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Kim Jong Un: Die Strategie hinter den Atomtests

Nach dem erneuten Atomtest in Nordkorea reagiert die Welt geschockt - und will Sanktionen verhängen. Kim Jong Un wird's recht sein. Weil er mit seiner Strategie ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt.

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un steht weltweit wegen der Atomtests in der Kritik.

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un steht weltweit wegen der Atomtests in der Kritik.

Kim Jong Un dürfte höchst zufrieden sein. Erstens natürlich, weil es unter der nordkoreanischen Erde wieder so richtig gewummst hat, zum insgesamt dritten Mal in seiner Amtszeit. Es knallte so stark am Freitagmorgen, dass alle Welt gleich wusste: Das kann nur ein Atomtest gewesen sein. Zweitens freut sich Kim sicher über die Reaktionen der Welt: Der Nachbar Südkorea sorgt sich, die UN reagieren erzürnt und die Weltgemeinschaft will neue Sanktionen verhängen. Genau die Reaktion, auf die Kim Jong Un gehofft hat.

Kims Vater Kim Jong Il nutzte die Atomtests noch dazu, eine starke Verhandlungsbasis aufzubauen, um andere Nationen unter Druck zu setzen. Kim Jong Un kümmert sich in erster Linie um den eigenen Machterhalt. Er will nur abschrecken, möchte also, dass die Welt sich aufregt über ihn. Das, so ist offenbar sein Plan, wird ihm letztlich die Macht sichern. Seine Strategie zieht er vor allem aus dem Blick auf andere ehemalige Atommächte und was aus ihnen geworden ist.

Gaddafis Schicksal als abschreckendes Beispiel

Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt in einer Analyse von Kims Politik, Kim Jong Un fürchte sich vor allem vor Konsequenzen wie im Fall Muammar al-Gaddafis in Libyen. Gaddafi kündigte im Jahr 2003 an, sein Atomprogramm abzubauen - und acht Jahre danach stürzte er und starb, weil er im Verlaufe des Bürgerkriegs Rückhalt verlor und von der Nato attackiert wurde. Kims Strategie ist also simpel: Mit Atomwaffen will er nicht kleine politische Abmachungen erzwingen, sondern er schaut aufs Große, auf seine Macht im Allgemeinen. Kim will dafür sorgen, dass sich weder die USA noch sonst irgendwer traut, in Nordkorea selbst einzugreifen. Kim will nicht stürzen.


Einige Zeitungen in Europa fordern auch schon, die Motive von Nordkorea ernst zu nehmen und nicht nur blind mit Sanktionen zu drohen. Das niederländische "NRC Handelsblad" schreibt: "Eine Verschärfung der Sanktionen ist sicher eine Option, doch seit Freitag muss man sich fragen, wie effektiv das wohl wäre. (...) Das Unvermögen, ein drohendes Untergangsszenario abzuwenden, das die wichtigsten Mächte bislang demonstrieren, ist besorgniserregend. Über Nordkorea und seinen Diktator Kim Jong Un werden viele Witze gemacht. Es wird Zeit, dieses Land ernstzunehmen."

"Mit einem Zusammenbruch Nordkoreas ist niemandem gedient"

Die "Frankfurter Rundschau" wirbt dafür, Gespräche mit Kim Jong Un aufzunehmen, ihn aber auch ein Stück weit gewähren zu lassen: "(...) politisch gesehen hat es keinen Sinn, das Regime zu ruinieren: Mit einem Zusammenbruch Nordkoreas ist niemandem gedient. Auf Südkorea käme die Integration eines völlig entfremdeten Volkes zu. China droht eine Flüchtlingskrise plus Verlust eines Bollwerks gegen den US-Einfluss in Nordostasien. Gerade Verzweiflung könnte Kim dazu bringen, die Bombe tatsächlich einzusetzen."

Die Staats- und Regierungschefs der Welt verurteilten derweil den Atomtest und forderten härtere Sanktionen. US-Präsident Barack Obama drohte Pjöngjang mit "ernsthaften Konsequenzen". UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kritisierte den Atomtest "auf allerschärfste Art und Weise". "Das ist schon wieder eine dreiste Verletzung der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats", sagte Ban. Südkorea fordert schärfere Sanktionen: "Wir brauchen mehr und stärkere Sanktionen, die Nordkorea wenig andere Wahl lassen, als seinen Kurs zu ändern", sagte Südkoreas Außenminister Yun Byung Se. Wenn es Kim Jong Un mit seinen Atomtests wirklich nur um Machterhalt geht, spielen ihm die internationalen Reaktionen also in die Karten.

feh / DPA