HOME

Peru: Särge zu Mondpreisen

In Peru herrscht nach dem Erdbeben das nackte Chaos: Händler und Apotheker haben ihre Preise gnadenlos erhöht, Särge sind Mangelware, bewaffnete Plünderer versuchen, zusammenzuraffen, was sie kriegen können.

Nataly Lopez Prada hat in den vergangenen zwei Tagen kaum etwas gegessen oder getrunken. Ihre Sorge gilt aber einzig ihrem Baby, das nur drei Moante alt wurde. "Ich will nur einen kleinen Sarg, um meine Tochter beerdigen zu können", sagt die junge Bewohnerin der Stadt Chincha den Journalisten, während sie das von einem herabgefallenen Ziegelstein getötete Kind liebevoll in den Armen wiegt. Kein einfach zu erfüllender Wunsch: Nach dem Erdbeben fehlt es im peruanischen Katastrophengebiet nicht nur an Trinkwasser und Lebensmitteln, sondern auch an Särgen.

Die wenigen Särge, die in den schwer betroffenen Städten Chincha, Pisco, Ica und Cañete zum Verkauf angeboten werden, wurden für die meisten unerschwinglich. "Wir brauchen Särge", schrien die Menschen dann auch, als Staatspräsident Alan García in Pisco den Unglücksort inspizierte. Nicht nur die Preise der Särge wuchsen ums Drei- bis Vierfache. Busunternehmen und Taxifahrer, Bäcker und Apotheker weisen ohne Mitleid auf das Gesetz von Angebot und Nachfrage hin.

Plündereien vor TV-Kameras

In Pisco stapeln sich die Leichen unterdessen zu Dutzenden auf dem Hauptplatz. Am Dienstag waren es nach Medienschätzung zeitweilig um die 200. Einige Familien schleppten die leblosen Körper von Angehörigen in ihre zerstörten Häuser. "Wir müssen dringend Särge beschaffen, damit diese Menschen eine würdige Bestattung haben, das hier ist dramatisch", meinte Transportministerin Verónica Zabala. Garcia drohte den "Spekulanten" mit Strafen und Lizenzentzügen.

In Peru blüht nach dem verheerendsten Erdbeben seit 37 Jahren mit rund 500 Toten nicht nur das Geschäft mit dem Leiden. Auch die Barbarei hat dieser Tage Hochkonjunktur. Auch vor laufenden TV- Kameras plünderten aufgebrachte Menschen Lastwagen mit Hilfsgütern, Lebensmittelmärkte und Apotheken. Sie rechtfertigen sich mit "ungenügenden Hilfsmaßnahmen" der Behörden. Die Plünderer deckten jedoch nicht nur ihre Grundbedürfnisse. So stürmte eine Menschenmenge etwa ein Elektrogeschäft. Räuber überfielen nach einem Bericht der Agentur Andina sogar ein Krankenhaus in Chincha, in dem Erdbebenopfer behandelt werden, und auch ein Priesterseminar in Ica, in dem Caritas-Helfer nächtigen.

Ausbruch von 600 Häftlingen

"Hier in Ica herrscht Chaos", berichtet Ricardo León von der Zeitung "El Comercio". Nachts sei es wegen des fehlenden Stroms stockdunkel. "Die Menschen sind verzweifelt, haben große Angst vor den Räuberbanden, und viele wollen schon in die Offensive gehen und zum Beispiel Straßenbarrikaden mit brennenden Autoreifen errichten", sagte León. Die Räuber seien mit Pistolen bewaffnet. Man glaube, dass viele der rund 600 Häftlinge am Werk seien, die beim Einsturz eines Gefängnisses ausbrechen konnten. Vor allem nachts sei kaum Polizei zu sehen.

Alle Behörden und Institutionen bis hin zu Präsident García räumen ein, dass die Hilfsaktionen nur äußerst schleppend in Gang kommen. Dies hat aber nicht nur mit den zerstörten Straßen und Brücken zu tun. «Es gibt auch viel Desorganisation, viele Hilfsgruppen sprechen sich nicht mit uns ab, handeln konfus und verbreiten so Chaos", klagt James Atkins, Regionalchef des peruanischen Zivilschutzes.

"Niemand wird verdursten oder verhungern", beteuert derweil Präsident García. Oberste Priorität habe aber vorerst die Bestattung der Opfer, teilten die Behörden am Freitagabend (Ortszeit) mit, während sich Tausende bei kühlen Temperaturen um die 10 Grad auf die dritte Nacht unter freiem Himmel vorbereiteten.

Emilio Rappold/ DPA / DPA