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Buch "Hitlers Menschenhändler" Wer war der Großmufti von Jerusalem?


Israels Premier Netanjahu hatte vor seinem Deutschland-Besuch eine krude Theorie geäußert: Der Mufti von Jerusalem habe Hitler zum Holocaust überredet. Das ist historisch falsch. Politisch nah waren sich die beiden Männer schon.

Die führenden Nazis und den Großmufti verbanden gemeinsame Interessen, wenn es darum ging, den Holocaust auf den Nahen Osten auszudehnen. Diese Liaison von "Halbmond und Hakenkreuz", wie der Historiker Klaus-Michael Mallmann schreibt, hatte schon früh begonnen. Am 31. März 1933, acht Wochen nach der Machtergreifung Hitlers, nahm Mohammed al-Husseini über den deutschen Generalkonsul in Jerusalem Kontakt mit Berlin auf. Die Palästinenser, so lautete seine Nachricht, böten bei der "Ausbreitung faschistischer anti-demokratischer Staatsführung" ihre Unterstützung an, um den "schädlichen jüdischen Einfluss" weltweit zu bekämpfen.

"Weltanschauliche Verbundenheit" mit Hitler

Hitler wusste anfangs nur wenig über den Großmufti. Der "Führer" hielt ihn für eine "Art mohammedanischer Papst". Ganz falsch lag er damit nicht. Al-Husseini war 1921 zum Großmufti ernannt worden und damit die höchste religiöse Autorität im von Großbritannien verwalteten Palästina. Aber er war mehr als ein religiöses Oberhaupt. Seinen Einfluss, der von Ägypten bis in den Irak reichte, hatte er vor allem im politischen Kampf erworben: gegen die jüdischen Siedler in Palästina und gegen die Mandatsmacht England. Dieser Kampf führte den Mann mit dem Turban im November 1941 nach Berlin. Seine Mission: den Holocaust im Nahen Osten voranzutreiben und die Ideologie des deutschen Faschismus in der arabischen Welt zu verbreiten.

Zeitungen und Wochenschauen berichteten ausführlich über seine Ankunft, und Himmler und Goebbels schwärmten von der "weltanschaulichen Verbundenheit" mit dem Mufti. Im Berliner Bezirk Zehlendorf bezog er als Gast des Nazi-Regimes eine Villa. Im Hotel Adlon stand ihm außerdem eine Suite zur Verfügung. Bald nach seiner Ankunft empfing ihn Adolf Eichmann, dessen Pläne zur "Lösung der europäischen Judenfrage" den Mufti beeindruckten. Es sollte der Beginn einer langen Freundschaft werden.

Hitler als cholerischer Gastgeber

Drei Wochen nach seiner Ankunft in Berlin kam al-Husseini mit Hitler zusammen. Der "Führer" erwies sich als cholerischer Gastgeber. Als der "mohammedanische Papst" das Büro betrat und ihm die Hand reichen wollte, ließ Hitler seine hinter dem Rücken verschränkt. Der Kaffee, den der Mufti gemäß arabischer Sitte erwartete, fehlte auf dem Tisch. Der Dolmetscher wies daraufhin, dass es eine Beleidigung sei, keinen Kaffee anzubieten, was bei Hitler einen Wutanfall auslöste. Er sprang aus dem Sessel, schrie, "ich lasse es nicht zu, dass überhaupt irgendjemand im Hauptquartier Kaffee trinkt" und verließ Türen knallend den Raum. Einige Minuten später kam Hitler zurück, gefolgt von einem SS-Mann mit zwei Gläsern Limonade, und hieß den Mufti mit ruhiger Stimme willkommen.

Der Gast erwartete sich von diesem Treffen eine schriftliche Erklärung, die die Unabhängigkeit der arabischen Staaten nach dem Sieg der Achsenmächte garantierte. Doch Hitler dachte nicht daran, etwas zu unterschreiben. Er verwies auf Italien, das Interessen in der Region habe. Hitler versprach aber, sobald Rommels Armeen von Ägypten aus Palästina erobert hätten, "das dort lebende Judentum zu vernichten".

Nach dem rüden Empfang schien Hitler durchaus von seinem Gast angetan. Er ließ hinterher wissen, der Mufti mache mit seinen "blonden Haaren und blauen Augen" einen guten Eindruck. "Trotz seines Spitzmausgesichts war unter seinen Vorfahren sicher mehr als ein Arier." Beim anschließenden Kameratermin für die Wochenschau schüttelten sich beide fast freundschaftlich die Hand. Während seiner Berliner Jahre avancierte al-Husseini zur "muslimischen Karte": Er sollte die arabische Bevölkerung in Nordafrika und im Nahen Osten gegen die Engländer aufhetzen und so helfen, den strategisch wichtigen Suezkanal und die Ölfelder unter deutsche Kontrolle zu bringen.

Zusammenarbeit zwischen Himmler und al-Husseini

Auch mit dem "Reichsführer-SS" Heinrich Himmler, der "Seiner Eminenz, dem Großmufti" bei mehreren Gelegenheiten Glück für seinen Kampf gegen die Juden Palästinas gewünscht hatte, machte al-Husseini gemeinsame Sache. Im Frühjahr 1943 begann er die muslimische SS-Division "Handschar" aufzubauen, die in Bosnien Partisanen bekämpfte. Der Mufti kümmerte sich um die Rekrutierung der "Muselgermanen", wie er sie bezeichnete, und die "weltanschauliche und politische" Erziehung der Soldaten.

Im Februar 1943 hatte er aus der englischen Presse von dem Plan erfahren, 4.000 jüdische Kinder aus Bulgarien nach Palästina umzusiedeln. Al-Husseini sandte ein Schreiben an den bulgarischen Außenminister Bogdan Filow und schlug ihm vor, die Kinder nach Polen zu schaffen. "Dort stehen sie unter starker Kontrolle", so der Brief, "und man entgeht ihrer Gefahr und vollbringt eine gute, dankbare Tat dem arabischen Volke gegenüber." Dass der Massenmord an den Juden in den Konzentrationslagern in Osteuropa zu dieser Zeit in vollem Gange war, wusste der Großmufti. In Sofia ignorierte Filow seinen Vorschlag. Al-Husseini setzte die Presse auf den Fall an und informierte Ribbentrop und Himmler. Der wiederum schaltete Eichmann in die Sache ein. Ergebnis: Die 4.000 Kinder durften nicht ausreisen. Auf ähnliche Weise wurde das Vorhaben verhindert, 80.000 Juden aus Rumänien nach Palästina zu schleusen. Keiner von ihnen überlebte den Holocaust.


(aus: Thomas Ammann/ Stefan Aust, Hitlers Menschenhändler: Das Schicksal der "Austauschjuden", Rotbuch-Verlag 2013)


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