Prozessauftakt "Es dauerte nur ein paar Sekunden"


Beim Prozessauftakt um den Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh hat der Angeklagte Mijailo Mijailovic jede Tötungsabsicht bestritten und politische Hintergründe zurückgewiesen. Stimmen in seinem Kopf hätten ihn zu der Tat getrieben.

Als im Gerichtssaal die Leiden von Anna Lindhs Söhnen Philip (9) und David (13) zur Sprache kamen, bewahrte der Attentäter der ermordeten schwedischen Außenministerin nur mühsam die Fassung. Mijailo Mijailovic, der beim Prozessauftakt im Stockholmer Amtsgericht am Mittwoch seine zehn Messerstiche gegen die populärste Politikerin Schwedens erklären musste, starrte äußerst angespannt und den Tränen nahe auf die Tischplatte. Die Hinterbliebenen waren nicht vor Gericht erschienen, dafür ergriff ihre Anwältin das Wort: "Die Kinder werden mit Zeitungsüberschriften, Fernsehen und anderswo jeden Tag daran erinnert, dass ihre Mutter tot ist."

In schwarzer Freizeitkleidung, mit Plastiksandalen und einem seit drei Monaten Untersuchungshaft sprießenden Bart betrat der 25-Jährige den Gerichtssaal. Der Vorsitzende Göran Nilsson, ein weiterer Jurist und drei Laienschöffen müssen nach dem vorzeitigen Geständnis in drei Verhandlungstagen als zentrale Frage nur noch klären: Hat Mijailovic, wie von ihm behauptet, aus einem augenblicklichen Impuls sein Opfer angegriffen. Oder hat er, wie die Staatsanwaltschaft beweisen will, immerhin 15 Minuten nach dem ersten Blickkontakt zur unbewacht einkaufenden Lindh einen Mord durchaus planvoll ausgeführt.

Hatte der Angeklagte sein Opfer beschattet?

Neues oder gar Überraschungen brachte der erste Prozesstag nicht. Agneta Blidberg, die als Oberstaatsanwältin die Anklage vertritt, konnte sich auf umfassendes Beweismaterial unter anderem mit DNA-Spuren des Täters auf der Mordwaffe stützen. All das aber war lange bekannt.

Trotz zahlreicher Videoaufnahmen mit dem im Stockholmer NK-Kaufhaus herumlaufenden Mijailovic aber blieben ausschlaggebende Beweise aus. Vor allem die Fragen: Hatte der Täter sein Opfer beschattet? Hatte er Anna Lindh tatsächlich von oben am Fuß einer Rolltreppe erblickt? Hatte er sie dann an der Kleiderboutique "Filippa K" mit zehn brutalen Stichen so schwer verletzt, dass sie am folgenden Morgen im Karolinska-Krankenhaus starb?

Mijailovic wich vor Gericht nicht von der Version ab, die er bei seinem Tatgeständnis vor einer Woche mitgeteilt hatte. "Ich war verzweifelt, weil ich mit meinem ganzen Leben gescheitert bin", antwortete er dem zweiten Staatsanwalt Krister Petersson auf die Frage nach seiner Grundstimmung am Mordtag. Vorher sei ihm mehrfach psychiatrische Hilfe verweigert worden.

"Es dauerte nur ein paar Sekunden", beschrieb Mijailovic die eigentliche Tat, zu der ihn innere Stimmen aufgefordert hätten. Für juristische Beobachter war auch vorher bei der einleitenden Erklärung von Mijailovic-Anwalt Peter Althin klar, welches Ziel der Verteidiger verfolgt. Sein Mandant sei durch verweigerte medizinische Hilfe und eine "möglicherweise unglückliche" Mischung von Medikamenten in einer extrem schlechten Verfassung gewesen. Deshalb habe er gegen Lindh alles andere als planmäßig oder auch nur gezielt gehandelt, erläuterte Althin.

"Ich kann mich nicht erinnern." So lautete der meist gehörte Satz von Mijailovic am ersten Tag. Sein Anwalt will zum Abschluss eine rechtspsychiatrische Untersuchung seines Mandanten beantragen. Deshalb könnte bei dem Ende Februar erwarteten Urteil lebenslange Haft oder die Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie stehen.

Täterfahndung als "Glanzleistung" gelobt

Für viele Schweden wurden am Mittwoch Erinnerungen an die ganz anders verlaufenen Prozesse nach dem Mord an Schwedens Ministerpräsidenten Olof Palme 1986 wach. Während damals der Kleinkriminelle Christer Pettersson in zweiter Instanz nicht zuletzt wegen einer haarsträubenden Kette von Polizeipannen freigesprochen wurde, und der Fall bis heute als unaufgeklärt gilt, kann der im Gerichtssaal als Zuhörer anwesende Lindh-Cheffahnder Leif Jennekvist den Prozess gegen Mijailovic als sicherer Sieger mitverfolgen: Die Jagd nach dem Täter und dessen Überführung werden in Stockholm von Medien, Politikern und auch den Anklägern im Gerichtssaal als Glanzleistung ohne Fehl und Tadel gelobt.

Thomas Borchert und Lennart Simonsson DPA

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