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Proteste in Frankreich: Die Elite verbrüdert sich mit der Straße

Sie besuchen die beste Schule des Landes und vielleicht werden sie Frankreich sogar einmal regieren. Die Schüler des Louis le Grand-Gymnasiums werden von den Arbeitsmarktreformen nicht betroffen sein - und gehen trotzdem dagegen auf die Straße.

Von Marc Goergen und Tilman Müller

Louis le Grand, Frankreichs berühmtestes Gymnasium, gleicht einer Festung: Vor dem Monumentalbau, den schon Voltaire und Jean-Paul Sartre besuchten, stehen unüberwindlich hohe Sperrwände. Davor Polizisten mit Schlagstöcken und Tränengas-Ampullen am Gurt. Durch einen kleinen Spalt der Gitter stolpern die Schüler heraus. Wieder mal geht es auf die "Manif", auf eine Demo, und wieder mal tragen sie ihr Transparent eingerollt über der Schulter, denn wenn sie es vor der Schule hissen, entreißt es ihnen die Polizei - ein altes Leintuch, auf das Flavia und ihre Klassenkameraden gepinselt haben: "Weg mit den Polizisten aus dem Quartier Latin."

Die 17-jährige Flavia wird diesen Sommer das Abitur bestehen und nie in ihrem Leben berufliche Probleme haben, weil Louis le Grand-Absolventen immer eine glänzende Zukunft bevorsteht. Auch Ex-Premiers wie Laurent Fabius oder Alain Juppé lernten hier. Wer dieses 1563 gegründete Gymnasium besucht, das im Quartier Latin zwischen der ruhmreichen Sorbonne-Universität und dem Pantheon-Mausoleum gallischer Geistesgrößen liegt, der gehört zur Elite in dieser durch und durch elitebewussten Nation.

Viele der Oberstufen-Schüler kommen aus reichem Hause, nicht indes Flavia Bujor, die mit ihren rumänischen Eltern in Paris in einer bescheidenen Wohnung lebt und wegen blendender Noten auf die Renommier-Schule kam. Mit 13 schrieb die Hochbegabte einen Besteller-Roman ("Das Orakel von Oonagh"), der in 28 Sprachen übersetzt wurde.

"Sie glauben, dass sie in 20 Jahren das Land regieren"

"Viele in der Louis le Grand glauben, dass sie in 20 Jahren das Land regieren", sagt die Jung-Autorin mit dem blassen Teint beim Gang zur Demo, die Mehrheit ihrer insgesamt 2000 Schulkameraden stünde hinter der Regierung und würde niemals auf die Straße gehen. Besonders elitär seien die Klassen S-1 und S-6, Söhne und Töchter der Superreichen in Ralph Lauren- oder Chanel-Klamotten. "Die sehen sich als zukünftige Firmenchefs und haben keine Lust, sich für den Kündigungsschutz einzusetzen".

Flavia ist in der L-Klasse (Literatur), liest Thomas Bernhard im deutschen Original. Die Regierungstreuen der naturwissenschaftlich orientierten S-Klassen sind für sie "Neo-Cons", die sich "wie ihre verknöcherten Väter" verhalten, "furchtbar rechts" sind und "total elitebewusst" nur für die eigene Karriere denken. Umgekehrt gelten die L-Klässler bei den Jung-Konservativen als "Schwätzer" und "linke Rebellen". So wie in Flavias Schule tobt der Klassenkampf überall in Frankreich. In der breiten Bevölkerung sind jedoch nicht die Neo-Konservativen in der Mehrzahl - sondern vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschichtler, die immer offener gegen die selbstherrliche Elite rebellieren.

Ein heißer Frühling ist in Sicht

Fünf Wochen schon protestieren Schüler und Studenten gegen das Gesetz von Premier Dominique de Villepin, das bei Berufseinsteigern unter 26 in den ersten zwei Jahren eine Entlassung ohne Begründung erlaubt. Ein heißer Frühling ist in Sicht, vor allem seit sich voriges Wochenende auch Staatschef Jacques Chirac für das Gesetz in leichter Modifikation aussprach - obwohl 62 Prozent der Franzosen dagegen sind.

Mittlerweile besetzen die Studenten auch Bahnhöfe, blockieren landesweit Autobahnen und organisieren unangemeldete Demos - für Frankreich ist es die schlimmste Krise seit dem Mai 1968. Flavia nahm von Anfang an den "Manifs" teil, manchmal mit ihren Eltern, heute mit ein paar Klassenkameraden. "Ich bin jung, also protestiere ich", sagt sie mitten im Menschenmeer an der Place d'Italie, "die Jugend verdient Respekt und braucht einen Platz in der Arbeitswelt."

Noch stärker als deutsche fühlen sich französische Studenten zur "Wegwerfgeneration" degradiert - auch mit Uni-Diplom findet nur jeder Vierte einen Job. Zwei Drittel der 15- bis 24-Jährigen bekommen nach Schulabschluss nur Zeitarbeit. Über 30-Jährige sind bei der Wohnungssuche oft noch auf die Eltern angewiesen. Eine Festanstellung findet fast nur noch, wer eine der "Grand Ecoles" besucht, einer der Elite-Unis der Nation - das sind gerade mal 80.000. Leer ausgehen dagegen meist Abgänger der insgesamt 84 Massenuniversitäten - mehr als zwei Millionen.

Langsam erkennen einige Vordenker, dass dieses Kastensystem der Grande Nation mehr schadet als nützt. Einer von ihnen ist Richard Descoings, Direktor von Sciences-Po im schicken St. Germain-des-Près, einer der renommiertesten großen Schulen. Hier umwarb einst Chirac als Student seine damalige Kommilitonin und jetzige Gattin Bernadette.

Während die Universitäten ringsum besetzt sind, herrscht an Sciences-Po normaler Betrieb. Zwar übernahmen Studenten in einer symbolischen Aktion für eine Nacht den größten Hörsaal - von Revolution aber keine Spur. Warum auch? Wer hier studiert, muss sich um CPE nicht sorgen.

Das hindert Descoings, 47, nicht daran, die faktische Zweiteilung zwischen Grandes Ecoles und Universitäten in Frage zu stellen. 2001 führte er ein Aufnahmeprogramm ein für Abiturienten aus schwierigem Milieu - für manche ein Verrat am republikanischen Prinzip der Gleichheit. Jetzt können Abgänger aus ausgewählten Brennpunkt-Schulen auf Empfehlung ihres Lehrers an seiner Schule studieren. Besuchte etwa vor fünf Jahren noch kein einziger Schüler aus den Pariser Vorstädten das Institut, sind es so mittlerweile knapp 200.

"Das Hauptproblem ist nicht das neue Gesetz, sondern das Versagen der Bildungspolitik der letzten zwanzig Jahre", sagt Descoings. "Die Universitäten schaffen es nicht, Studiengänge einzuführen, die den Studenten wirklich Jobs bringen. Und dann wollen wir Franzosen immer die große Reform, anstatt Schritt für Schritt vorzugehen."

Am anderen Ende von Paris, im 19. Arrondissement, herrscht geschäftiges Chaos. An den Wänden kleben Plakate, Handzettel liegen über den Boden verstreut, auf den Schreibtischen türmen sich überfüllte Aschenbecher. Hier, in einer heruntergekommenen Wohnung, gleich neben dem Hauptquartier der kommunistischen Partei, ist die Zentrale der größten Studentengewerkschaft "Unef", der Nationalen Vereinigung der Studenten in Frankreich. Hier laufen die Fäden des Pro-testes zusammen.

Demonstrieren als Full-Time-Job

Nadjet Boubekeur versucht sie alle in den Händen zu halten. Eigentlich studiert die 25-Jährige Geschichte an der Universität Paris VIII, jetzt aber koordiniert sie die Termine des Unef-Vorsitzenden Bruno Juillard. Vor ihr auf dem Tisch liegen die Demonstrantenzahlen, die Rennes und Marseille gerade gemeldet haben, daneben der Terminplan für ihren 25-jährige Chef, der um 14 Uhr zum ersten französischen Kanal TF 1, gleich anschließend zu France 2 soll.

"Normalerweise arbeite ich nur am Wochenende für Unef, aber jetzt schlafe ich kaum noch", sagt Nadjet. Weiter kommt sie nicht, schon klingelt wieder das Telefon. Kaum legt sie auf, piept auch schon eine SMS auf dem Handy, fast gleichzeitig erscheint in der Tür ein Team des Privatsenders Canal Plus. Ja, sie sei noch immer vom Erfolg des Protests überzeugt, sagt sie in die Kamera. Und nein, man lehne auch weiterhin jedes Treffen mit dem Premierminister ab. Schon Nadjets Eltern waren Gewerkschafter und seit zwei Jahren ist auch sie Unef-Mitglied - eine von landesweit etwa 26 000. Warum? "Weil wir Studenten eine starke Stimme brauchen, erst recht, wenn die Regierung uns unsere Zukunft stehlen will".

Die Idee des Mai 1968 lebt nicht nur bei ihnen fort. Damals streikten 15 Millionen Franzosen, europaweit bis heute ein Rekord. Nur durch eine außergewöhnliche Lohnerhöhung konnte die Regierung damals die Studenten und Arbeiter besänftigen. Immer wieder beugte sich die Elite seither dem Druck der Straße: 1986 musste der damalige Premier Chirac seine Hochschulreform zurückzuziehen; 1996 zwangen Studenten den Premier Eduard Balladur ein Gesetzesvorhaben aufzugeben, das Lohnsenkungen für Berufseinsteiger ermöglichen sollte; und erst im vorigen Jahr musste Bildungsminister Francois Fillon zurücktreten, weil seine Abitur-Reformpläne am Widerstand der Gymnasiasten gescheitert waren.

Der Unmut richtet sich gegen eine schwer reformierbare Institution

Diesmal richtet sich der Unmut offenbar gegen eine übergeordnete und besonders schwer reformierbare Institution: die freie Marktwirtschaft. "In der Vergangenheit ging es bei den Protesten um die Wahrung sozialer Errungenschaften", so der französische Soziologe Alain Touraine, jetzt gehe es "gegen die Flexibilität, wie sie in einer wettbewerbsfähigen Marktwirtschaft gefordert wird". In keinem Industriestaat der Welt wird der Kapitalismus derzeit so stark abgelehnt wie in Frankreich - die Hälfte der Bürger sind dort komplett gegen dieses System, in Deutschland sind es etwa 30, in den USA nur 25 Prozent. Der amerikanische Politikwissenschaftler Richard Sennett sieht in den französischen Protesten gar eine "Ur-Aufführung, eine Antwort auf den neuen Kapitalismus", die auch in anderen westlichen Ländern Schule machen werde.

Wie im Mai 1968 fühlen sich die Pariser Studenten dabei wieder als Avantgarde., "Ich liebe unsere festlichen Demonstrationen", sagt Flavia, die Elite-Schülerin. "Sie sind für uns die Möglichkeit, wirklich etwas zu verändern."

Wie lange ist die frist bei einer Kündigung?
Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.

Von:

und Tilman Müller