Piraten-Abwehr Schmierfett und Schallkanonen


Um ihre Schiffe vor Piraten zu schützen, greifen Reeder auf Ideen zurück, die teilweise noch aus der Antike stammen: Schmierfett und Konvoifahrten etwa. Aber auch Hightech soll Seeräuber abschrecken. Doch die Piraten rüsten ebenfalls auf - also bleibt vielen Schiffen nur der sehr teure Umweg.
von Hauke Friederichs

Die "Sirius Star" gilt als einer der größten Tanker der Welt - doch selbst das Riesenschiff hatte gegen die Piraten keine Chance. Das Schiff mit mehr als 300 Millionen Tonnen Rohöl an Bord befindet sich seit Tagen in ihrer Hand. Somalische Seeräuber bedrohen den weltweiten Handel, denn sie machen die Route vom Indischen Ozean über das Rote Meer in das Mittelmeer unsicher.

Weltweit suchen Reedereien nun nach Möglichkeiten, ihre Schiffe unbeschadet vom Indischen Ozean in das Mittelmeer fahren zu lassen. Die schnellste Route führt durch den Golf von Aden zum ägyptischen Suez-Kanal. Doch die Sicherheit des Schiffsverkehrs im Golf von Aden kann zurzeit niemand garantieren. Getreu dem alten Seemannsmotto "Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott", setzen immer mehr Logistikfirmen auf Selbstschutz.

Ideen aus Antike und Hightech

Die Nato, die EU und Russland haben zwar Kriegsschiffe zum Horn von Afrika entsandt. Sie sollen die zahllosen Piratenüberfälle auf Handelsschiffe verhindern. Doch die wenigen Kriegsschiffe müssen ein riesiges und stark befahrenes Gebiet überwachen. Die Reeder prüfen, was gegen die mit automatischen Sturmgewehren und Panzerfäusten bewaffneten Piraten helfen kann. Schiffseigner wenden ganz unterschiedliche Methoden an und greifen dabei auf Ideen aus der Antike und auf Hightech zurück.

Altbewährt ist zum Beispiel die Fahrt im Konvoi. Diese Methode wandten schon die Phönizier und die alten Römer an. Dabei schließen sich mehrere Handelsschiffe zu einem Verband zusammen und helfen sich gegenseitig. Oft wurde ein solcher Konvoi von einem Kriegsschiff begleitet, das Piraten abschrecken sollte. Heutzutage soll ein französisches Kriegsschiff Handelsschiffe im Golf von Aden begleiten. Da bis zu 20.000 Schiffe jährlich den Suez-Kanal durchqueren, reicht dieser Schutz nicht aus.

Sicherheitsfirmen bieten Schutz an

Auch das Anheuern von bewaffnetem Sicherheitspersonal ist ein Klassiker. Söldner und Seesoldaten schützten schon im 16. Jahrhundert die spanischen Galeeren, die mit Silber beladen aus den südamerikanischen Kolonien ins Mutterland segelten. Heute bieten britische Sicherheitsfirmen an, Handelsschiffe mit vier bis acht Mann zu beschützen. Das kostet die Reedereien mehrere tausend Euro pro Tag. Einfachere Methoden versprechen ebenfalls Erfolg: Reeder lassen die Reling ihrer Schiffe mit Stacheldraht umwickeln, in deren Stahldornen sich Angreifer verfangen sollen. Bordwandkante und Gitter werden mit Schmierfett und Ölen bestrichen, so dass die Enterhaken der Piraten keinen Halt finden.

Noch billiger ist, das Schiff nachts beleuchtet zu lassen, mit Höchstgeschwindigkeit durch gefährliche Gebiete zu fahren und mindestens eine Entfernung von 200 Seemeilen zur Küste zu halten. Auch die Abwehr von kleinen Booten mit Wasserfontänen aus großen Schläuchen empfehlen Sicherheitsexperten. Eine andere Methode ist, Teile des Decks unter Starkstrom zu setzen, wenn Piraten angreifen und auch die Schute und Türen zu den Decksaufbauten so zu schützen, dass die Besatzung von den Angreifern sicher ist.

Schmerzen und Bewusstlosigkeit

In die Rubrik Hightech-Abwehr gehört der Einsatz von Frequenzkanonen: Diese Waffen feuern eine Schallwelle ab, die Angreifer außer Gefecht setzt. Der Schallstoß führt im Ohr zu starken Schmerzen - Bewusstlosigkeit oder Übelkeit sind die Folgen. Der Bremer Reeder Niels Stolberg will seine Frachter mit Schallkanonen ausrüsten.

Der deutsche und der dänische Reederverband warnen jedoch vor einer Bewaffnung von Handelsschiffen. Dies sei mit internationalem Recht nicht vereinbar und provoziere die Angreifer. Somalische Piraten hätten in der Vergangenheit fliehende Schiffe mit Raketen und Granaten beschossen. Bei Gegenwehr könnten sie ein Schiff versenken, befürchten Experten.

Ein Wettrüsten beginnt

Das überzeugt jedoch viele Schiffseigner nicht. Bei Überfällen verlieren sie nicht nur die Ladung. Die Versicherungsprämien steigen ebenfalls deutlich: 2007 haben sich die Prämien für Verschiffungen durch den Golf von Aden verzehnfacht, teilt die Internationale Handelskammer (ICC) mit. Bis September zählte die ICC dort 54 Angriffe auf Handelsschiffe. Seitdem hat die Zahl der Überfälle deutlich zugenommen - von bis zu 200 sprechen Piraterieexperten. Zudem fordern die somalischen Seeräuber für Schiffe und Besatzungen hohe Lösegelder.

Da die Piraten am Horn von Afrika die Einnahmen aus Erpressungen und Warenverkauf zum Waffenkauf genutzt haben, beginnt nun ein Wettrüsten. Die Seeräuber verwenden immer schnellere Schiffe und effektivere Waffen wie Raketenwerfer und Mörser. Ihre Schiffe haben die Seeräuber mit GPS-Technologie, Satellitentelefonen und effektiven Radaranlagen und leistungsstarken Außenbordmotoren ausgestattet. Mit Seeräuberromantik hat die Piraterie heutzutage nichts mehr zu tun. Sie ist ein hochprofitables Geschäft.

Zwei Millionen Euro Mehrkosten

Die sicherste Methode gegen die somalischen Seeräuber ist wahrscheinlich die teuerste: Die ersten Großreedereien haben ihre Kapitäne angewiesen, den Golf von Aden zu umfahren. Der Konzern "A.P. Moller-Maersk" schickt seine Schiffe nun um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas herum. Dadurch entstehen pro Fahrt Mehrkosten von bis zu zwei Millionen Euro, errechnete der Deutsche Reederverband. Dafür erreichen die Schiffe sicher ihr Ziel.


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