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Menschen, die Mut machen: Kämpfer für die Kindheit

In der Adventszeit stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, den sein Engagement für andere oder der Umgang mit dem eigenen Schicksal auszeichnet. Heute: Kalu Kumar. Als Junge hat er selbst in einem Keller Teppiche geknüpft, nun hilft er in Indien als Lehrer und Betreuer ehemaligen Kinderarbeitern.

Von Bernd Hauser

Washington D.C., im Jahr 1998. Ein Verlag stellt ein Buch über Menschenrechts-Initiativen von Kerry Kennedy vor, auch Präsident Bill Clinton kommt. Eingeladen ist außerdem der 11-jährige Kalu Kumar aus Indien, der fünf Jahre lang Arbeitssklave in einer Teppichknüpferei war. Als Clinton dem Jungen die Hand schüttelt, fragt dieser: "Können Sie nicht etwas gegen das Leid dieser Kinder tun?" Clinton bleibt vage: "Meine Amtszeit ist bald vorbei." Der Junge entgegnet: "Man muss nicht unbedingt Präsident sein. Jeder kann sich gegen Kinderarbeit einsetzen."

Einige Wochen später liest Kailash Satyarthi, der Gründer der von "Brot für die Welt" unterstützten "Bewegung zur Rettung der Kindheit", die Kumar befreite, in der Zeitung: "Die Clinton-Regierung hat die Unterstützungsleistungen an die International Labour Organization (ILO) zur Bekämpfung der Kinderarbeit verfünffacht, von 30 Millionen auf 150 Millionen Dollar."

Arbeiten, sieben Tage in der Woche

Satyarthi wundert es nicht, dass der stets zuvorkommende Junge Kalu Kumar Eindruck auf Clinton gemacht hat. Auch im Ashram sei er zu einer "Quelle der Inspiration" geworden. Die beiden Ashrams der Organisation sind Rückzugsorte für die ehemaligen Kinderarbeiter. Dort holen sie in speziellem Unterricht die verlorene Zeit auf, um danach zurück zu ihren Familien zu gehen und auf normale Schulen zu wechseln.

Der heute 20-jährige Kalu Kumar lebt im Bal Ashram in Rajasthan im Norden Indiens. Dort bereitet er sich auf sein Geschichts-Studium vor und arbeitet als Lehrer und Betreuer der Kinder. Kumar kennt ihre inneren Verletzungen und hilft ihnen über diese hinweg zu kommen.

Kumar war sechs Jahre alt, als zwei Männer ihn beim Ziegenhüten ansprachen. Sie versprachen ihm Süßigkeiten, wenn er mitkäme. Die Reise endete in einem Kellergeschoss. Dort knüpfte Kumar fünf Jahre lang Teppiche, sieben Tage die Woche, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Wer einen Fehler machte, wurden mit der Faust oder einem Stock geschlagen.

Seine Kindheit ist nicht ungewöhnlich. Nach offiziellen Angaben gibt es in Indien 12,6 Millionen Kinderarbeiter; wahrscheinlich liegt ihre Zahl noch viel höher. Sie dienen als Haussklaven, schuften in der Landwirtschaft, in Restaurants, Nähereien, Steinbrüchen - die meisten Grabsteine in Deutschland kommen mittlerweile aus Indien.

Dennoch, gibt es auch positive Entwicklungen. Durch das Rugmark-Label etwa, das die "Bewegung zur Rettung der Kindheit" zusammen mit "Brot für die Welt" und anderen Organisationen gründete, ist die Zahl der Kinderarbeiter in der Teppichindustrie von einer Million auf 300.000 zurückgegangen, erzählt Satyarthi. Er ist zuversichtlich, dass er, mit Hilfe von Menschen wie Kumar, die von Opfern zu aktiven Kämpfern gegen Kinderarbeit wurden, das Ende der Kinderarbeit in Indien erleben werde.