Machtwechsel in Washington Das Weiße Haus ist für alle da


Es wird ein perfekt organisierter Machtwechsel. Wenn Barack Obama ins Weiße Haus zieht, beginnt auch für Tausende Amerikaner ein neuer Lebensabschnitt - sie bewerben sich emsig auf Regierungsjobs. 3000 sind zu vergeben, 350.000 Menschen haben sich bereits beworben.
Von Sabine Muscat, Washington

Für Barack Obama ist Wendell White kein Weg zu weit. Er würde für den neuen US-Präsidenten sogar aus Georgia weggehen, seiner Heimat, wo er mit seiner Frau und seiner 13 Monate alten Tochter lebt. Denn seit er als Obamas Helfer in den Wahlkampf gezogen ist, lässt den 39-Jährigen die Botschaft des neuen Präsidenten nicht mehr los. Change!

3000 Stellen werden frei

White, selbst Afroamerikaner, ist Kreditberater. Jetzt will er mithelfen, wenn Obama anfängt, das Land zu regieren. Er hofft, dass Obama seine Branche transparenter macht: "Das ist mein Mann", sagt er. Seit Wochen studiert White das "Plum Book", ein pflaumenfarbenes Buch, in dem auf 210 Seiten die rund 7000 Posten aufgelistet sind, die es in einer US-Regierung so gibt. Vom Redenschreiber des Präsidenten bis zum Mittelstandsspezialisten im Energieministerium. Mehr als 3000 dieser Stellen werden mit dem Ende der Regierung von George W. Bush frei.

Da könnte doch auch etwas für Wendell White dabei sein. Familie oder Freunde hat er zwar keine in der rund 1000 Kilometer entfernten Hauptstadt, doch seine Ehefrau hat er schon überredet: Wenn er eine Chance bekommt, zieht die Familie dorthin. White will seinem Präsidenten dienen.

Nun wird Barack Obama sein Amt antreten. Die Zeremonie wird seit langer Zeit generalstabsmäßig vorbereitet - es soll der perfekte Übergang sein, akribisch organisiert, orchestriert und zelebriert. Für Washington ist es eine Zäsur: Acht lange Jahre war die Stadt in der Hand der Republikaner. Nun herrscht Aufbruch, die Euphorie des Wandels, neue Leute zieht es in die Hauptstadt, Posten werden besetzt. Ein Macht- und Wachwechsel.

Während die einen auf einen neuen Anfang hoffen, geht für andere ein Lebensabschnitt zu Ende. "Am 20. Januar ist alles vorbei. Mit dem Beginn der Amtseinführung ist unser Job erledigt", sagt Babs Chase.

Jüngst hat sie Abschied gefeiert, ihr Büro ist leer bis auf einen großen Blumenstrauß auf dem Schreibtisch. Chase war zuletzt im Außenministerium für die Betreuung ausländischer Journalisten zuständig - mit ihnen erlebte sie das Wahlkampfjahr. Zuvor war sie im Pentagon, organisierte die Öffentlichkeitsarbeit für die Truppen im Irak. "Es war ein Sitz in der ersten Reihe der Geschichte", sagt sie.

350.000 wollen für Obama arbeiten

Auch jetzt hoffen viele auf die Chance ihres Lebens. Rund 350.000 Bewerbungen sind beim "Presidential Transition Team" in der 6th Street in Washington eingegangen, sie werden dort von über 50 Mitarbeitern gesichtet. "Die Leute tragen den Enthusiasmus aus dem Wahlkampf in die Übergangsperiode", sagt ein Sprecher des Obama-Teams. "Wir bleiben mit den Unterstützern in Kontakt, die hart gearbeitet haben, damit Obama gewählt wurde."

Mit Leuten wie Wendell White. Im vergangenen Sommer hatte er sieben Wochen unbezahlten Urlaub genommen, um sich zum freiwilligen Wahlkampfhelfer ausbilden zu lassen. Dann ging er auf die Jagd nach Wählern, gab Hauspartys, um Obamas Botschaft zu verbreiten.

Bis der Kreditberater erfahren wird, ob Obama ihn dabeihaben will, können noch Monate vergehen. Zwar hat noch kein gewählter Präsident die wichtigsten Kabinettsposten so schnell besetzt wie Obama - 13 ranghohe Regierungsmitglieder haben ihre Anhörungen zur Bestätigung durch den Senat bereits hinter sich. Doch es ist ein langwieriges Unterfangen, bis auch die unteren Ränge gefüllt sind.

Drei Millionen werden erwartet

Babs Chase weiß noch, was Warten heißt. Fast ein Jahr dauerte es damals, bis ihre Bewerbung bearbeitet war - der Anruf aus Washington kam am Morgen des 12. September 2001, einen Tag nach den Terroranschlägen in New York und Washington. "Wollen Sie trotzdem kommen?", fragte der Mann aus dem Verbindungsbüro des Weißen Hauses. Fünf Tage später fuhr Chase mit ihrer Mutter im Auto von Tennessee nach Norden und trat ihre Stelle im Arbeitsministerium an: "Nichts konnte mich aufhalten."

Viele wollten damals mit anpacken, um die Nation von ihrem Schock zu heilen. Doch die Aufbruchstimmung, die seit der Wahl Obamas in Washington herrscht, stellt alle früheren Regierungswechsel in den Schatten - und steht in merkwürdigem Kontrast zur wirtschaftlichen Lage im ganzen Land. Auf der einen Seite die Geschäfte, der Schlussverkauf läuft schleppend, trotz 70 Prozent Rabatt.

Souvenirverkäufer verdienen sich eine goldene Nase

Auf der anderen Seite die Souvenirverkäufer - an allen Straßenkreuzungen stehen sie und verdienen sich mit Obama-Devotionalien eine goldene Nase. Die Stadtregierung bereitet sich auf den Ansturm von drei Millionen Gästen vor, die bei Obamas Amtseinführung dabei sein wollen.

"Washington erlebt ein Hoch wie seit Jahren nicht mehr", sagt Carla Cohen, Mitinhaberin der liberalen Traditionsbuchhandlung "Politics and Prose" im Stadtteil Cleveland Park. So etwas hat sie zuletzt vor über 40 Jahren gesehen. "Als John F. Kennedy zum Präsidenten gewählt worden war, kamen viele Leute nach Washington, weil sie Teil einer neuen Bewegung sein wollten", erinnert sich die 72-Jährige. "Heute ist das auch so."

Viele junge Menschen tummeln sich in den Straßen Washingtons und testen schon einmal das Nachtleben in den angesagten Stadtteilen Dupont Circle, Georgetown und Adams Morgan. Neugierige Neuankömmlinge aus allen Teilen des Landes, die sich mit der Hauptstadt bekannt machen müssen.

Kleine Invasion aus den Nordstaaten

Sie werden in ihren Lunchpausen das Steakhaus Capital Grille kennenlernen oder "Off the Record", die Bar des Hay Adams Hotels, in dem Obama und seine Familie derzeit wohnen. Beides Orte, an denen sich die rauen, aber herzlichen Republikaner wohlfühlten, die der Texaner Bush nach Washington geholt hatte. "Washington war lange in der Hand von Südstaatlern", sagt Chase - schließlich war auch der Demokrat Bill Clinton Gouverneur von Arkansas, bevor er Präsident wurde.

Mit Obama kommen nun die Liberalen aus dem Norden. Die Südstaatlerin Chase weiß nicht so genau, was sie von ihnen halten soll. "Ich bin mir sicher, dass es nette Leute sind - aber es wird anders werden." Noch weiß keiner, wo sie hinziehen und wo sie ihre Stammkneipen gründen werden.

Der Großteil des neuen Kabinetts besteht allerdings aus Washington-Insidern. Der Präsident hat sich kräftig aus den liberalen Forschungsinstituten der Stadt bedient. Bei der Brookings Institution gibt es mittlerweile viele leere Schreibtische. Das Center for American Progress, von John Podesta als Antwort auf republikanische Kaderschmieden gegründet, galt ohnehin als ein"Weißes Haus auf Abruf". Podesta ist derzeit Leiter von Obamas Übergangsteam.

Auch andere Organisationen und Interessenverbände werben für sich. Ob Umweltschützer, Frauen oder Latinos - sie alle haben eine Lobby, die dafür sorgen will, dass ihre Gruppe angemessen repräsentiert wird. "Obama hat Vielfalt in der Regierung versprochen", sagt Denis Dison, Sprecher des Gay and Lesbian Leadership Institute: "Daran muss er sich messen lassen."

Karriereberater haben Konjunktur

Gemeinsam mit zwölf Schwulenverbänden hat das Institut 1500 Bewerbungen eingesammelt. Nun geht es darum, möglichst viele von ihnen mit Empfehlungen weiterzureichen. Zur Freude Disons haben einige prominente Homosexuelle schon den Zuschlag bekommen. Unter ihnen sind Nancy Sutley, die künftige Leiterin des Rats für Umweltqualität im Weißen Haus, und Fred Hochberg, der zwar nicht Innenminister, aber immerhin Chef der Import-Export Bank werden soll.

Wer sich allein mit dem Plum Book herumschlägt, hat gegen so viel organisierte Konkurrenz schlechte Karten. Wendell White hat deshalb die Karriereberaterin Kathryn Troutman eingeschaltet, die auf Bewerbungen für Regierungsposten spezialisiert ist. "Ich habe viermal mehr zu tun als in normalen Monaten", berichtet sie. Die Mischung aus Obama-Fieber und hoher Arbeitslosigkeit hat die Nachfrage nach Regierungsjobs stark ansteigen lassen.

"Viele Leute wissen nicht, dass ein Lebenslauf bei einer Regierungsbewerbung im Schnitt vier Seiten lang sein muss", sagt Troutman. "Es geht darum, jede Aufgabe, die man je übernommen hat, zu beschreiben und jeden Teilerfolg zu verzeichnen. Und im Obama-Team wird besonders großer Wert auf Teamgeist und Führungsstärke gelegt."

Republikaner müssen sich nach neuen Posten umsehen

Aber auch viele Republikaner müssen sich in diesen Tagen nach neuen Posten umsehen. Nicht alle können in den Oppositionsjahren bei einem Thinktank überwintern, der ihrer Partei nahesteht. "Wir haben einen enormen Zulauf an Bewerbern", sagt Wes Dyck, Personalchef bei der konservativen Heritage Foundation.

Dort bewerben sich auf die Stelle eines Forschungsassistenten in normalen Zeiten kaum mehr als zehn Interessenten - im Dezember waren es mehr als 400. Auch bei Verbänden klopfen Arbeit suchende Republikaner an, sogar beim Delegierten der Deutschen Wirtschaft in Washington sind Anfragen eingegangen. Und Tag für Tag rollen große Umzugswagen aus der Stadt.

Auch Babs Chase hatte bei ihren Vorstellungsgesprächen bisher keinen Erfolg. "Es ist kein guter Arbeitsmarkt für Republikaner", sagt sie. Doch aufgeben und mit dem Auto zurück nach Tennessee fahren kommt für sie in diesen spannenden neuen Zeiten nicht infrage. Sie sucht weiter: "Ich bin noch nicht bereit, Washington zu verlassen."

FTD

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