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Weiterhin Kämpfe in der Ostukraine: Waffenruhe? Welche Waffenruhe?

Offiziell wird seit Wochen in der Ostukraine nicht mehr gekämpft. Doch die Menschen dort leben weiter im Krieg. Die Region könnte als Separatistenstaat enden - isoliert und nur von Russland anerkannt.

Waffenruhe? Dieses Bild aus Donezk ist gerade einmal drei Tage alt. Von Frieden in der Region kann keine Rede sein.

Waffenruhe? Dieses Bild aus Donezk ist gerade einmal drei Tage alt. Von Frieden in der Region kann keine Rede sein.

Sergej sitzt auf einer Parkbank im ostukrainischen Donezk in der Sonne. Auf dem Kopf trägt er eine gelbe Kappe mit BVB-Logo. An Krieg will er nicht denken. Aus der Ferne sind die Explosion einer Rakete und Artilleriefeuer zu hören. Am Flughafen Donezk kämpfen pro-russische Separatisten und ukrainische Truppen.

Im nur wenige Kilometer entfernten Stadtzentrum jedoch klammern sich die Bewohner wie Sergej an das bisschen Normalität, das ihnen geblieben ist. "Wir haben das nicht erwartet", sagt der bärtige 30-Jährige über den Konflikt. "Wir wollen doch nur in Frieden leben."

Ukrainische Truppen hatten versucht, die Separatistenhochburg zurückzuerobern, doch im August wurden sie zurückgeschlagen. Die Separatisten hatten Unterstützung erhalten. Dabei habe es sich um russische Truppen gehandelt, behauptet Kiew. Moskau weist jede Schuld an der Eskalation von sich. Eine Anfang September geschlossene Waffenruhe wird nur teilweise eingehalten. Vor allem im Gefecht um strategisch wichtige Punkte wie den Flughafen Donezk sterben fast jeden Tag Menschen.

Restaurants und Geschäfte sind zu

Der Konflikt hat seine Spuren in Donezk hinterlassen. Viele Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, denn die Versorgungssysteme sind zusammengebrochen. Auch das Finanzsystem funktioniert nicht mehr. Nach Schätzungen ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung geflüchtet, als im Sommer ukrainische Regierungstruppen in Vororte von Donezk eindrangen.

Zurückgeblieben sind nur vor allem Unterstützer der selbst ernannten Volksrepublik Donezk und jene, die nirgendwo anders hinkönnen, wie etwa der Rentner Leonid Tkasch. Seit vier Monaten habe er keine Rente mehr bekommen, erzählt er. "Meine Wohnung und mein ganzer Besitz sind hier", sagt der ehemalige Kumpel. "Was soll ich tun?"

Er glaubt, dass die Separatisten versuchen werden, ihre Abspaltung von Kiew weiter voranzutreiben. Derzeit kontrollieren sie ungefähr die Hälfte der Regionen Donezk und Luhansk. Dann werde es einen schlimmen Krieg geben, befürchtet Tkasch.

Die Separatisten wollen im November wählen lassen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat den Gebieten Sonderverwaltungsrechte für drei Jahre eingeräumt eine Föderalisierung seines Landes aber ausgeschlossen.

"Wir hätten gleich Russland beitreten sollen"

Die 22 Jahre alte Anschelika ist für die Separatisten, und für eine Eingliederung von Donezk in den russischen Staat. "Es wäre das Beste gewesen, wenn wir gleich Russland beigetreten wären, wie die Krim", sagt sie. Die Annexion der Krim durch Moskau im März war Auslöser der schwersten Krise zwischen Russland und dem Westen seit dem Ende des Kalten Krieges.

Aber der Region könnte auch ein anderes Schicksal drohen - der Status eines nicht oder nur von Russland anerkannten, isolierten Separatistenstaates. Dies befürchtet Sergej, und mit ihm viele andere junge Menschen in Donezk. Beispiele sind das von Georgien abtrünnige Abchasien und Transnistrien, eine prorussischen Separatistenenklave, die sich von Moldau abgespalten hat.

Noch im vergangenen Jahr konnte Sergej mit einer Billigfluglinie Deutschland besuchen. "Jetzt bin ich aus Europa ausgesperrt", sagt er. Für ihn bieten weder die Separatisten noch die Regierung in Kiew eine Lösung. Er sitzt zwischen den Fronten, und wollte doch eigentlich nur etwas Frieden.

anb/DPA / DPA