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Mafia in China: Auf der Jagd nach den Triaden

Die Mafia ist für die chinesischen Behörden zu einem immer größeren Problem geworden. Allein in Chongqing, der größten Stadt Chinas, kämpfen 25.000 Polizisten gegen die organisierte Kriminalität.

Von Janis Vougioukas

Tante Xie Caiping ließ sich von 16 jungen Liebhabern verwöhnen, das Geld dazu verdiente sie mit illegalen Kasinos. Peng Changjian war der stellvertretende Polizeichef von Chongqing, er kassierte umgerechnet 100.000 Euro "Beratungshonorar" von kriminellen Unternehmern. Am Montag begann auch die Gerichtsverhandlung gegen die Zwillingsbrüder Liu Bo und Liu Tao. Ihre 14-köpfige Gangsterbande hatte Chongqing in den vergangenen Jahren immer wieder in nackte Panik versetzt. Bewaffnet mit Stahlrohren und Schlachtermessern überfielen sie Spielsalons und bedrohten säumige Schuldner.

Mittelalterliche Zustände

Seit Monaten werden jeden Tag neue Geschichten aus der Unterwelt der riesigen westchinesischen Industriestadt bekannt. Trotzdem standen am Montag dieser Woche fast tausend Schaulustige vor dem Gebäude des Mittleren Volksgerichts Nummer zwei; viele von ihnen waren selbst Opfer der Triaden, jener mafia-artigen Banden, die Chinas größte Metropole in den vergangenen Jahren in eine Welthauptstadt des organisierten Verbrechens verwandelt haben.

Der Fall begann im Juni mit einer Razzia in einer illegalen Waffenfabrik, 1700 Pistolen und Gewehre wurden dabei beschlagnahmt. Wie durch Zufall war den Ermittlern ein großer Schlag gegen das verworrene Firmennetz der chinesischen Mafia gelungen. Und plötzlich tauchten immer neue Verbindungen zu den Waffenfabriken auf.

25.000 Polizisten sind inzwischen an den Ermittlungen beteiligt. Nach Angaben der "Chongqing Economic Times" wurden seit Juni fast 5000 mutmaßliche Bandenmitglieder verhaftet, darunter Dutzende hohe Politiker, 200 Polizisten und mehrere Richter und drei Milliardäre. Es ist wohl der größte Fall organisierter Kriminalität in der chinesischen Geschichte. Und er gewährt erstaunliche Einblicke hinter die Kulissen der chinesischen Bürokratie, wo mächtige Provinz- und Lokalpolitiker wie mittelalterliche Fürsten herrschen, deren Macht niemand kontrolliert.

Zwei Millionen im Fischteich bei der Autobahn

Wen Qing war Chef der Justizbehörden von Chongqing und davor 16 Jahre bei der Polizei. Mindestens zehn Millionen Euro soll er während dieser Zeit durch kriminelle Geschäfte verdient haben, unter anderem durch Prostitution, illegale Transportbetriebe, Immobilien, Geldwäsche und illegale Banken. Die chinesische Boulevardpresse hat die Details seines Geständnisses in den vergangenen Wochen genüsslich vor der verblüfften Öffentlichkeit ausgebreitet. Wen gab an, Minderjährige zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben, häufig auch Sängerinnen und Schauspielerinnen. Und er unterhielt eine Affäre mit der Chefin der Anti-Drogen-Polizei, die inzwischen ebenfalls im Gefängnis sitzt. Aus Sicherheitsgründen verwahrte Wen sein Vermögen in einem Versteck außerhalb seiner Wohnung. Nach seiner Verhaftung entdeckte die Polizei Banknoten im Wert von zwei Millionen Euro in einem Fischteich in der Nähe der Flughafenautobahn.

Viele der Untergrundbanken, illegalen Bordelle, Kasinos und Mafia-Büros in Chongqing sind inzwischen geschlossen worden. Die Polizisten stießen dabei auf erstaunliche Reichtümer. Über 65 Luxuslimousinen wurden in den vergangenen Monaten beschlagnahmt, darunter Ferraris und Lamborghinis.

Ein Problem in ganz China

Organisierte Kriminalität und Korruption gibt es keineswegs nur in Chongqing. So wurde im vergangenen Jahr sogar Huang Songyou verhaftet - er war zu dem Zeitpunkt Vizepräsident des Verfassungsgerichts in Peking. Huang habe seine Macht missbraucht, um sich zu persönlich bereichern, hieß es in einer Mitteilung der Ermittlungsbehörden. "Bestechung gefährdet die Legitimität der Kommunistischen Partei", warnte bereits Präsident Hu Jintao.

Mitte September verkündete die zentrale Disziplinarkommission die "Sonnenschein-Verordnung": Künftig müssen Chinas Beamten ihre Vermögensverhältnisse und privaten Investitionen offenlegen, ebenso die ihrer Ehefrauen und Kinder. Ob die Verordnung etwas ändern wird, muss sich erst noch zeigen.

Doch die Geschichte der 47-jährigen Huang Guobi verdeutlicht, dass die Narben noch lange zurückbleiben werden. Vor vier Jahren wurde ihr Mann brutal von Angreifern mit Macheten zerstückelt. Seitdem steht sie, wann immer sie kann, vor den Gerichtsgebäuden, in denen die Mafia-Prozesse verhandelt werden. Huang wartet auf Wang Lijun, den neuen Chefermittler von Chongqing, den die chinesischen Medien bereits als Helden im Kampf gegen die Mafia beschreiben. Wang lässt in Chongqing keinen Stein auf dem anderen. Die Menschen vertrauen ihm und hoffen, dass er ihre Stadt aus den Händen der Banden befreien kann. Doch Wang lebt gefährlich. Es heißt, dass die Mafia eine hohe Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt hat.