Malawi Ein Paar Mäuse zum Überleben

In Malawi herrscht kein Bürgerkrieg, kein sinistrer Diktator füllt sich hier die Taschen. stern-Reporter besuchten ein Dorf in dem afrikanischen Staat und beschreiben, wie allein die Armut ein Land lähmen kann.

Panisch versuchen die Mäuse zu fliehen. Doch die Jäger passen auf. Sie haben die Tiere aus ihrem Bau geräuchert, kauern vor den Löchern, und jetzt packen sie zu. Mit der Linken packen sie die winzigen Körper, mit der Rechten schneiden sie den Tieren die Kehle durch. Die Mäusefänger benutzen keine Messer. Sie besitzen gar keine. Sie nehmen ein flaches Faserstück von einer Maisstaude. Es ist scharf wie eine Klinge.

Die vier Jungs aus dem Dorf Mpango sind mit ihrem Fang zufrieden. Die Mäusejagd ist kein Zeitvertreib, ihre Eltern haben die Jungen ausgeschickt, Fleisch beizubringen. 17 Mäuse, das sind 17 kleine Rationen Protein - in einer Welt, in der Fleisch knapp und meist unerschwinglich ist.

Zu Hause werden die Mäuse ausgenommen und mit viel Salz in den Kochtopf gesteckt. Kopf, Schwanz und Klauen bleiben dran. Die durchgesottenen Tiere isst man mit Haut und Haaren. Beim Kauen knirscht es zwischen den Zähnen.

Mpango liegt im Hochland von Malawi. Die 14 Millionen Einwohner des südostafrikanischen Staates leben überwiegend in solchen Siedlungen. Mpango hat nichts Besonderes. Denn es hat fast nichts. Nichts von dem, was die wohlgenährte, wohlversorgte Erste Welt als unverzichtbar für ein menschenwürdiges Leben betrachtet.

Dabei tobt in Malawi kein Bürgerkrieg,

in dem bekiffte Kindersoldaten schwangeren Frauen die Bäuche aufschlitzen, bevor ihnen selbst eine Tretmine die Beine wegreißt. Hier füllt sich kein sinistrer Diktator die Taschen, während sein Land im Chaos versinkt. Malawi hat eine halbwegs funktionierende Demokratie mit relativ freien Wahlen, und auch die Korruption, eines der afrikanischen Erbübel, hält sich in Grenzen. Ebenso die Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen. Die Kriminalitätsrate ist niedrig.

Trotzdem liegt die Lebenserwartung im Land bei 37 Jahren, Tendenz fallend. In Deutschland wird man im Schnitt 78. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt knapp 600 Dollar, das deutsche ist mit 28 000 Dollar fast 50-mal so hoch. Ein Beispiel für die alltägliche Misere ganz Schwarzafrikas.

Wo die vier Jungs die Mäusenester ausräucherten, rascheln mickrige Maisstauden im Wind. Staliko Salubeni reißt einen dürren Kolben vom Stängel. Er ist spannenlang. "Er müsste doppelt so groß und dick sein", sagt der Bauer. "Doch es hat wieder mal nicht genug geregnet. Die Böden werden von Jahr zu Jahr schlechter. Der Mais erschöpft sie, aber wir können uns keinen Kunstdünger kaufen. Die heutige Regierung wurde 2004 nur gewählt, weil sie versprochen hatte, den Preis für einen 50-Kilo-Sack auf 1200 Kwacha - umgerechnet acht Euro - zu begrenzen. Tatsächlich kostet der Dünger heute 3500 Kwacha. Das kann sich kein normaler Mensch leisten."

Über Mais kann in Malawi eine Regierung stolpern. Mais ist das Leben. Die 5000 Einwohner von Mpango haben praktisch nur das, was sie ernten. Mit Nsima, dem Maisbrei, aus dem jede Mahlzeit meist ausschließlich besteht, müssen sie über die nächsten Monate kommen, den afrikanischen Winter. In diesem Jahr droht ein Hungerwinter.

Auf einem Feld nahe Mpango hacken zwei Dutzend Männer und Frauen unter stechender Sonne Kartoffeln aus dem Boden. Ein Mann aus einem Nachbardorf beaufsichtigt die Arbeiter. Er ist der erste und einzige dicke Mensch, dem wir begegnen. 50 Kwacha (rund 30 Cent) bezahlt er. Pro Stunde? Der Mann lacht laut und freundlich. "Bis das Feld abgeerntet ist." Und wie viele Stunden dauert das? Der Besitzer des Ackers lacht noch lauter und freundlicher: "So ungefähr zwei Tage." Auch wenn 50 Kwacha wenig Geld sind, herrscht kein Mangel an Arbeitskräften. Damit können die Bauern sich auf dem Markt in Chiluzi vielleicht Kernseife, Kochöl, Kerzen oder mal ein T-Shirt für die Kinder kaufen.

Ansonsten leben sie von der Hand in den Mund,

sie essen, was sie anbauen. Es bleibt nichts, was sie verkaufen könnten. Investitionen, mit deren Hilfe der enge Kreislauf von säen, ernten und gerade so überleben durchbrochen werden könnte, sind in dieser Subsistenzwirtschaft nicht möglich. Auch für Salubeni nicht. Dabei gehört er zu den Reichen. Denn er besitzt zwei magere Ochsen und den einzigen Karren mit Gummirädern. Dieses Gefährt ist das technologische Spitzenprodukt in Mpango. Leider ist es seit Monaten außer Betrieb, die Investition liegt brach. Denn einer der Reifen hat einen Platten. Der Schlauch ist nicht mehr zu flicken, und ein neuer würde umgerechnet zwölf Euro kosten. Das überfordert die Finanzkraft Salubenis bei weitem.

So können zurzeit keine schwereren Lasten befördert werden. Nicht in die Provinzhauptstadt Dedza, nicht einmal in den nächsten, zwei Stunden entfernten Marktflecken Chiluzi. Ein Motorrad oder ein Auto besitzt niemand in Mpango. Neben Fahrrädern chinesischer Herkunft und Salubenis Ochsenkarren ist eine alte Singer-Nähmaschine mit Pedalantrieb das sichtbarste Zeichen moderner Mechanisierung.

Elektrisches Licht gibt es hier nicht. Wenn gegen sechs Uhr abends die tropische Nacht anbricht, wird es stockfinster in Mpango. Für ein paar Minuten schimmert noch Kerzenschein oder das trübe Licht von Paraffin-Lampen aus den Lehmhäusern. So lange, bis jeder seinen Schlafplatz auf dem Boden gefunden hat. Weil es in Mpango nie Elektrizität gegeben hat, vermissen die Menschen sie nicht. Auf die Frage, was sie am dringendsten benötigen, kommt fast stereotyp die Antwort: Erstens jeden Tag eine ausreichende Portion Maisbrei. Zweitens sauberes Wasser. Drittens ein Krankenhaus in erreichbarer Nähe.

Anders als viele Orte in der Sahelzone

hat das Dorf in rund 1500 Meter Höhe genug Wasser für den bescheidenen täglichen Bedarf. Es stammt aus dem einzigen Brunnen in einem Taleinschnitt. An der klobigen Pumpe, dem Standardmodell Malawis für ländliche Gegenden, drängen sich morgens und abends die Frauen mit Plastikeimern. Eine nach der anderen füllt langsam die Behälter. 30, 40 Liter müssen einen Tag lang für eine vielköpfige Familie reichen, zum Trinken, Kochen, Waschen.

Die gefühlvolle Art, mit der die Frauen den Pumpenschwengel bewegen, hat ihren Grund. Zu heftige Ausschläge ruinieren die Uraltmechanik. Immer wieder bricht die Pumpe zusammen. Dann vergehen Tage oder Wochen, bis sie wieder zusammengeschustert ist. In der Zwischenzeit müssen die Frauen auf ein Wasserloch ausweichen, einen grünlich schillernden Tümpel. "Durchfall für die Kinder garantiert", sagt der Ortsvorsteher von Mpango, Chief Mpango genannt. Doch selbst das Wasser aus der Pumpe wirkt klarer, als es ist. Es wimmelt von Keimen. Chief Mpango seufzt: "Leider ist das Bohrloch nicht tief genug, um an wirklich sauberes Wasser heranzukommen."

Fünf Stunden sind es von Mpango zum nächsten Health Center. Zu Fuß oder fiebergeschüttelt auf dem Fahrrad, das ein Angehöriger schiebt. Oder mit dem Ochsenkarren (wenn der keinen Platten hätte). Oder mit einem Auto aus der Provinzhauptstadt. Aber der motorisierte Transport würde 3000 Kwacha kosten - das Monatsgehalt eines Junglehrers. Es gibt auch einen kostenlosen staatlichen Krankenwagen. Doch der ist für elf Health Center zuständig. Er schafft zwei bis drei Transporte pro Tag und müsste Hunderte schaffen.

In den verstreuten Gesundheitszentren, meist ohne Strom und fließendes Wasser, mühen sich Schwestern und medizinische Assistenten mit einer Flut von Patienten ab. In Malawi hat jeder Vierte Malaria, 15 Prozent der Bevölkerung sind offiziell HIV-positiv, Tuberkulose ist weit verbreitet, Cholera und Ruhr flackern immer und überall auf. Die Arzneibestände sind dürftig, Krankenbetten gibt es kaum. Operationen? Da lacht das Personal nur verschämt. "Wir schicken die schweren Fälle nach Dedza."

In der Klinik Dedza praktiziert der einzige Arzt des Bezirks. Er ist für mehr als 100 000 Menschen zuständig. (In Deutschland kommt ein Arzt auf 270 Einwohner.) Die Betten sind oft doppelt belegt: ein Patient auf, einer unter dem Bett. "Während der Regenzeit, wenn die Malariamücke grassiert, ist es schlimmer", sagt der Krankenhausdirektor. "Dann haben wir drei pro Bett, zwei oben, einer unten." Rund um die Kranken mit leerem Blick und röchelndem Atem scharen sich auf dem Fußboden die Angehörigen. Sie versorgen die Patienten mit Essen und übernachten draußen auf dem Rasen.

Bis vor kurzem kamen Aidspatienten

nur zum Sterben, wenn sie den Weg überhaupt schafften. Aids heißt in Chichewa, der Landessprache, "mtengano", die Krankheit, bei der "einer dem anderen folgt". Nun aber gebe es Hoffnung, meint Humphreys Madise, der Aids-Beauftragte der katholischen Diözese Dedza. "Wir können jetzt Kranke mit dem Antiviral-Cocktail behandeln, so wie in Europa."

In der Provinz Dedza gibt es 20 000 bis 30 000 Aidskranke. Wie viele davon kommen in den Genuss der Medikamente, die reiche Industriestaaten spenden? "Einhundertvierzehn", sagt Madise.

"Das ist jetzt seine Stunde", sagt man in Malawi fatalistisch über Kranke ohne Hoffnung. Jenseits von Aids gibt es noch viele unnötige Gründe dafür, dass jemandem die Stunde schlägt. Kinder sterben an Malaria, weil sich die Eltern nicht die drei Euro für ein Moskitonetz leisten können. Sie sterben an Unterernährung, chronischem Durchfall und Tuberkulose. Ein Blinddarmdurchbruch ist, wie fast jede Krankheit, die eine Operation erfordert, ein Todesurteil.

Die Menschen in Mpango wissen heute sehr genau, dass nicht böse Geister aus dem Busch sie mit Malaria schlagen, wie ihnen früher der Wunderdoktor einredete. Sie sind sich auch im Klaren, was Aids auslöst. Malawi hat, anders als viele afrikanische Staaten, schon Ende der 90er Jahre eine Anti-Aids-Kampagne gestartet und den Gebrauch von Kondomen propagiert.

"Zum Fluss geht man, um zu schwimmen, und nicht, um das Krokodil zu reiten", warnen auch drei junge Männer aus der Nachbarschaft, die am Sonntagnachmittag auf der Dorfwiese von Mpango Aufklärungstheater spielen. Doch Präservative sind teuer, eine Dreierpackung kostet fast so viel wie eine Flasche Bier. Und so steigt die Zahl der HIV-Positiven weiter. Ein Opfer der Aidsepidemie ist auch der örtliche Medizinmann. "Es kommt kaum jemand mehr zu mir", klagt er. "Seit mtengano die Menschen wegrafft, ohne dass ich mit meinen Ritualen und Heilkräutern etwas dagegen ausrichten kann, haben die Leute das Vertrauen in meine Künste verloren."

Auch die Beschwörungsformel

auf den Schulheften ist vergebens: "Jungen und Mädchen, lasst uns gegen Aids kämpfen", steht in dicken Lettern auf den grauen Umschlägen. Darüber ist ebenso groß eingedruckt: "Eigentum der malawischen Regierung". Und darunter der Umfang: "80 Seiten". Niemand soll sich trauen, auch nur ein Blatt herauszureißen. In Malawi sind die grobfasrigen Hefte ein wertvoller Besitz. Sie sind das Einzige, was der Staat den Schülern gratis stellt. Um den Rest muss sich jedes Dorf selbst kümmern.

Mpango hat Glück. Die Kinder werden hier nicht auf dem Boden kauernd im Freien unterrichtet wie sonst vielerorts, sondern in Ziegelgebäuden mit Bänken und Pulten. 600 Schüler, acht Klassenzimmer, zwei Lehrer von auswärts, die einigermaßen pünktlich erscheinen - es sei denn, sie bleiben in der Regenzeit mit ihren Fahrrädern auf den Lehmwegen stecken. Als Tafel dient die dunkel verputzte Stirnwand der Räume. Natürlich kein Licht, natürlich kein fließendes Wasser, doch immerhin jeweils ein Plumpsklo für Jungen und Mädchen.

Grund für das kleine Wunder, das Mpango fast zum Vorzeigedorf macht, ist die Münchner Initiative "Chancen durch Bildung". Seit einige der Initiatoren vor 15 Jahren auf einer Klassenreise ihres Elite-Gymnasiums die Misere Malawis erlebt haben, hat der Verein den Bau von 20 Schulen im gesamten Land finanziert. Er lässt keine schlüsselfertigen Gebäude hinstellen, sondern fordert tätige Mitarbeit der Dorfgemeinschaft. So war es auch in Mpango, das vor vier Jahren aus mehreren Dörfern des Bezirks Dedza als neuer Modellstandort ausgesucht wurde.

An einem heißen Sonnabend wandern die Frauen mit vollen Eimern auf den Köpfen hintereinander vom Wasserloch zum Dorf hinauf. Sie leeren das Wasser in eine Lehmgrube. Die Männer stehen bis zu den Waden im Lehm. Sie treten den Brei mit bloßen Füßen. Sobald er schön griffig ist, füllen sie die Pampe in Holzformen. Wenn sie halb getrocknet sind, stülpen Frauen die Ziegel aus der Verschalung und schichten sie zu großen Stößen auf. Später werden die dunkelgrauen Quader rot gebrannt. "Wir bauen daraus ein Haus für die Lehrer", sagt eine der Frauen, "und für die Zukunft unserer Kinder." Sie kaut und saugt in einer Arbeitspause an einem Stück Zuckerrohr. "Wenn die Lehrer am Ort wohnen, kommen sie nicht so oft zu spät. Dann lernen die Schüler mehr."

350 000 Dollar pro Jahr würde es kosten,

in einem Dorf wie Mpango mit 5000 Einwohnern die heutige Misere aus Missernten, Krankheiten, Armut und Bildungsnot zu beenden, hat der amerikanische Wirtschaftsprofessor und Afrika-Experte Jeffrey Sachs ausgerechnet. 350 000 Dollar für so einfache Dinge wie Moskitonetze, Dünger, sauberes Brunnenwasser, einen Generator, einen Kleinlaster für Kranken- und Gütertransporte und eine Gesundheitsstation im Ort mit Krankenschwester und einer Grundausstattung an Arzneimitteln. Mit rund einer Milliarde Dollar könnte man den 14 Millionen Einwohnern Malawis ein menschenwürdiges Leben finanzieren. Die deutsche Rechtschreibreform oder eine Woche IrakKrieg der USA kosten deutlich mehr.

Teja Fiedler print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker