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Marina Chodorkowskaja und Pawel Chodorkowski: "Erstaunlicherweise ist er nicht verbittert"

Seit 2003 ist Michail Chodorkowski in Haft - und seine Familie lebt in Angst. Im stern.de-Gespräch berichten Mutter Marina und Sohn Pawel von den Schikanen der Behörden und dem Leben im Gefängnis.

Ein Gericht verurteilte Ihren Sohn zu einer Haftstrafe bis 2017. Wie geht es ihm?
Marina Chodorkowskaja: Er hat einen sehr starken Charakter. Mir sagt er immer: "Mama, reg dich nicht auf. Ich habe mich hier eingelebt, es ist sehr ruhig hier." Zurzeit ist er immer noch im Moskauer Gefängnis "Matrosenstille". Er hat seinen Humor nicht verloren. Aber wie es in ihm aussieht, können wir nur ahnen.

Die Anwälte wollen in Berufung gehen. Hat er Hoffnung?
Marina Chodorkowskaja: Nach dem ersten Prozess wurde das Urteil in der Berufung nur um ein Jahr verringert, auf acht Jahre. Auch diesmal haben wir keine große Hoffnung. Schon während des Prozesses war klar, dass nicht der Richter das Urteil fällt, sondern das Urteil politisch ist.

Eine Sekretärin des Richters sagte in Moskau aus, dass das Urteil vom Stadtgericht in höherer Instanz verfasst wurde, der Richter ständig einberufen wurde und sehr erbost darüber war ...
Marina Chodorkowskaja: Und genau diese höhere Instanz urteilt nun über die Berufung. Wie können wir da Hoffnung haben?
Pawel Chodorkowski: Es geht hier um eine prinzipielle Entscheidung des Staates: Wie lange soll mein Vater im Gefängnis sitzen? Die Entscheidung ist längst getroffen: Er soll ewig sitzen. Sie haben Angst vor ihm. Vielleicht gibt es auch noch weitere Prozesse. Vor wenigen Tagen hat der stellvertretende Premierminister Igor Setschin meinen Vater mit Auftragsmorden in Verbindung gebracht. Putin hatte das im Dezember auch schon getan. Das ist völlig absurd! Im letzten Prozess wurde ihm vorgeworfen, dass er 350 Millionen Tonnen Öl geklaut haben soll, das ist mehr als die Produktion von Yukos. Mein Vater wurde trotzdem schuldig gesprochen, der Staat hat bewiesen, dass er alles kann. Vielleicht hat mein Vater das nächste Mal den Mond geklaut! Und wird dafür verurteilt!

Chodorkowski hat sich mehrfach positiv über Präsident Medwedew geäußert. Verbinden Sie mit ihm eine Hoffnung?
Pawel Chodorkowski: Medwedew hat so viel versprochen. Viele Hoffnungen im Land waren mit ihm verbunden. Er beklagte sogar den Rechtsnihilismus in Russlsand. Aber das sind alles leere Worte. Als das zweite Urteil gesprochen wurde, war er Präsident. Er hätte etwas tun können, um die Sache zu überprüfen. Er trägt die Verantwortung.

Sehen Sie Ihren Sohn oft?
Marina Chodorkowskaja: In Moskau dürfen wir ihn zweimal im Monat für je eine Stunde besuchen. Entweder mein Mann und ich oder seine Frau mit den elfjährigen Zwillingen Gleb und Ilja. Oder seine Frau mit seiner Tochter Nastja. Niemals alle zusammen. Alles ist sehr streng. Mein Mann und ich sitzen auf zwei winzigen Hockern in einem winzigen Zimmer hinter einer Glasscheibe. Dahinter sind auch noch Gitter. Hinter den Gittern sitzt er. Wir müssen uns per Telefon unterhalten. Redet mein Mann, kann ich nichts hören, rede ich, hört er nichts. Natürlich ist auch immer ein Offizier dabei. Wir können also nur über Familienangelegenheiten sprechen. Nach 55 Minuten hält der Offizier dann die Hand hoch: Noch fünf Minuten!

Dürfen Sie ihm etwas mitbringen, Bücher, Computer?
Marina Chodorkowskaja: Das Essen ist in russischen Gefängnissen grauenvoll. Einmal wöchentlich dürfen wir ihm ein Paket mit Lebensmitteln schicken. Allerdings schneiden die Wachleute alles auf: jeder Apfel, jede Gurke, jedes Stück Käse, jedes Brot kommt in kleinen Teilen bei ihm an. Sie können sich also vorstellen, wie lange die Sachen halten, besonders im Sommer. Man hat Angst, dass wir etwas einschmuggeln.

Hat er einen Computer?
Marina Chodorkowskaja: Inzwischen dürfen nicht einmal die Anwälte einen Computer mit zu den Treffen bringen! Nur Papier! Wenn sie sich mit Mischa treffen, um die Berufungsklage zu besprechen, schleppen sie tonnenweise Papier mit. Die Anklage des letzten Prozesses umfasste ja 188 Bände. Nicht einmal Taschenrechner sind erlaubt. Was völlig verrückt ist. Manchmal saßen die Anwälte und die Angeklagten da wie in der Schule und haben lange Zahlenkolonnen schriftlich addiert. Radios sind auch verboten. Bücher dürfen geschickt werden, aber nur direkt aus dem Buchladen. Wir dürfen sie nicht in der Hand gehabt haben. Alles ist verrückt, absurd. Demütigend. Wie im Film.

Pawel, wann haben Sie Ihren Vater zuletzt gesehen?
Pawel Chodorkowski: Im September 2003. Damals hatte ich gerade mein Studium in den USA begonnen, in Boston. Mein Vater war damals noch Yukos-Chef und dienstlich in Amerika. Er besuchte mich für einen Tag. Als ich ihn zum Flughafen brachte, redeten wir über Moskau. Sein Verhältnis zu Putin war schon sehr angespannt. Er sagt: "Jetzt können sie mich nur noch verhaften."

Haben Sie das ernst genommen?
Pawel Chodorkowski: Mein Vater war so ruhig, dass ich mir keine Sorgen gemacht habe. Wenn er das ernsthaft befürchten würde, dann würde er wohl nicht zurückfahren, dachte ich damals. Ich war erst 18 Jahre alt und ein bisschen naiv. In Wirklichkeit hat er damals ganz genau gewusst, dass sie ihn verhaften können.

Er wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt.
Pawel Chodorkowski: Schon diese Anschuldigungen waren falsch und politisch motiviert.

Was gab aus Ihrer Sicht den Ausschlag?
Pawel Chodorkowski: Mein Vater finanzierte auch Oppositionsparteien. Aus seiner kritischen Haltung Putin gegenüber machte er keinen Hehl. Bei einem Treffen im Kreml klagte er vor Putin und anderen mächtigen Unternehmern über die Korruption im Land.

Sie selbst waren seit der Verhaftung nicht in Russland. Aber mit der Firma Ihres Vaters hatten Sie ja gar nichts zu tun. Wovor haben Sie Angst?
Pawel Chodorkowski: Einen Monat nach unserer letzten Begegnung wurde mein Vater verhaftet. Schon am dritten Tag ließ er mir über seinen Anwalt ausrichten, dass ich in Amerika bleiben solle. Er hatte Angst um meine Sicherheit. Und ich habe Angst um seine Sicherheit. Ich möchte nicht, dass mich jemand benutzt, um an meinen Vater heranzukommen. Wie das so ist in Russland: Ich reise ein, und an der Grenze findet jemand etwas in meiner Tasche. Drogen zum Beispiel. "Wir haben deinen Sohn", sagen sie dann vielleicht zu meinem Vater. "Wir lassen ihn frei, wenn du deine Schuld gestehst."

Für Sie hat die Haft Ihres Vaters also noch größere Folgen als für den Rest der Familie.
Pawel Chodorkowski: Natürlich ist es sehr schwer. Ich wollte nur in Amerika studieren, aber danach in Russland leben. Meine Oma ist gestorben, ich konnte nicht zu ihrer Beerdigung. Ich konnte meiner Mutter nicht beistehen. Und ich habe meinen Vater seit sieben Jahren nur im Fernsehen gesehen. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was mein Vater durchmacht. Ich habe kein Recht, mich zu beschweren.

Hat Ihre Familie in Moskau Probleme mit den Behörden?
Pawel Chodorkowski: Meine Mutter, die erste Frau meines Vaters, hatte ein Reisebüro. Während des ersten Prozesses gab es bei ihr mehrere Durchsuchungen, alle Computer wurden konfisziert. Sie musste das Geschäft aufgeben. Meine Großeltern haben Angst, dass ihr Kinderheim geschlossen wird.
Marina Chodorkowskaja: Wir haben ein Heim für 180 Kinder unweit von Moskau in Swenigorod. Es wird von einer englischen Stiftung meines Sohnes finanziert. Wir machen uns vor allem im Sommer Sorgen, wenn die Kinder verreist sind.

Bekommt er Ihre Briefe?
Pawel Chodorkowski: Ich schreibe Mails, die der Anwalt ausdruckt. Leider sind die dann noch wochenlang unterwegs. Nachrichten kann ich über die Anwälte übermitteln. Ich rufe sie an, er sagt es ihnen.
Marina Chodorkowskaja: Im Dezember 2009, während des zweiten Prozesses, wurde Pawels Tochter geboren. Er hatte mir ein Foto geschickt, das habe ich ausgedruckt und vergrößert. Als die Wachen meinen Sohn am nächsten Morgen die Treppen hinunter in den Gerichtssaal gebracht haben, habe ich das Babybild dann ganz hoch gehalten. Alle Leute, die auf der Treppe standen, haben "Herzlichen Glückwunsch" gerufen. So hat er erfahren, dass er Großvater geworden ist. Es ist sein erstes Enkelkind.

Zuvor war Ihr Sohn im Gefängnis in Tschita und in einem Lager in Krasnokamensk im Fernen Osten. Wie waren die Bedingungen dort?
Marina Chodorkowskaja: Nach dem Gesetz hat jeder Gefangene das Recht, in der Nähe seines Wohnortes zu bleiben. Tschita ist an der chinesischen Grenze, sechs Flugstunden von Moskau entfernt. Für uns war das schwer. Wir haben alle nötigen Dokumente eingereicht, damit er verlegt wird. Aber das nützte nichts.

Hatten Sie Besuchsrecht?
Marina Chodorkowskaja: Viermal im Jahr, also seltener als jetzt. Dafür durften wir an einem Tisch zusammensitzen, ohne Glasscheibe und Telefon. Er umarmte mich, nahm mir den Mantel ab und dann saßen wir zusammen. Wir hatten drei Stunden. In der Praxis waren es dann nur zweieinhalb, weil der Weg zu dem Besuchsraum so lang war und von unserer Zeit abgerechnet wurde.

Wie waren die Bedingungen?
Marina Chodorkowskaja: Sehr schwer. Die Sommer sind dort sehr heiß, die Zellen heizen sich auf. Im Gefängnis darf man nur eine Stunde am Tag nach draußen, in den Hof. Während des Prozesses war er so gut wie nie an der frischen Luft.

Jetzt wurde er zu Lagerhaft verurteilt.
Marina Chodorkowskaja: Im Lager ist es leichter als im Gefängnis. In Krasnokamensk, wo er auch im Lager war, durfte seine Familie ihn alle drei Monate für zwei Nächte besuchen. Die Gefangenen dürfen auch in den Hof, in der Sonne stehen, Luft atmen.

Wie hat Ihren Sohn diese Zeit verändert?
Marina Chodorkowskaja: Er ist klüger geworden, weiser. Erstaunlicherweise ist er überhaupt nicht verbittert oder böse. Das wundert mich. Mir geht es oft anders, ich werde so wütend.
Pawel Chodorkowski: Der Staat hat meinen Vater zu einem politischen Opponenten gemacht. Er ist es durch die absurden Prozesse geworden, die nur politisch motiviert waren.

Macht das Ausland genügend Druck?
Marina Chodorkowskaja: In Russland wird sein Name im Fernsehen nie erwähnt. Und wenn, dann in negativer Propaganda. Das zweite Urteil wurde im russischen Staatsfernsehen sehr lange kommentiert, es war das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass er da überhaupt auftauchte. Im Westen ist eine andere Öffentlichkeit.
Pawel Chodorkowski: Wir sind Angela Merkel sehr dankbar. Sie war auf der internationalen Bühne die einzige Regierungschefin, die das Urteil persönlich verurteilt hat. Wir sehen die Unterstützung durch das Ausland als eine Art Lebensversicherung für meinen Vater. Solange das Ausland sein Schicksal verfolgt, wird er am Leben bleiben. Wir verstehen auch, dass es die Zwänge der Realpolitik gibt. Russland verkauft dem Westen Rohstoffe. Sonst könnte man natürlich noch mehr tun.

Woran denken Sie?
Pawel Chodorkowski: An Geld der russischen Elite, das auf westlichen Banken liegt. An Einreiseverbote. Die russische Elite will in Russland ja nur Geld klauen. Ausgeben will sie es im Westen. Im Westen sind die großen Häuser, im Westen studieren die Kinder. Und das alles, während man sich im Land als Patriot gibt.

Was haben Sie Ihrem Vater nach dem Urteil gesagt?
Pawel Chodorkowski: Wir haben ihm gesagt, dass seine Familie auf ihn wartet.

Bettina Sengling