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MILIZEN: Kriegsherren teilen Afghanistan schon unter sich auf

Die Macht liegt im Land am Hindukusch praktisch in den Händen von Milizkommandeuren - Männern mit Privatarmeen, deren Macht auf Waffen und Geld beruht.

Während Delegierte auf dem Petersberg bei Bonn über eine Übergangsverwaltung verhandeln, teilen die Kriegsherren Afghanistan schon unter sich auf. Nach 23 Jahren Krieg liegt bei ihnen die wahre Macht am Hindukusch. Nach Angaben eines westlichen Diplomaten herrschen paschtunische Führer in einem großen Teil des Landes, von Kunar im Nordosten bis Helmand im Süden. Viele von ihnen haben noch immer Verbindungen zu den Taliban, bei denen es sich ebenfalls überwiegend um Paschtunen handelt.

Skrupellos sind sie alle

Anderswo haben Vertreter der ethnischen Minderheiten das Sagen. Im Norden dominieren die Usbeken. Die Stadt Masar-i-Scharif wird von Nordallianz-Kommandeur Raschid Dostum kontrolliert. Der 47-jährige Usbeke, der schon mehrfach die Seiten gewechselt hat, ist für seine Skrupellosigkeit bekannt. Dostum hat seine eigene Miliz, überwiegend handverlesene Männer aus seiner Heimatprovinz Dschosdschan.

Demokratie ist Illusion

In der westafghanischen Stadt Herat herrscht der Tadschike Ismail Chan. Schon während der Invasion der sowjetischen Truppen in Afghanistan dominierten Chans Kämpfer das Gebiet. Später wurde der 54-jährige Chan einer der wichtigsten Kommandeure der Nordallianz. Vor einigen Tagen festigte er seinen Anspruch auf Herat, indem er Bürgermeisterwahlen abhalten ließ. Stimmberechtigt waren 700 von Chan benannte Männer. Sie wählten Muhammed Rafik Modschaddadi, einst Mitglied des von den Taliban eingesetzten Stadtrats von Herat.

Oft genug radikale Islamisten

In der östlichen Provinz Nangarhar, einem strategisch wichtigen Gebiet entlang der Grenze zu Pakistan, heißt die Schlüsselfigur Hadschi Abdul Kadir. Die Macht des Paschtunen stützt sich insbesondere auf seine Verbindungen zu Junus Chalis, einem früheren Mudschahedin-Kommandeur, der als radikaler Islamist gilt und sowohl Kontakte zu den Taliban als auch zu Anhängern des mutmaßlichen Terroristenführers Osama bin Laden hat. Der 82-jährige Chalis kann sich nach wie vor auf eine beträchtliche Autorität stützen, und die meisten bewaffneten Gruppen rund um die Provinzhauptstadt Dschalalabad sind ihm gegenüber loyal.

Wer steht auf welcher Seite?

Kadir, der Gouverneur von Nangarhar, hatte am Donnerstag demonstrativ die Afghanistan-Konferenz bei Bonn unter Protest verlassen. Er war nach Angaben eines UN-Sprechers mit der Vertretung der Paschtunen auf der Konferenz unzufrieden. Kadirs Einflussbereich endet rund 50 Kilometer östlich von Dschalalabad. Im angrenzenden Gebiet hat ein Kriegsherr namens Isatullah das Sagen. Er war bis zum Abzug der Taliban aus Kabul am 13. November ein Kommandeur der Taliban und hat lockere Verbindungen zur Nordallianz.

Wegzoll ist durchaus üblich

In der südafghanischen Stadt Kandahar, der letzten und bitter umkämpften Taliban-Hochburg, kehren nach und nach ehemalige Milizführer auf die politische Bühne zurück. Gul Agha, Mitglied eines einflussreichen Stammes, führt die gegen die Taliban kämpfenden Gruppen beim Marsch auf Kandahar an. Bevor das Taliban-Regime die Kontrolle über die Stadt übernahm, war Agha Gouverneur von Kandahar. Seine Männer errichteten damals Straßensperren und verlangten von internationalen Hilfskonvois und anderen Fahrzeugen Wegezoll.

»Die Straße ist voller Banditen«

Seit die Kontrolle der Taliban in Kandahar bröckelt, machen Straßenräuber die Stadt unsicher. Bus- und Taxifahrer berichten von regelmäßigen Überfällen. »Die Straße ist voller Banditen«, sagt Abdul Ghani, der ein Sammeltaxi von Kabul nach Kandahar betreibt. »Sogar unsere Schuhe müssen wir vor ihnen verstecken.«