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Mail aus Mumbai: Bitte spielen Sie doch islamisch Tennis

Sie ist der Superstar Indiens: Sania Mirza. Die 21jährige Tennisspielerin könnte eine ganz Große ihres Sports werden. Nur in dem Land, in dem sie so sehr verehrt wird, will sie nicht antreten. Sie ist den muslimischen Hardlinern nicht islamisch genug und wurde dehalb mit einer Fatwa geächtet.

Von Swantje Strieder, Mumbai

Sie ist jung, hübsch und eine indische Ikone. Jedenfalls auf dem Tennisplatz. Das WTA-Turnier in Bangalore Anfang März hätte ein Heimspiel für sie werden können wie einst der Rasen von Wimbledon für Boris Becker oder der rote Sand von Paris für Teenager-Liebling Rafael Nadal. Sie ist nicht nur die beste Tennisspielerin des Subkontinents, sondern die Hoffnung ganz Asiens.

Doch jetzt hat die 21jährige Sania Mirza überraschend das hochkarätig besetzte Turnier in ihrer Heimat abgesagt. "Jedes Mal, wenn ich in Indien spiele, gibt es Probleme," klagte die Nummer 29 der Weltrangliste nach ihrer Heimkehr von den Australien Open, wo sie immerhin im Mixed Finale stand, "deshalb hat mir mein Manager zu dieser Entscheidung geraten." Und damit die halbe Nation verstört.

Eine Nation von Tennisfreunden

Eigentlich heißt Indiens Nationalsport Cricket, Cricket und noch einmal Cricket. Ein Phänomen, dem die internationale Sportwelt jenseits des Commonwealth relativ rat-und gemütlos gegenüber steht und vor dessen Eigenheiten wie wicket, boundary und speed ball sie einfach kapituliert. Aber Tennis ist unbestritten Lieblingssport Nr. 2, obwohl sich den weißen Sport kaum einer oder eine leisten kann. Es gibt in der Megastadt Mumbai- mit 18 Millionen, also mehr Einwohner wie auf dem gesamten australischen Kontinent, nicht mal ein Dutzend Tennisplätze, zumeist in exklusiven Clubs. Trotzdem schwärmen die armen Leute in Dharavi, dem größten Slum der Welt, genauso von Federer, Tsonga und Co. wie die Superreichen in ihren Luxusappartments am Marine Drive.

"Er hätte die Vorhand länger ziehen müssen," meinte Isra, mein ständiger Taxifahrer, nach Federers unerwarteter Niederlage bei den Australian Open. (Lieber Roger, Sie sind und bleiben die Nr.1, aber wenn Sie doch einmal einen Trainer bräuchten, Isra stände bereit!) Als braver Muslim - seine Frau geht fast nur mit schwarzem Schador aus- schwärmt Isra trotzdem schon immer für Frauen im leichten Dress, aber mit eleganter, harter Tennishand wie Martina Hingis und Steffi Graf - und eben Indiens Hoffnung Sania Mirza, die in Mumbai geboren ist.

Fatwa wegen unislamischen Verhaltens

Doch irgendwie hat der Jungstar mit der harten Vorhand bisher nicht den richtigen Spin im Behandeln der Fans, was ihr einen Skandal nach dem anderen beschert. Bei Frauen geht es ja bekanntlich nur um das Eine: ums Anziehen. Wir Frauen klagen immer, wir hätten kaum was anzuziehen, bei den reichen Tennisstars stimmt's wirklich, sie tragen nur ein paar knappe Teilchen am Leib. Besonders bei osteuropäischen Spielerinnen ist wenig Rock mit viel Blickfreiheit bis an die Pobacken ein Markenzeichen. Das wollen die internationalen Sponsoren so, weil das Publikum es mit Wohlgefallen sieht.

Mir ist aber noch nie aufgefallen, dass die junge Mirza aus Hyderabad sich besonders aufreizend oder auffällig kleidet. Schließlich ist sie Muslime. Doch im sittenstrengen Indien, wo man als traditionsbewusste Frau den Sari oder den Salwar Kameez, Kleid und Pluderhose bis auf die Knöchel trägt, fühlten sich die Moslem-Hardliner provoziert und warfen dem Tennismädchen vor, die indische "Jugend zu verderben." Als sie sogar durch eine Fatwa wegen unislamischen Verhaltens verdammt wurde, musste sie auf einem Turnier in Kolkata mit Bodyguards antreten. Bis der höchste islamische Klerus die Sittenwächter, die ihr Spiel lautstark stören wollten, dann doch zur Mäßigung aufrief. "Solange ich gewinne," gab Sania Mirza keck zurück, " kann es denen doch egal sein, ob mein Rocksaum zwei handbreit oder zwei Meter lang ist."

Offenbar haben die islamischen Sittenwächter sie mehr geschockt, als sie zugeben wollte, denn beim Bangalore WTA-Turnier vor zwei Jahren mochte die indische Spitzenspielerin nicht gemeinsam mit ihrer erprobten israelischen Doppelpartnerin Shahar Pe'er antreten. Aus Angst vor Moslemprotesten gegen eine Vertreterin Israels, wie die indische Presse spekulierte? "Unsinn", gab Mirza zurück, "ich war verletzt." Wie auch immer, in Wimbledon spielte sich das indisch-israelische Damendoppel dann wieder an die Spitze, zum Stolz beider so unterschiedlicher Nationen.

Gefährliches Füße hochlegen

Beim jüngsten Skandal um Sania Mirza ging es wieder um Fähnchen, nicht um solche zum Anziehen sondern um das kleine indische National-Fähnchen, das zufällig neben ihren nackten Füßen steckte. Ein Fotograf hatte das an sich harmlose Foto geschossen, wo der Jungstar in einer Spielpause beim Davis-Cup in Perth, Australien die müden Beine hochlegt, wie es jeder Büromensch dieser Welt gerne auf dem Schreibtisch macht. Unglücklicherweise stand das winzige orange-weiß-gelbe Nationalsymbol des 1,1 Milliardenvolkes als Tischstander in Reichweite. Diesmal kam die Welle der Erregung nicht nur von der Moslemminderheit, sondern, viel gefährlicher, von der breiten Hindu-Masse, als habe sie absichtlich ihr Land mit Füßen getreten. Ihr droht nun ein "Verfahren wegen Beleidigung des Vaterlands." Der zierliche Tennisstar war untröstlich, sprach vom Aufgeben ihrer gerade erst begonnenen Karriere. "Ich liebe mein Land, sonst würde ich doch nicht dafür antreten!" Und quälte sich trotz einer Muskelzerrung durch die Playoffs in Hongkong, um Indien vor dem Abstieg zu retten. Dann sagte sie das WTA-Bangolore ab.

"Spiel weiter, Sania" mailten tausende von jungen Fans in einer Kampagne an die indischen Tageszeitungen, "Stress ist nun mal der Preis des Ruhmes." oder "Du bist eine wunderbare Spielerin und wir sind stolz auf dich!" oder " Lass dich nicht von diesen frustrierten alten Typen niederziehen!" "Nenn mir einen Prominenten, der noch nie einen Skandal am Hals hatte," sagt der indische Tennis-Manager Leander Paes, " sie muss lernen, damit umzugehen." In einem seiner raren Statements gab der gestresste Jungstar an, demnächst in Indian Wells antreten zu wollen. Das liegt aber nicht in Indien, sondern weitab: in Kalifornien - mitten in der Wüste.