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Niedergangsstimmung: Der kranke Mann an der Seine

"Selbstmitleid und Klagen gibt es nicht nur in Deutschland, das ist bei uns jetzt ganz genauso", registrieren französische Intellektuelle einen Stimmungswandel in ihrem Land - und beschwören mal wieder den Niedergang der "Grande Nation".

Das Staatsdefizit erklimmt neue Rekordhöhen, die Wirtschaft flirtet mit der Rezession, die Arbeitslosigkeit steigt und der Regierungschef ist so unpopulär wie kaum einer seiner Vorgänger. Höchste Zeit also für einen französischen Intellektuellen, mal wieder den Niedergang der "Grande Nation" zu beschwören. Nicolas Baverez’ schmaler Essay "La France qui tombe" (Das abstürzende Frankreich) hat im grauen Pariser Herbst einen Nerv getroffen.

Auch der Historiker und Publizist Alfred Grosser, der herzlich wenig mit den "ultraliberalen Thesen" des Absolventen der Eliteschule ENA anfangen kann, hat einen Stimmungswandel registriert: "Selbstmitleid und Klagen gibt es nicht länger nur in Deutschland, das ist in Frankreich jetzt ganz genauso." Premierminister Jean-Pierre Raffarin fühlt sich von Baverez derart auf den Schlips getreten, dass er den Pariser Wirtschaftsanwalt mehrfach öffentlich abkanzelte - zuletzt im "Time"-Magazin als "Korken auf der Champagnerflasche", den man erstmal wegschießen müsse, um den Schaumwein kosten zu können.

"Reformen in falsche Richtung"

Der konservative Baverez geht hart mit dem Konservativen aus der Provinz ins Gericht, der im Frühjahr 2002 als fleischgewordene Antithese zur technokratischen Pariser Politkaste angetreten war, die Lehren aus dem Le-Pen-Schock zu ziehen. Die eingeleiteten Reformen gingen wie bei der Dezentralisierung in die falsche Richtung, oder seien wie bei der Rentenversicherung völlig unzureichend. Der Staat sei verknöchert, die Gewerkschaften zu einflussreich. Frankreich durchlebe eine Phase des Niedergangs, vergleichbar mit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, die in der Kapitulation einer mutlosen Nation vor Nazi-Deutschland mündeten.

Während sich die USA, Japan und ja, auch Deutschland mit Strukturreformen wie der Agenda 2010 für die Globalisierung fit machten, kultiviere Frankreich "die politische, wirtschaftliche und soziale, aber auch intellektuelle und moralische Unbeweglichkeit", rügt der 42 Jahre alte Baverez, der derzeit der wohl meistgefragte Gast im französischen Fernsehen. Frankreich sei mehr noch als Deutschland, das noch immer mit den Folgen der Vereinigung zu kämpfen habe, das "schwache Glied" Europas.

Fruchtbarer Boden

Sein Pamphlet fällt auf fruchtbaren Boden. Fassungslos sahen die Franzosen im August, wie ihr angeblich "bestes Gesundheitssystem der Welt" in der Hitzewelle kollabierte. Die Lehrer stecken in der Sinnkrise und streikten sich durchs letzte Schuljahr. Das Bildungssystem verschlinge sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts, um zwölf Prozent Analphabeten hervorzubringen, schreibt Baverez.

Der Vorzeigekonzern Alstom, der den Hochgeschwindigkeitszug TGV baut, war nur mit einem tiefen Griff in die Staatsschatulle vor der Pleite zu retten. Bei kleineren Unternehmen reiht sich Sozialplan an Sozialplan. "Die Lage war noch nie so ernst, wirtschaftlich und sozial", bemüht Grosser die legendäre Analyse Konrad Adenauers. Immer mehr Leute verarmten. Schuld für die wirtschaftlichen Pleiten sind seiner Meinung nach aber inkompetente Manager, wie sie nur das französische System hervorzubringen verstehe.

Die Absolventen der Eliteschulen besetzen traditionell alle Schaltstellen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik, ohne ihr Metier von der Pike auf gelernt zu haben. Auch Kassandra Baverez, einst Berater des neogaullistischen Parlamentspräsidenten Philippe Seguin, gehört zu dieser Kaste, der er selbst "Autismus" und ein aus den 60er und 70er Jahren stammendes Gesellschaftsbild vorhält.

"Lust an der Selbstzerfleischung"

Mag Baverez ein noch so großes Echo in den Medien finden - Frankreich versinkt deshalb nicht im Pessimismus. Es handele sich um eine typische "Pariser Nabelschau" und Intellektuellen-Debatte, unterstreicht Grosser. Die Klage über den Niedergang Frankreichs sei außerdem eine Konstante seit den absolutistischen Zeiten des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Der stellvertretende Direktor des deutsch-französischen Instituts, Henrik Uterwedde, spricht von einem Modephänomen: "Alle ein bis zwei Jahrzehnte überkommt die Franzosen eben die Lust an der Selbstzerfleischung."

Uwe Gepp