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Rauswurf von Moskaus Bürgermeister Luschkow: Der Mann, der zu viel aufbaute

Sein enormes Vermörgen verdankte Jurij Luschkow seiner Firma und seinem Amt: Als Bürgermeister von Moskau war er sein eigener Bau-Auftraggeber. Nun hat ihn Dimitri Medwedew rausgeworfen. Wer war der Mann, der den Kreml nervte?

Von Bettina Sengling

Ein guter Verlierer ist der ehemalige Bürgermeister nicht: Er sei Opfer, schrieb Jurij Luschkow beleidigt an die Führung seiner Partei "Einiges Russland". Die staatlichen Medien hätten ihn hart und ungerecht attackiert. Grund für die pampige Einlassung war eine Botschaft, die ihn am Arbeitsplatz erreichte - an dem er sich nach seinem Urlaub in Kitzbühel gerade wieder einrichten wollte: Luschkow ist nicht mehr Bürgermeister von Moskau. So ging in der russischen Hauptstadt nun eine Ära zu Ende - und das wenig ehrenvoll.

Denn Präsident Dimitri Medwedew hat in diesem Jahr bereits andere langjährige Gouverneure entmachtet. Doch die wurden nach einem persönlichen Gespräch mit dem Präsidenten in den Ruhestand geschickt. Luschkow nicht. Er habe kein Vertrauen mehr in den Moskauer Bürgermeister, ließ Medwedew verlauten und schmiss den Bürgermeister kurzerhand raus. Eine ehrenvolle Entlassung sieht anders aus.

Er war schon Bürgermeister unter Jelzin

Luschkow ist politisches Urgestein in Russland, fast zwei Jahrzehnte lang war er einer der mächtigsten Männer im Land. Bürgermeister wurde er schon unter Jelzin, mit dem er Anfang der neunziger Jahre noch befreundet war und damals schon wie ein freundlicher Großvater aussah, galt zu dem Zeitpunkt noch als tatendurstig und energisch, als mustergültiger Verwalter. Volksnah in Schiebermütze und Jeans gekleidet, fuhr er jeden Samstag große Baustellen ab und kontrollierte den Fortschritt in seiner Stadt, bestimmte die Farbe von Häuserwänden und die Blumensorte in den Rabatten.

Und Moskau veränderte sich nach Luschkows Geschmack: Er ließ die riesige Christus-Erlöser-Kathedrale errichten, die Stalin 1931 zerstört hatte. Häuser wurden restauriert, Einkaufszentren hochgezogen. Aus den Straßen verschwanden Schlaglöcher, Wohnsiedlungen wurden gebaut. Moskau sah im Zentrum immer schick aus - und viele Jahre lang waren die Moskauer stolz auf ihre Stadt.

Das änderte sich spätestens 1999, als sich Luschkow in einen Machtkampf mit dem Kreml einließ. Weil der todkranke Präsident Boris Jelzin nur noch selten vor sein Volk trat, hoffte Luschkow auf seine Chance. Dank seines autoritären Führungsstils und seiner fremdenfeindlichen Rhetorik hatte er sich eine breite Anhängerschar aufgebaut. Der ehrgeizige Bürgermeister verbündete sich mit anderen Gouverneuren, um bei den Präsidentschaftswahlen gegen die Kreml-Clans anzutreten.

Der Tadellose bereichert sich auf Staatskosten

Das war ein Fehler. Für einen ehrenwerten Stadtverwalter hielten ihn später nur noch jene Russen, die ihren Fernseher nie einschalten - eine schonungslose Kampagne gegen den Bürgermeister begann. Schon damals zeigte das Staatsfernsehen, wie sich der angeblich tadellose Stadtvater offenbar jahrelang bereichert hatte, präsentierte sein 80 Hektar großes Anwesen mit Gutshäusern, Pferdekoppeln, Tennisplätzen und Fischteichen und berichtete über die Geschäfte von Elena Baturina, seiner Gattin, die durch ihre Baufirma zur reichsten Frau Russlands wurde. Ihr Aufstieg begann in den neunziger Jahren, als sie lukrative Aufträge von der Stadt bekam. 1998 rüstete ihre Firma "Inteko" das größte Stadion der Stadt mit 85.000 Plastiksitzen aus. Zusammen mit ihrem Bruder baute sie ein Imperium auf. Heute besitzt sie Anwesen in Österreich, Deutschland, England und Frankreich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Luschkow tat, was man von ihm erwartet hatte und blieb dafür der unangefochtene Herrscher der Stadt. Bis er den Kreml wieder zu sehr nervte

Ergebnisse wie zu besten Sowjetzeiten

Irgendwann gab er den Widerstand gegen den Kreml auf. Und durfte bleiben. Er rückte nicht nur in den Vorstand der Partei "Jedinaja Rossija" auf. "Er tat, was man von ihm erwartet hatte", sagt der Moskauer Politologe Nikolaj Petrow vom Carnegie-Zentrum. "In Moskau sorgte der Stadtvater für einen deutlichen Sieg der Kremlpartei, dafür blieb Luschkow der unangefochtene Herrscher der Stadt." Bei den Wahlen zum Stadtparlament 2009 erreichte die Kreml-Partei zumindest auf dem Papier 90 Prozent - ein Ergebnis wie zu besten Sowjetzeiten. An ehrliche Wahlen glaubte schon längst keiner mehr, die Opposition war nicht mehr zugelassen.

Moskau entwickelte sich derweil zu einer überfüllten Mega-Stadt ohne Lebensqualität. Seit Jahren gilt sie als eine der teuersten der Welt. Manche Wohnungen in schäbigen Plattenbauten am Stadtrand kosten mehrere tausend Euro Miete. Moskau gilt auch als die korrupteste Stadt Russlands - weil ihre Bewohner für alles extra zahlen müssen: von Kindergartenplatz bis zur Baugenehmigung. Die Straßen sind von Dauerstau verstopft, die U-Bahn hoffnungslos überfüllt. Trinkwasser lassen sich die Moskauer in großen Fässern liefern, weil das Wasser aus dem Hahn nicht genießbar ist. In keiner Stadt Russlands ist die Luft so schlecht - auch wenn sie nicht im Smog verschwindet, wie im vergangenen Sommer.

Zu mächtig ist, zu reich, zu eigensinnig

Neu ist das alles nicht. Wieso Luschkow ausgerechnet jetzt den Zorn des Kreml trifft, ist nicht ganz klar. Einige Beobachter glauben, dass der Bürgermeister das herrschende Tandem Putin und Medwedew schon lange nervt: Weil er zu mächtig ist, zu reich, zu eigensinnig.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Medwedew Luschkow ausgerechnet während seines Staatsbesuches in China feuerte: Luschkow hatte seit 2007 den Bau eines chinesischen Handelszentrums in Moskau blockiert und so die chinesische Führung düpiert. Damit reagierte der Bürgermeister offenbar auf einen Geschäftsstreit zwischen der Firma seiner Frau und einer staatlichen chinesischen Baufirma. Das Familiengeschäft beeinflusste auf diese Weise sogar die russische Außenpolitik. Doch Medwedew kann derzeit keine bilateralen Reibereien gebrauchen, denn er schließt derzeit einen Gaspakt mit China ab.

Wer garantiert jetzt den Wahlsieg?

Im September kritisierte Luschkow öffentlich Medwedew - ein zusätzlicher Fehler. Seine Entlassung musste außerdem rechtzeitig vor den Parlamentswahlen im Herbst 2011 geschehen, glauben Beobachter: Schließlich muss die neue Stadtverwaltung in der Lage sein, einen Sieg der Kremlpartei "Jedinaja Rossija" zu organisieren. Einem Neuling könnte die Kontrolle über die 12-Millionen-Metropole schnell entgleiten.

In Moskau geht es außerdem um viel Geld. Auch der nächste Gouverneur wird Bauaufträge vergeben können und ein milliardenschweres Jahresbudget verwalten. "Nur naive Menschen glauben, dass sich der Stil in der Verwaltung nun ändern wird", sagt Kirill Kabanow, Vorsitzender des Antikorruptionskomitees.