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Proteste im Iran: Wenn das Volk die Führer zerfetzt

Sie zerreißen Bilder der geistlichen Führung und trampeln auf den Fetzen herum. Während das Regime im Iran den "Atomstaat" feiert, ist es auf den Straßen am Jahrestag der Revolution zu heftigen Protesten gekommen. Die Staatsgewalt schlug in gewohnter Manier zurück.

Von Niels Kruse

Es sind einige Dutzend Menschen. Sie stehen an einer Straße, johlen und schreien, als sich ein junger Mann an einem Plakat zu schaffen macht. Er haut mit der Faust ein Loch hinein und beginnt, das Propaganda-Bild einzureißen. Nach nur wenigen Bewegungen ist das riesige Motiv zerstört. Darauf zu sehen: Irans Revolutionsvater und Gründer der Islamischen Republik Ajatollah Ruhollah Khomeini nebst dem aktuellen geistlichen Führer Ali Chamenei. Als nur noch Fetzen an dem Mast hängen, jubelt und applaudiert die Menge, vorbeifahrende Autos hupen. Die Szene, zu sehen auf einem Youtube-Video, symbolisiert wie nur wenige andere Bilder die aufgeheizte Stimmung im Iran an diesem 11. Februar.

Es ist der 31. Jahrestag der Islamischen Revolution, einer der wichtigsten Feiertage des Landes. Hunderttausende von Iranern haben sich am Morgen im Zentrum der Hauptstadt versammelt, um die Gründung der Islamischen Republik zu zelebrieren. Der umstrittene Präsident Mahmud Ahmadinedschad hält eine vielbeachtete Rede, in der er unter dem Jubel der Menge den Iran zum "Atomstaat" erklärt. Unter den unzähligen Anwesenden haben sich nach Angaben der Opposition auch Regimegegner gemischt, die den Slogan "Tod dem Diktator" rufen oder auch "Lügner, Lügner". Es sind gefährliche Sprechchöre, denn zur Revolutionsfeier hat die angeschlagene Regierung besonders viele Sicherheitskräfte in Teheran postiert - die Revolutionsgarden als auch die berüchtigten Bassidsch-Milizen sollen gegen protestierende Oppositionelle vorgehen. Was sie im Laufe des Tages im ganzen Land auch tun werden.

"Tod dem Diktator"

Die wenigen unabhängigen Beobachter und ausländische Journalisten dürfen, wenn überhaupt, nur von Ahmadinedschads Rede berichten. Bilder und Aufnahmen abseits der Kundgebung und von Demonstrationen gibt es deshalb kaum. Die einzigen Informationsquellen sind Blogs und Mitteilungen, Fotos und Videos, die über Facebook und Twitter verbreitet werden. Auf der Seite "Persian2English" etwa ist die Rede davon, dass die "Tod dem Diktator"-Zwischenrufe während der Ansprache Ahmadinedschads so laut gewesen seien, dass das staatliche Fernsehen den Auftritt des Präsidenten zeitweise ohne Ton gesendet haben soll. In anderen Quellen war zuvor die Rede davon, dass die TV-Stationen einen Farbfilter eingesetzt haben sollen, damit in der Menge nicht das Grün der Oppositionsbewegung zu erkennen ist.

Mindestens 30 Festnahmen

Trotz des offiziellen Verbots von SMS, E-Mails und der Sperrung des Google-E-Mail-Dienstes G-Mail haben die Menschen ihren Protest in Ton, Bild und Text im Internet festgehalten. Offenbar ist es bei den Demonstrationen wieder einmal zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften gekommen. Nach unbestätigten und vorsichtigen Schätzungen sind mindestens 30 Menschen festgenommen worden. Darunter auch eine Reihe von Oppositionspolitiker wie Ali Karroubi. In einem Interview sagte sein Bruder Hussein , dass sein Verbleib unklar sei. Mehdi Karroubi sei mit Pfefferspray angegriffen worden und erhole sich von der Attacke zu Hause. Auch der Bruder des ehemaligen Präsidenten Mohammad Chatami, Mohammad Reza Chatami, wurde zusammen mit seiner Frau Zahra Eshraghi, der Enkelin von Ajatollah Khomeini festgenommen. Beide sollen allerdings kurz darauf wieder freigelassen worden sein.

Selbst der prominenteste Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi soll Opfer der Polizei geworden sein. Auf seiner Webseite heißt es, Bereitschaftschaftspolizisten mit Schlagstöcken hätten ihn an einer Teilnahme an den Demonstrationen gehindert. "Persian2English" berichtet zudem, dass in Zivil gekleidete sowie offizielle Sicherheitskräfte seine Frau mit Faustschlägen und Schlagstöcken malträtiert haben sollen, als sie auf dem Weg zur Kundgebung war.

Nervöse Sondereinheiten

Die Sondereinheiten sind nach Angaben eines in Teheran lebenden ZDF-Mitarbeiters schon zu Beginn des Feiertags sehr nervös gewesen. Im Laufe des gesamten Tages sollen sie immer wieder Tränengas und Schlagstöcke gegen die Oppositionellen eingesetzt haben. Am Nachmittag soll dabei mit Schrotgewehren geschossen worden sein. Auch von einem Todesopfer, einer 27-Jährigen Frau, ist die Rede. Die Demonstrationen haben sich aber anscheinend nicht auf die Hauptstadt beschränkt, im ganzen Land sei es zu Protesten gekommen, heißt es. Auch aus Städten wie Isfahan und Tabriz werden Verletzte und Ausschreitungen gemeldet.