Prozess gegen Rote Khmer Der Zeuge des Grauens


Wer in Tuol Sleng, dem berüchtigten Folterlager der Roten Khmer landete, war dem Tod geweiht. 30 Jahre nach dem Ende der Steinzeitkommunisten, wird dem "Chefhenker" Duch nun der Prozess gemacht. Einer der wichtigsten Zeugen: das Folteropfer Vann Nath. stern.de hat ihn besucht.
Von Marc Goergen

Der Mann, der um sein Leben malte, hat seit Wochen keinen Pinsel mehr in der Hand gehabt. Vann Nath ist müde. Die Augen des 62-Jährigen sind schwer, die Haare weiß, er spricht langsam und leise. Immer wieder legt er zwischen den Erzählungen versunken den Kopf in die Hand, als ob die Tuk-Tuks und Mofas vor seinem Restaurant, ja überhaupt das lärmende umtriebige Kambodscha dieser Tage für ihn verstummen würde.

Es ist Hochsaison in Phnom Penh. Touristen bestaunen den Königspalast und die Pagoden, treffen sich in den Bars mit Blick auf den träge fließenden Tonle Sap. Es ist die eine Welt Kambodschas, die heitere und exotische - die andere liegt hinter müden Augen wie jenen des Malers Vann Nath.

Etwa 1,7 Million Menschen starben zwischen 1975 und 1979 unter dem Terrorregime der Roten Khmer. Es war einer der größten Völkermorde der Geschichte, und jetzt, endlich, soll über die Verantwortlichen gerichtet werden. Im vergangenen Jahr hat ein Sondertribunal der Vereinten Nationen die Arbeit aufgenommen, in wenigen Wochen beginnt die Hauptverhandlung. Monatelang haben die Ankläger Akten gesichtet, Zeugen befragt, haben lang verdrängte Geschichten ans Licht geholt. Sie handeln von Wahn, Mord und Folter; es sind Geschichten wie jene des Malers Vann Nath und seines Kommandanten Duch, und wie so viele aus dieser dunklen Zeit beginnt sie an einem strahlend-heißen Frühlingstag des Jahres 1975.

Es ist der 17. April. Seit fünf Jahren haben die Roten Khmer das Regime Kambodschas bekämpft, haben den Bomben der Amerikaner getrotzt, der Hitze, dem Regen, den Krankheiten des Dschungels. Es ist eine Amateur-Armee aus Bauern und Halbwüchsigen, geführt von einem ehemaligen Lehrer, der den Namen Pol Pot angenommen hat. Und doch sind die fanatischen Kämpfer immer weiter vorgedrungen. Vor zwei Monaten haben sie begonnen, die Hauptstadt Phnom Penh zu belagern. Vor einer Woche evakuierten die Amerikaner ihre Botschaft. Gestern floh die Regierung. Die Roten Khmer haben gesiegt.

Jetzt, am Tag eins des Friedens, liegt eine unheimliche Ruhe über der Stadt. Weiße Betttücher hängen aus den Fenstern, verunsichert warten die Menschen auf die neuen Herren des Landes. Dann, scheinbar von allen Seiten, kommen die Rebellen. Mit teilnahmslosen Mienen besetzen sie die Kreuzungen, entwaffnen die letzten Soldaten der Regierung. Es ist ein seltsamer Anblick. Anstelle von Uniformen tragen sie schwarze Hemden, statt Stiefeln Sandalen aus Autoreifen, ja sogar Kloschüsseln scheinen manchen fremd; sie trinken daraus wie aus einem Brunnen.

Abschied vom bürgerlichen Leben

Mitten unter den Rebellen marschiert Kaing Guag Ev in die Stadt. Auch er trägt Schwarz. Der kleine, schlanke Mann gehört zur Spitze der Roten Khmer. Einst war er Lehrer und agitierte gegen das alte Regime. Zwei Jahre Gefängnis folgten - und der endgültige Abschied vom bürgerlichen Leben. Kaing Guang Ev ging in den Dschungel, nahm den Namen Duch an, machte im Untergrund Karriere. Jetzt, mit 33, ist er Kommandant eines Gefangenenlagers. Unter seiner Ägide flößen Rebellen den Regierungssoldaten Waschmittel ein. Hunderte, vielleicht Tausende, sind schon unter seinem Befehl gestorben. Doch seine mörderischste Aufgabe wartet noch auf ihn.

Zur selben Zeit, als Duch durch die Straßen der Hauptstadt marschiert, versucht der Maler Vann Nath in der Provinzstadt Battambang verzweifelt seine Familie wiederzufinden. Auch hier, 300 Kilometer nordwestlich von Phonm Penh, haben die Roten Khmer gesiegt. Und auch hier haben sie begonnen, die Menschen aufs Land zu evakuieren. Langsam fließt die Kolonne aus der Stadt heraus, ein scheinbar endloser Strom aus Menschen, Karren, Fahrrädern. Selbst die Krankenhäuser werden geräumt; ruckelnd schieben Angehörige die Betten ihrer Kranken über die Straßen.

Städte gelten als dekadent

Der Exodus soll den neuen Menschen schaffen. Städte gelten als dekadent; ihre Bewohner sollen in Arbeitslagern auf dem Land geläutert werden. Wer den Weg nicht überlebt - und allein in Phnom Penh werden es mehrere Zehntausend sein -, hat es nicht verdient, im neuen Staat mit dem altertümlichen Namen "Kampuchea" zu leben.

Seit vielen Jahren wohnt der 39-jährige Vann Nath in der Nähe von Battambang. Er malt Filmplakate und Portraits von Lokalpolitikern, hat damit seine Familie gut ernähren können. Nach zwei Tagen findet er sie inmitten des Chaos endlich wieder. Tage vergehen, Wochen. Immer wieder marschieren, ein wenig Reis, schlafen, marschieren. Schließlich werden sie einer neugegründeten Kollektive zugeteilt. Vann Naths neues Leben als Reisbauer hat begonnen.

Folter mit System

Zwei Jahre später ist Phnom Penh eine Geisterstadt. Wo sich einst zwei Millionen Menschen drängten, treibt jetzt der Wind Müll durch staubige Straßen. Liegengelassene Autos, Fahrräder, Fernseher und Kühlschränke rosten entlang der Ausfallstraßen. Manche Plätze wurden zu Gemüsefeldern umfunktioniert. Gerade einmal ein paar Tausend Kader leben jetzt in der Stadt. Einer davon ist Duch.

Ebenso pedantisch wie er einst als Lehrer seinen Schülern den Marxismus nahe zu bringen versuchte, widmet er sich nun seiner neuen Aufgabe. Er soll "Angkar", der allmächtigen Partei, die Geständnisse von Verrätern liefern. Eine ehemalige Schule ist sein Hauptquartier. "Tuol Sleng" wird sie genannt, im Parteijargon auch "S-21". In den Klassenzimmern sind die Gefangenen mit Eisenringen an den Boden gefesselt, die Galerien sind mit Stacheldraht gesichert; keiner soll sich durch Selbstmord Duchs Griff entziehen können. Aus dem ganzen Land bringen ihm die Häscher die vermeintlichen Konterrevolutionäre. Seine Aufgabe: Ein Geständnis erreichen - und die Verräter anschließend exekutieren.

Auf 42 Seiten eines Mathematikschulhefts stehen in Handschrift die Richtlinien für seine Arbeit. So soll das Verhör zwar angekündigt werden, dann aber verschoben werden, um die Angst zu erhöhen. Vor allem aber soll die Folter System haben - ein zu früher Tod ist nicht gewünscht. "Ein Gefangener", führt das Handbuch als warnendes Beispiel aus, "hat ziemlich viel gestanden, dann aber schluckte er Nägel, und wir brauchten teure Medizin, um ihn zu behandeln. Die Partei ist arm. Solche Ausgaben können wir uns nicht leisten."

Privilegiertes Folterzentrum

Duch ist privilegiert, sein Folterzentrum hat 24 Stunden Strom. Während der Rest der Stadt abends in Dunkelheit versinkt, ist Tuol Sleng hell erleuchtet. Ohnehin gibt es kaum noch Menschen, denen Straßenlaternen den Weg leuchten müssten. Die Botschaften der wenigen Staaten, die mit Kambodscha diplomatische Beziehungen unterhalten, - China, Jugoslawien, Nordkorea und eine Handvoll anderer kommunistischer Staaten - sind in einer Straße zusammengelegt worden. Die Diplomaten müssen selbst kochen, dürfen keine Autos besitzen und sich ohne Eskorte nicht mehr als 100 Meter von ihrer Botschaft entfernen. Allerorten trotten Schweine und Kühe durch die Straßen. Es gibt keine Telefonverbindungen ins Ausland, keine Post, keine Flüge, alle Grenzen sind geschlossen - Kambodscha hat sich von der Welt verabschiedet.

Duch lebt mit seiner Frau ein paar Blocks von Tuol Sleng entfernt. Wie die meisten Führer der Roten Khmer wohnt er einfach. Es gibt ein Sofa, an der Wand hängen die Flaggen der Sowjetunion und des neuen Kambodscha, dazu Bilder von Lenin, Stalin, Marx, Engels, Mao und Pol Pot. Einziger Luxus ist ein Kassettenspieler, auf dem er sich manchmal abends Revolutionslieder anhört.

Tagsüber überwacht er den grausamen Alltag. Morgens und mittags werden die Gefangenen jeweils vier Stunden verhört, abends nochmals drei - so lange, bis sie ein Geständnis niederschreiben, auf dem sie sich als Spione bezichtigen. Überleben sie die Folter, die Elektroschocks, die Schläge, das Malträtieren ihrer Geschlechtsteile, werden sie auf Lastern vor die Stadt gefahren. Dort, vor schon ausgehobenen Gruben, werden die Namen mit einer Liste verglichen. Die Todgeweihten müssen sich einer nach dem anderen nieder knien. Dann werden sie mit Holzknüppeln getötet. Kleinkinder werden einfach gegen ein Baum geschlagen und hinterher geworfen. Es ist ein eingespieltes System. Wer einmal Duchs Reich betreten hat, verlässt es nicht mehr lebend.

Die Alten sind den neuen Menschen höher gestellt

Auf dem Land versucht sich der Maler Vann Nath in seinem neuen Leben zurechtzufinden. Etwa 2000 Städter leben in der Kooperative Nummer fünf. Sie alle gehören zu den sogenannten "Neuen Menschen", die sich erst läutern müssen. Ihnen höher gestellt sind die "Alten Menschen": Bauern oder Handwerker, die meist in ihren Dörfern bleiben dürfen. Vann Naths Aufgabe ist es, Feuerholz für die Küche seiner Arbeitsgruppe zu sammeln.

Das Leben in der Kooperative - es ist ein Tod auf Raten. Bei den ersten, die an Hunger oder Krankheit sterben, geben sich die Wärter noch gnädig: Wer das Grab aushebt, bekommt eine zusätzliche Portion Reis. Doch es sind bald einfach zu viele Tote. In seiner Arbeitsgruppe von anfangs 100 Arbeitern zählt Vann Nath jede Woche zwei oder drei weniger. Die Leichen werden in Massengräbern neben den Feldern verscharrt, damit ihr Körper die Erde düngt.

Angkar, die Organisation, kennt keine Individuen. Kinder werden von der Gemeinschaft aufgezogen, Hochzeiten sind Gruppenvermählungen, die genehmigt werden müssen, die Kader notieren sogar Menstruationszyklen, um Paare in einem Moment zueinander zu lassen, der Empfängnis verspricht. Selbst die Sprache wird gesäubert. Anstelle von "Ich" heißt es "Wir", für die Kinder sind alle Erwachsenen "Mutter" oder "Vater", der staatliche Rundfunksender Radio Phnom Penh verbannt, weil bourgeois, aus seinen Sendungen sogar Wörter wie "Schönheit" oder "Bequemlichkeit".

Mehrere Tage lang immer wieder Elektroschocks

Eines Morgens Ende Dezember 1977 kommt ein Vorarbeiter während der Arbeit zu Vann Nath: "Kamerad Nath, komm mit mir!" Sie fahren zu einer Pagode zehn Kilometer entfernt. Plötzlich tauchen weitere Männer auf, fesseln ihn und bringen ihn in ein Haus in der Nähe. "Was hab ich denn getan", fragt Vann Nath. "Ich weiß es nicht", sagt sein Vorgesetzter, "es ist der Befehl des Kommandanten." Mehrere Tage lang wird er verhört, immer wieder Elektroschocks - und immer wieder die Frage: "Warum wurdest Du festgenommen?"

Vann Nath weiß es nicht. Schließlich laden ihn seine Peiniger auf einen Lastwagen. Stundenlang fahren sie über holprige Straßen. Es ist schon nach Mitternacht, als der Laster endlich stoppt. Ein kühler Wind weht auf die Ladefläche, Vann Nath erkennt das Klingeln eines Telefons - ein Geräusch, das er seit fast drei Jahren nicht mehr gehört hat. Sie müssen in einer Stadt sein. Soldaten befehlen ihnen abzusteigen. Sie stehen in einem hell erleuchteten Innenhof, der zu drei Seiten von dreistöckigen Gebäuden umschlossen ist. Vann Nath ist im Gefängnis Tuol Sleng gelandet.

Duch nimmt die Neuankömmlinge, die Tag für Tag, Nacht für Nacht, zu ihm gebracht werden, kaum noch wahr. Auch Vann Nath bleibt zunächst nur ein Name auf einer Liste. Er wird mit Ketten an den Boden seiner Zelle gefesselt. 50 Gefangene liegen dort dicht an dicht, viele nackt, der kahle und zugige Raum gleicht einer Sklavengaleere.

Einen Monat lang bleibt Vann Nath in den Fesseln. Zu Essen gibt es nur ein paar Löffel wässrigen Reis; schon bald überziehen eitrige Wunden seinen ausgemergelten Körper. Manchmal fängt er eine Heuschrecke, die er heimlich isst.

Porträts vom großen Henker

Eines Morgens öffnen die Wärter plötzlich Vann Naths Fußfesseln und befehlen ihm aufzustehen. Doch seine Beine haben kaum mehr Kraft. Die Männer müssen ihn stützten, als ihn in ein Büro führen. Dort, auf einem Sofa wartet, schon ein drahtiger, kleiner Mann. Es ist Duch. "Kannst Du Bilder malen?", fragt Duch. "Nicht wirklich", antwortet Vann Nath zögernd.

Duch lässt ein großes Foto von Pol Pot hereinbringen. "Ich will davon eine realistische und schöne Reproduktion. Kannst Du das?" "Ich werde mein Bestes versuchen." Vann Nath bekommt ein neues Hemd und eine Extraportionen Reis. Nach ein paar Tagen hat er wieder so viel Kraft, dass er mit dem Gemälde von Pol Pot beginnen kann. Fünf Tage lang arbeitet Vann Nath am über drei Meter hohen Bild. Er beginnt morgens um sechs und endet abends um elf. Nachts kann er kaum schlafen - er weiß, dass schlechte Arbeit den Tod bedeutet. Schließlich ist das Bild fertig. Undurchschaubar wie immer lächelt Pol Pot von der riesigen Leinwand. "Sieht das Bild aus wie das Foto?", fragt Duch. "Es sieht irgendwie nicht richtig aus", sagt einer seiner Leibwächter." Duch schaut ein paar Minuten auf das Gemälde. Dann sagt er: "Gut, gut. Es ist in Ordnung. Mach weiter."

Vann Nath wird in den Künstlertrupp von Tuol Sleng aufgenommen. Zu viert malen, schreinern und meißeln sie an Abbildern Pol Pots und anderer Führer der Roten Khmer. Sie sind privilegiert. Sie bekommen mehr Reis, sogar Zigaretten, dürfen in der Arbeitszelle schlafen, werden von den Wärtern nur selten geschlagen. Mehrmals pro Tag schaut Duch vorbei. Meistens sagt er kein Wort, sondern blickt den Künstlern einfach schweigend über die Schulter.

Todesmaschine Tuol Sleng arbeitet ohne Pause

Um sie herum arbeitet die Todesmaschine Tuol Sleng ohne Pause. Laster bringen immer neue Gefangene - und schaffen anschließend die Todgeweihten vor die Stadt. Duch mordet mit System. Ziel ist nicht der Tod an sich; Ziel ist der Tod, nachdem der vermeintliche Verräter ein Geständnis aufgeschrieben hat. Die erfundenen Kontakte zum KGB, zur CIA, zu den verfeindeten Vietnamesen, ja manchmal auch zu allen dreien, werden akribisch archiviert. Es gibt keine Aufstände oder Helden, nur verzweifelte Versuche, das Leiden zu verkürzen - ein Gefangener stößt sich noch bei der Niederschrift des Geständnisses den Stift in Hals.

Jeden Tag dringen die Schreie der Gefolterten zu Vann Nath hinauf. Im Innenhof sieht er die Wärter blutverschmierte Ketten waschen. Und auch sie, die Privilegierten, sind nicht sicher. Als einer der Maler sich nicht demütig genug gibt, verschwindet er für mehrere Tage. Als er zurück kommt, kann er kaum mehr aufrecht gehen.

Tod wohin man schaut

Fast ein Jahr lang hängt Vann Naths Leben am Wohlwollen seines Kommandanten. Dann, zunächst unmerklich, gerät die perfide Ordnung aus dem Takt. Es ist Dezember 1978. Während Vann Nath und seine Kollegen an einer Silberbüste von Pol Pot arbeiten, scheint sich das Gefängnis zu leeren. Die Schreie werden seltener, die Aufsicht wird laxer - die Maler dürfen nun sogar selbst kochen. Immer lauter wird dafür der Donner von Artillerie.

Schon vor Monaten hat sich der schwelende Konflikt mit dem Nachbarn Vietnam zu einem Krieg ausgeweitet. Seitdem sind die Vietnamesen immer weiter nach Kambodscha vorgedrungen. Ende 1978 stehen sie vor Phnom Penh.

Schließlich, am Morgen des 7. Janauar 1979, sieht Duch nicht weit von seinem Haus die ersten vietnamesischen Panzer. Hektisch lässt er die letzten Gefangenen auf Laster verladen, doch zum Vernichten der Dokumente bleibt keine Zeit mehr. Als einer der letzten verlässt er Tuol Sleng. Hinter ihm bleiben Tausende von Geständnissen, Akten, Fotos. Wie Laub wirbeln sie durch die Flure und Zimmer der ehemaligen Schule.

Seine Frau erkennt ihn erst auf den zweiten Blick

Inmitten des Chaos wird auch Vann Nath aus Tuol Sleng gebracht. Vor den Toren der Stadt gelingt ihm die Flucht. Durch Glück findet er eine Woche später seine Frau wieder; sie erkennt ihn erst wieder, als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt ist. Seine Kinder haben die knapp fünf Jahre Terror der Roten Khmer nicht überlebt. Ebenso wenig wie über 14.000 Mitgefangene in der Hölle von Tuol Sleng. Ebenso wenig wie fast zwei Millionen Menschen im ganzen Land.

Bis heute lässt Vann Nath das Grauen des Erlebten nicht los. Nur sieben Menschen haben wie er das Grauen von Tuol Sleng überlebt. Mittlerweile sind vier gestorben, und auch Vann Nath wirkt von seiner Erfahrung gezeichnet. Seine Nieren haben vor ein paar Jahren versagt; seither muss er alle paar Tage zur Dialyse. Gemeinsam mit seiner Familie betreibt er das einfache Restaurant hier in Phnom Penh, auf dem Dach seines Wohnhauses nebenan hat er sein Atelier eingerichtet. Doch immer häufiger zwingt ihn die Krankheit, die Arbeit ruhen zu lassen.

Viele Jahre lang hat er versucht, sich die Erfahrungen in Tuol Sleng von der Seele zu malen. Es sind bedrückend realistische Bilder, immer wieder Folterungen, ausgemergelte Gefangene. Viele Gemälde hängen an der Stätte des Grauens selbst - nach der Niederlage der Roten Khmer funktionierte man Tuol Sleng zu einem Museum über den Völkermord um. Manchmal führt er Schulklassen durch seine ehemalige Zelle. Er sagt: "Jede Generation muss neu darüber informiert werden, damit so etwas nicht wieder geschieht."

Duch, der Kommandant, kann nach dem Einmarsch der Vietnamesen untertauchen. Er arbeitet wieder als Lehrer, später sogar für Hilfsorganisationen in Lagern für Rote-Khmer-Vertriebene an der thailändischen Grenze. Niemand vermutet hinter dem fleißigen und gut organisierten Mann den Kommandanten eines Folterknastes. Bei den Flüchtlingen ist er beliebt, er gilt als guter Zuhörer. Erst 1999 deckt ein irischer Journalist seine Identität auf, und Duch stellt sich den Behörden.

Warten auf den Prozess

Jetzt wartet er zusammen mit bislang vier weiteren Führern der Roten Khmer in einem Sondergefängnis vor den Toren Phnom Penhs auf den Prozess durch das Tribunal der Vereinten Nationen. Akten und Zeugen sollen die Verantwortlichkeiten belegen. Auch mit Vann Nath haben die Ankläger schon gesprochen. 19 Jahre lang, seit der Befreiung Tuol Slengs, hat Vann Nath Duch nicht mehr gesehen. 19 Jahre lang hat der Maler versucht, das Grauen zu bebildern, hat der Kommandant versucht, das Grauen zu verbergen.

Vor Gericht nun sehen sie sich wieder.


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