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Krieg gegen Gaddafi Der Kampf um Libyen hat gerade erst begonnen


Kein Wasser, keine Ärzte, keine Sicherheit: Während in Libyen die letzten Kämpfe toben, müssen die neuen Machthaber schnell viele Probleme lösen - wenn sie ihre Basis nicht verlieren wollen.

Der Westen des Landes: unter Kontrolle der Gaddafi-Gegner. Der Osten des Landes: ebenso. Auch die Hauptstadt Tripolis ist in den Händen der Rebellen. Nur vereinzelt wehren sich die Getreuen des Ex-Machthabers noch, in Gaddafis Geburtsort Sirte etwa. Alles in allem neigt sich der monatelange Kampf gegen den Ex-Diktator dem Ende zu, Libyen hat sich aus den Klauen des selbsternannten "Königs aller afrikanischen Könige" befreit, der eigentliche Kampf um das Land aber hat erst begonnen.

Da wäre etwa die Haupttrophäe des Krieges, die immer noch frei herumläuft: der Ex-Machthaber selbst. Zwar haben seine Gegner schon vor Tagen das prestigeträchtige Anwesen erobert und dabei die Symbole seiner Macht geschändet, doch so lange Gaddafi nicht gefasst ist, wird der 69-Jährige wie ein wenig verheißungsvolles Phantom über dem Land schweben und seinen Anhängern Kampfkraft verleihen. Leider weiß derzeit niemand, wo sich der Gejagte aufhält. Den Gerüchten zufolge soll er bereits ins Ausland geflüchtet sein: Algerien ist dabei im Gespräch, genau wie der Tschad, aus dem viele derjenigen Söldner stammen, die Gaddafi angeheuert hat, um sein eigenes Volk zu bekämpfen.

Wird das Regime Chemiewaffen einsetzen?

Und natürlich fällt immer wieder der Name Sirte, Hochburg seiner Anhänger. Vor den Toren der Stadt an der Küste stehen die Rebellen nach eigenen Angaben zum Angriff bereit. Auch wenn die Übergangsregierung seit Tagen über eine friedliche Übergabe der Stadt verhandelt, laufen gleichzeitig Angriffe der Nato. Die Allianz beschießt Militärziele in der Umgebung. Vor allem, weil die Rebellen befürchten, dass die regimetreuen Truppen über Chemiewaffen und Raketen verfügen könnten. Der arabische Nachrichtensender al Dschasira zitiert Fadl Harun, einen Rebellen-Befehlshaber, der sagte, im Fall eines Angriffs mit diesen Waffen, würden sie auf Unterstützung der Nato setzen: "Sobald die Nato den Weg freigemacht hat, werden wir auf Sirte vorrücken", sagte er.

Allerdings kämpfen die Aufständischen derzeit noch mit Nachschubproblemen: Für die Operation in dem strategisch wichtigen Ort würden mehr erfahrene Kämpfer gebraucht, heißt es bei al Dschasira. Die Rebellen allerdings sind nach eigenen Angaben damit beschäftigt, die eingenommene Hauptstadt Tripolis zu befrieden. Und solange Sirte nicht gefallen ist, ist Libyen aus Sicht der Rebellen noch nie vollständig befreit: Mahmud Dschibril, Chef der Übergangsregierung, sagte der arabischen Tageszeitung "Shark al Awsat": "Das Regime ist noch nicht gestürzt".

Die Ergreifung Gaddafis mag die Krönung des Aufstandes sein, der militärische Sieg eine Frage der Zeit, aber es sind Alltagsprobleme, die den Aufständischen, die im Grunde genommen keine Rebellen mehr sind, sondern die eigentlichen Machthaber, die ihnen die Legitimation in der Bevölkerung kosten könnten: Wie etwa die äußerst angespannte Versorgungslage in Tripolis: Zwar haben die Lebensmittelgeschäfte mittlerweile wieder geöffnet, aber die Regale seien meist leer, berichtet eine Reporterin von al Dschasira. Außerdem fehlt es in vielen Häusern und Wohnungen an fließendem Wasser, und Strom gebe es nur zeitweise. Erst am Wochenende hat der Übergangsrat die humanitäre Krise in der Hauptstadt eingeräumt.

Auch in den Krankenhäusern von Tripolis sei dramatisch. Der Sprecher des Rates, Schamsiddin Ben Ali, sagte, wegen der vielen Verletzten, seien außer Ärzten auch mehr Nachschub an Medikamenten und medizinischem Gerät notwendig. Er forderte deswegen alle im Ausland arbeitenden libyschen Ärzte auf, sofort in ihre Heimat zurückzukehren.

Fahrzeug besprüht, geplünderter Hausrat mitgenommen

Und auch wenn die Kämpfe sich nur noch auf wenige Gegenden beschränken, fühlen sich viele Menschen noch lange nicht sicher in ihrem Land: Die Nachrichtenagentur DPA berichtet von einer Frau aus Tripolis. Sie erzählt, eine Gruppe von Männern habe ihr Haus geplündert, das Auto der Familie mit dem Logo der Revolutionäre besprüht und das Fahrzeug mitsamt dem geplünderten Hausrat mitgenommen. "Geh zu dem Verantwortlichen des lokalen Rebellenkomitees", sagt einer der Kommandeure der Rebellenbrigaden. Doch helfen können sie ihr nicht.

Ähnlich ratlos stehen die neuen Machthaber auch anderen praktischen Problemen gegenüber, als bei den Rebellenbrigade plötzlich ein Mann mit Turban vorstellig wird und sagt: "Ich vertrete die jungen Männer aus der Nachbarschaft, wir wollen den Revolutionären helfen, aber dafür müsst ihr uns Ausweise vom Zivilrat beschaffen, damit jeder weiß, dass wir zu den Rebellen gehören." "So einfach geht das nicht", antwortet Mohammed al Ghannai, der Assistent des Kommandeurs. "Ihr müsst erst jemanden bringen, der zur kämpfenden Truppe gehört und der für euch bürgt", sagt er.

Sie hatten den Mann zurechtgemacht wie eine Braut

Der Mann, eigentlich Besitzer einer Firma für Überwachungskameras und Alarmsysteme, erzählt eine Geschichte, von der er weiß, dass sie ein schlechtes Beispiel für den Rechtsstaat ist, den die Übergangsregierung nach eigener Aussage schaffen will: "Während der Revolution hatte einer der bekannten Moderatoren des libyschen Staatsfernsehens in seiner Sendung eine Kalaschnikow in die Hand genommen und erklärt, er werde bis zur letzten Kugel kämpfen und dass es unmöglich sei, dass die Revolutionäre eines Tages in Tripolis die Macht übernehmen.

Er sagte: "Wenn das passieren sollte, dann würde ich mich anziehen wie eine Frau mit Kopftuch." Als ihn die Revolutionäre jetzt zu fassen kriegten, haben sie ihn als Frau angezogen, sie haben ihn geschminkt, ihm die Hände mit Henna rot gefärbt und ihn fotografiert. Sie haben ihn zurechtgemacht wie eine Braut, ich habe das Foto selbst auf dem Handy eines Freundes gesehen." Es gibt noch sehr viel zu tun in Libyen.

Niels Kruse mit DPA/AFP/Reuters Reuters

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