller hier in Tunesien. Und doch verblassen Anja Wolz' Erinnerungen an die vergangenen fünf Monate in Libyen, zwischen den kämpfenden Fronten, zwischen Leichenbergen und eingestürzten Bauten, nicht. Anja Wolz hat den libyschen Krieg aus den Augen einer Krankenschwester für Ärzte ohne Grenzen gesehen. Und auch wenn dieser Krieg, der Libyen und die Welt in den vergangenen Monaten in Atem hielt, vorbei zu sein scheint, die Menschen Diktator Muammar al Gaddafi als gefallenen Mann verhöhnen, so liegt doch noch immer Verzweiflung in der Luft, Gefahr und, vor allem: Erinnerungen.

"Als wir ankamen, in Tripolis, fehlte es einfach an allem. Es war kein ärztliches Material da, keine Medikamente, kein Wasser, kein Benzin. Die Lage war sehr chaotisch", sagt Wolz. Es gab nicht genügend Sauerstoff für die Patienten, die entsprechende Fabrik war zerstört worden. Kaum einer wagte sich in das Trauma-Krankenhaus in Abu Salim bei Tripolis hinein. 22 Patienten lagen im Gebäude, hundert Leichen davor. Viele Angestellte hätten Angst gehabt, das Haus überhaupt zu betreten. "Ein Arzt hat mir erzählt, dass er nicht mehr zurück kann", sagt Anja. Zu traumatisch seien die Erlebnisse gewesen. Kein Vergessen möglich. Immerhin: Die Lage bessert sich stetig, seit die Rebellen die Stadt kontrollieren und der Diktator geflohen ist, berichtet die Krankenschwester. Den Leuten könne geholfen werden, das Personal sei zurückgekehrt.

Die seelischen Wunden

"Die Lage entspannt sich allmählich ein wenig", berichtet auch Fotograf Bruno Stevens. Er war die vergangenen Monate in Libyen unterwegs. Die Landwege sind nun offen, so dass die Nahrungsmittel und Medikamente leichter ins Land kommen.

Die seelischen Wunden der Menschen in Tripolis werden aber noch nicht genügend versorgt. Viele leiden an Traumata. "Eine Mitarbeiterin fing nach zwei Minuten an zu weinen. Wir brauchen Psychologen in Tripolis." Und immer noch kommt es zu bedrohlichen Situationen. Wolz erzählt von Schüssen im Haus nebenan, von 16-jährigen Patienten, denen nicht mehr geholfen werden kann, von deren Angehörigen, die das nicht glauben wollen, und von Unzähligen, die durch Tripolis irren, auf der Suche nach ihren Angehörigen, die spurlos verschwunden scheinen.

Doch die Solidarität unter den Helfenden sei riesig, berichtet die Krankenschwester, die Leute zögen alle am gleichen Strang. "Die Menschen bringen uns Essen und Wasser. Ein Rechtsanwalt putzte bei uns im Krankenhaus." Die Libyer wollen ihr Leben und ihr Land wieder aufbauen - koste es, was es wolle. Die Nahrung ist zwar knapp, das Wasser reicht auch nicht für jeden, aber geplündert werde nicht. "Das würde ihr Glauben nicht zulassen." Viel zu positiv gestimmt seien die Menschen. Sie glauben: "Der Krieg ist vorbei." Schüsse entpuppten sich vielerorts als Freudenfeuer - womit man allerdings Gefahr läuft, in die Schüsse letzter Gaddafi-Treuer zu laufen. Einige Feiernde schießen sich da auch mal selbst ins Bein, vor lauter Übermut über einen vermeintlichen Sieg, der so noch nicht besiegelt ist.

Schlangen an den Tankstellen

Heute endet der Fastenmonat Ramadan, dann werden die Menschen wieder in ihr reguläres Leben zurückkehren, auch in Tripolis. Ein großes Problem: Die Nahrungsmittelpreise sind in den vergangenen Wochen stets gestiegen. Viele der Einwohner können sich deshalb nicht mehr ausreichend mit Lebensmitteln versorgen. Vom Benzinpreis ganz zu schweigen. Bereits seit Mai ist Sprit knapp und teuer. die Situation wird aber zunehmend kritischer. "Hunderte stehen vor den Tankstellen an, um Benzin zu kriegen", sagt Anja. "Das ist wohl das größte Problem zurzeit."

Auch Stevens klagt: "Es ist schwierig für die Familien, an genügend Nahrung zu kommen. Die Preise sind sehr hoch." Viele Libyer - bei aller Freude über den Sturz Gaddafis - scheinen in einer Art Schockzustand zu leben. Die Leute seien "nervös, ängstlich", wagten sich kaum auf die Straße. Die Spitäler seien zudem voll mit Verwundeten.

Die Menschen versuchen jetzt mühsam, ihr Leben weiterzuführen. Obwohl in der Stadt noch immer geschossen wird, obschon immer noch Patienten sterben. "Ich bin zuversichtlich, dass sich die Lage in einer Woche normalisiert hat", hofft Anja Wolz. Seit Montag ist sie in Tunesien. In einer Woche wird auch Anja Wolz zurückkehren - nach Deutschland. "Ins ruhige Deutschland", wie sie es nennt. Dann ist ihr fünfmonatiger Einsatz beendet. Sie klingt erleichtert - und sehr erschöpft.