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Protest gegen das Regime Chinas neue Toilettenrevolution

Ein Schild weist auf eine öffentliche Toilette in Dongguan, China hin
Ein Schild weist auf eine öffentliche Toilette in Dongguan, China hin. In solchen Toiletten gab es in jüngster Zeit regimekritische Botschaften.
© Pietro Scozzari / Imago Images
In China öffentlich Kritik am Regime zu äußern, kann ernste Konsequenzen haben. Viele schweigen daher und die Zensur tut ihr Übriges. Nur an einen Ort kommt die staatliche Überwachung nicht heran: öffentliche Toiletten.

Wer eine öffentliche Toilette aufsucht, der hat mit großer Sicherheit schon Schmierereien an den Wänden entdeckt. Zeichnungen, Karikaturen, Liebesbotschaften, schmutzige Limericks oder anzügliche Angebote. Manche nennen es "Toilettenpoesie". Andere halten es schlicht für Vandalismus.

In der Volksrepublik China kommt es seit einiger Zeit auch zu solchen Schmierereien und Botschaften. Allerdings haben diese einen deutlich ernsteren Charakter. Es sind Proteste, Kritik an der kommunistischen Diktatur des Landes.

China ist ein Überwachungsstaat par excellence. Der öffentliche Raum wird überwacht, das Internet, Smartphones. Die staatliche Zensur kontrolliert die Medien und das Internet. Proteste – besonders gegen die Regierung – sind eine Seltenheit. Es gibt nur wenige Ecken im Land, in denen man sich frei äußern kann. Einer dieser Orte sind öffentliche Toiletten. Denn dort gibt es keine Kameras.

Protestsprüche auf Toiletten in ganz China

So berichtet es die "China Digital Times", ein in den USA ansässiges, unabhängiges Medium, das auf Chinesisch über Themen berichtet, die in China durch die staatliche Zensur blockiert oder gelöscht werden.

Vermutlicher Auslöser des WC-Widerstandes sind laut dem Bericht der "China Digital Times" Banner mit regimekritischen Sprüchen, welche zum Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas in Peking aufgehängt wurden.  

Seitdem seien handgeschriebene Protestparolen in öffentlichen Toiletten in vielen Städten Chinas aufgetaucht, deren Inhalte sich auf die Banner in Peking beziehen würden. Internetnutzer:innen würden vermuten, dass die Botschaften auf den WCs ein geringes Risiko haben, da es dort keine Überwachung gibt und die Urheber:innen nur schwer nachzuverfolgen seien.

Die "China Digital Times" zeigt Fotos von den Protestbotschaften aus Shanghai, Shenzhen oder Jiangsu. Auf einem Bild aus Nanjing ist Kritik an der Zero-Covid-Strategie Chinas zu lesen, an der Diktatur, an mangelnder Freiheit, Würde und mangelnden Reformen.

"Verspürte ich ein lange verlorenes Gefühl der Befreiung"

Der Name dieser neuen Klo-Kritik in China leitet sich aber selbst von einer Reform ab, die sich ebenfalls Toilettenrevolution nannte. 2015 hatte Staatspräsident Xi Jinping eine Reform angestoßen, die die sanitären Einrichtungen landesweit – besonders in Touristenorten – verbessern sollten, die sonst nur als "dreckige Löcher" im Boden berüchtigt waren.

Einer der Menschen, die diese Toiletten-Botschaften geschrieben haben, ist Raven Wu. Dies ist nicht sein richtiger Name. Er sprach nur unter der Bedingung der Anonymität mit dem US-Sender CNN.

"Beim Kritzeln verspürte ich ein lange verlorenes Gefühl der Befreiung", sagte Wu. "In diesem Land extremer kultureller und politischer Zensur ist keine politische Selbstdarstellung erlaubt. Ich war zufrieden, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben als chinesischer Staatsbürger das Richtige für die Menschen getan habe."

Er habe auch Angst gehabt, entdeckt zu werden – und vor den Konsequenzen, aber er schaffte es, sie beiseitezuschieben. Er mache sich große Sorgen um die Zukunft Chinas. In den vergangenen zwei Jahren hätten ihn "verzweifelnde Nachrichten" immer wieder schockiert, sagte er.

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Nur eine Frage der Zeit, bis "Toilettenrevolution" beendet wird

Auch Chen Qiang (ebenfalls nicht sein richtiger Name), der im Südwesten Chinas lebt, verbreitete seine Kritik auf einer öffentlichen Toilette, so CNN. Auch er habe Angst davor gehabt, erwischt zu werden. "Ich liebe die (kommunistische) Partei nicht. Ich habe Gefühle für China, aber nicht für die Regierung."

"Aufgrund von Zensur und Überwachung können Menschen politische Meinungen nur zum Ausdruck bringen, indem sie an Orten wie Toiletten Slogans schreiben. Es ist traurig, dass wir in diesem Ausmaß unterdrückt wurden", so Chen.

Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die "neue Toilettenrevolution" beendet wird. Ein Internetnutzer schreibt laut "China Digital Times": "Du wirst künftig beim Betreten der Toilette Sicherheitskontrollen durchlaufen müssen, also darfst du keine Stifte mitbringen."

Ein anderer schreibt demnach: "Ab nächster Woche werden wir den Punkt erreichen, an dem Gesichtsscans und persönliche Identifizierung erforderlich sind, um Büromaterial zu kaufen und auf die Toilette zu gehen."

Und das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Auf Toiletten beim Himmelstempel in Peking beispielsweise gibt es Toilettenpapier – gegen einen Gesichtsscan, wie die britische BBC berichtet. Grund für den Scanner sei laut Behörden der Diebstahl der Papierrollen. Doch mit diesen Scannern lässt sich auch feststellen, wer das Örtchen benutzt hat – oder dort eben Protestsprüche verfasst hat.

Quellen: "China Digital Times", CNN, BBC, "South China Morning Post"

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