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Mail aus Mumbai: Nicht ohne mein Sternzeichen!

Heiraten ist in Indien eine bierernste Sache, bei der Braut und Bräutigam wenig mitzureden haben. Bis aber überhaupt zwei Menschen zueinander finden, gilt es einen unübersichtlichen Kuppel-Code zu entziffern - und ungefähr 2000 Kasten auseinanderzuhalten.

Von Swantje Strieder, Mumbai

In der Regenzeit muss man sich in Mumbai nach einem neuen Zeitvertreib umgucken. Am Strand von Juhu spazieren gehen - normalerweise ein Vergnügen für alle? Läuft nicht im Monsun. Wenn es draußen ununterbrochen kübelt und stürmt, wird auch der sanfte Indische Ozean plötzlich ein launisches Meeresmonster, das den blütenweißen Sand verschlingt und dafür nur Müll, Geröll und Plastik ausspuckt. Nicht mal zum kleinen Theatercafé um die Ecke können wir gehen, ohne knietief waten zu müssen.

Nach jedem überfallartigen Schauer stehen ohnehin viele Stadtteile von Mumbai unter Wasser; die schon an normalen Tagen aus allen Nähten platzenden Vorortzüge sind noch voller, noch mehr verspätet und riechen wie hundert nasse Hunde; im neuen Flughafenterminal regnet es durch und tröpfelt auf die Kunden am Ticketschalter. Also heißt es Stubenhocken und bei über 95 Grad Luftfeuchtigkeit den Schimmel von Klamotten und Schuhen klopfen. Dennoch haben meine junge Freundin Megha und ich beim Fünf-Uhr-Tee einen äußerst spannenden Zeitvertreib gefunden: Heiratsannoncen studieren. "In der Regenzeit ist zwar nichts mit Hochzeiten", meint Megha, aber wir könnten uns ja schon mal nach einem passenden Kandidaten für sie umgucken. Nur so zum Spaß natürlich!

Das Brautpaar hat so gut wie nichts zu bestimmen

Dabei ist Heiraten in Indien eine bierernste Angelegenheit, bei der das Brautpaar so gut wie nichts zu bestimmen hat, die Familien dagegen alles. Mama, Papa, Schwiegereltern, Onkel, Tanten, der Hindu-Priester, die Dame vom Eheanbahnungs-Institut, die Hochzeitsplanerin und vor allem die Astrologen haben mehr als ein Wörtchen mitzureden. Früher brachte die Hebamme auf dem Dorf die Braut an den Mann, heute tun das die Zeitungen oder das Internet - shaadi.com ist mit 815.026 gestifteten Ehen der größte Heiratsmarkt der Welt oder die Hindi-Talkshow "Kahin naa kahin koi hai", etwa: "Irgendwo wartet jemand auf dich".

Wir begnügen uns mit der Hindustan Times. Äußerst amüsant, die Fünfzeiler im Hochzeits-Annoncenteil zu studieren, die mit Codewörtern gespickt sind: Ganz wichtig: die Kaste. Beziehungsweise eine der rund 2000 Unterkasten, denn die muss genau passen. "Aber Megha, deine Mutter ist doch Brahmanin, also beste Kaste, und dein verstorbener Papa war ein Kastenloser, ein Unberührbarer, also war es eine richtige Liebesheirat ..." "… wofür uns meine Verwandten noch heute büßen lassen!" sagt Megha mit einem abgeklärten Seufzer.

Gleich nach der Kaste kommt, wichtig, wichtig, das Sternzeichen, denn nach Auffassung fast aller indischen Schwiegermütter lügen die Sterne nicht. Wenn die Horoskope der Zukünftigen nicht zusammen passen, ist eine Ehe ausgeschlossen.

Alles hübsch in gelb und rosa gehalten

Indische Heiratsmarktseiten, hübsch gelb und rosa unterlegt, haben System und beginnen mit A wie Agrawal, der streng veganen Jainsekte und B wie Brahmanen und endet mit W für "Witwen und Geschiedene". "Die werden zwar heute nicht mehr verbrannt", sagt Megha leicht zynisch", aber sie haben ganz schlechte Karten, während geschiedene Männer und Witwer noch mit über 50 Jahren Topchancen auf's neue Eheglück haben". Dann folgen noch Rubriken für in den USA lebende Inder, (das geht ja noch an, sagen die Traditionalisten), kosmopolitische Inder, ein in den Augen der Daheimgebliebenen ziemlich liberales, ziemlich lockeres Völkchen ("Sollen sie doch untereinander heiraten!") und dann, als hinterletzte Zeitungsrubrik die "Manglik". So was wie Kastenlose? "Schlimmer", sagt Megha, "Mangliks sind Pechvögel, die zur falschen Zeit am falschen Ort geboren sind, eine besondere Art von Verfluchten, die angeblich innerhalb von zwei Jahren Ehe ihren Gatten töten oder sonst wie Unglück über die neue Familie bringen könnten. Diese Unglücksraben heiraten dann meist untereinander." Und wenn der Herr Gatte nach zwanzig Jahren noch fröhlich lebt? Gibt es wirklich Menschen, die an solchen Humbug glauben? "Ich nicht", sagt Megha, "andere schon".

Dann folgen in lyrischem Annoncen-Jargon Angaben zum Alter ("26, sieht jünger aus"), Schönheit ("extremely beautiful"), Größe, Vegetarier, Teetrinker, Nicht-Alkoholiker, Schulabschluss (beliebt: "konvent", das heißt in strenger katholischer Schule erzogen), Beruf, Gehalt und akademischer Titel der Kandidatin, Beruf und Titel des Vaters (ehrbare Sikhfamilie, Oberst, Orden 1. Klasse), manchmal sogar Großvaters (Freiheitskämpfer, honorige Familie). Und ganz wichtig: der gewünschte Uni-Abschluss des Herrn Gemahl in spe, möglichst Doktor einer Eliteuniversität. Loser, und wären sie noch so nett, sind nicht erwünscht.

"Liebe lieber auf indisch"

Langsam kapiere ich den "Liebe lieber auf indisch"-Code der Anzeigen. Also: "IAS/MBA/IIT" heißt, einen Master in "Business Adminstration oder Engineering" sollte der Gute schon mitbringen, um ein "27jähriges Mädchen aus der streng vegetarischen Jainsekte, die keiner Fliege was zu leide tut, die 1,65 Meter groß ist, schlank, extrem hübsch, Teetrinkerin, hellhäutig, unglaublich talentiert, katholische Schule, in fester Anstellung, häuslich, traditionelle (stink)reiche Familie, Vater Distriktrichter..." heiraten zu können.

"Schau dir das an, jede Kandidatin protzt mit "fair", wird also als heller, "weizenfarbener" oder gar "milchweißer" Hauttyp angepriesen, dabei sind wir Inder meistens braun, ich finde das diskrimierend!", schimpft Megha, die als Tamilin einen sehr dunklen, fast espressofarbenen Teint hat - um den sie jedes norddeutsche Bleichgesicht beneiden würde. "Bei uns schmieren sich die Mädels mit karotinhaltiger Bräunungscreme ein, um nur annähernd deinen Teint zu bekommen", tröste ich sie. Weiß ich jetzt schon alles? "Nein", sagt Megha, "alle Mädchen, für die hier annonciert wird, müssen selbstverständlich Jungfrau sein, auch wenn sie über 30 sind! Dann haben sie allerdings sowieso kaum noch Chancen, selbst als Frau Professor". Das mit der Jungfrau steht doch nirgends? "Ist aber so." Und wie ist es mit der Mitgift, die soviel Unglück in Indiens Ehen anrichtet?

"Du kannst Gift darauf nehmen, dass alle hier bereit sind, Mitgift unter der Hand zu zahlen", sagt Megha, "nur dürfen sie das nicht schreiben, sonst verklagt sie das nächste Familiengericht."

Nach dieser Lektion fühle ich mich voll in der Lage, eine fiktive Anzeige für meine Freundin aufzusetzen: "Bildhübsches tamilisches Mädchen, 20, Mutter Brahmanin, Vater kastenlos, schokobraun, 1,58 Meter groß, mit Note 1,0 abgeschlossenem Journalistikstudium, Master in Betriebswirtschaft angestrebt, gefährlich intelligent, sucht gut aussehenden, sympathischen jungen Mann um die 25 in fester, gut bezahlter Stellung. Mitgift ausgeschlossen, Kaste kein Hindernis." "Jetzt reicht's aber", kichert Megha, "ich suche mir meinen Mann schon selber!"

  • Swantje Strieder