HOME

Europäische Rechte: Rechtspopulist Thierry Baudet: Der Vertreter einer neuen Avantgarde?

Wer eint die europäischen Rechtspopulisten? Vielleicht Thierry Baudet, holländischer Shootingstar und selbst ernannter Nationalideologe? Der Mann ist klug, erfolgreich - und gefährlich.

Rechtspopulismus:  Begegnung mit dem Niederländer Thierry Baudet

Rechtspopulismus ist auch in den Niederlanden auf dem Vormarsch: Thierry Baudets Partei "Forum für Demokratie" gibt es seit 2016. Bei den EU-Wahlen kam sie auf elf Prozent.

Was wäre, wenn die AfD einen wie ihn an die politische Front schicken könnte? Gut aussehend, charmant, 36 Jahre alt, Historiker und Rechtsphilosoph, der mit rhetorischer Finesse öffentliche Debatten prägt? Perfekter Auftritt, das Publikum im Bann: Der kometenhafte Aufstieg von Thierry Baudet unter den Politikern in den Niederlanden hat etwas Guttenberghaftes. Nur ist Baudet Rechtspopulist, Rechtsnationalist, erklärter Feind der Eliten.

Er wähnt sich auf einer historischen Mission. "Wir sind die neue Avantgarde", sagt er. Anders als bei der Revolte der Youtuber geht es in seinem Kampf um eine Renaissance, ein Zurück zu Nation, Souveränität, Identität. Es ist ein Kampf gegen die Eliten in Politik, Medien, Universitäten, die Erben der 68er mit ihrer "Oikophobie", wie Baudet das nennt – der Angst vor der eigenen Kultur. Er bekämpft ihr "Parteienkartell", ihr supranationales System in Brüssel.

Etablierter Rechtspopulismus

Er regt auf. Er provoziert. Er macht im Herbst 2016 aus einem EU-feindlichen Thinktank die Partei "Forum für Demokratie". Er sagt: "Ich bin der bedeutendste Intellektuelle in den Niederlanden." Und zieht gegen den Feminismus zu Felde, nennt den Klimawandel einen "Mystizismus". Die EU verteufelt er mit akademischer Arroganz: "Ich habe selbst über die EU nachgedacht. Wir müssen raus, ein Nexit, alles andere ist Unsinn."

Jared Taylor aus den USA ist Gründer des rassistischen Onlinemagazins "American Renaissance". Baudet traf ihn in den Niederlanden.

Jared Taylor aus den USA ist Gründer des rassistischen Onlinemagazins "American Renaissance". Baudet traf ihn in den Niederlanden.

Er will Schlagzeilen. Seine Antrittsrede im Parlament 2017 beginnt er auf Latein, steht bei einer Verteidigungsdebatte in Tarnweste am Rednerpult, lässt einen Flügel ins Büro hieven. Inszenierte Politik.

Und doch mehr. In weniger als drei Jahren hat Baudet es geschafft, 36.000 Parteimitglieder zu rekrutieren. Das sind mehr als die AfD im weitaus größeren Deutschland hat. Schulungen, Sommercamps, Nutzung von Social Media – die Jugendorganisation des "Forums" hat 5000 Mitglieder. "Wir sind an die Front gerufen worden", sagt er, als seine Partei bei den Provinzwahlen im März 2019 zur stärksten politischen Kraft wird.

Nach der Europawahl nun ist der Rechtspopulismus auf dem Kontinent flächendeckend etabliert – Matteo Salvini in Italien, Gewinne für die Populisten in Ungarn, Polen, Frankreich, Großbritannien. Baudets "Forum für Demokratie" kam auf elf Prozent der Stimmen, weniger als vorher gesagt. Jedoch: von null auf elf Prozent. Drei seiner Getreuen ziehen ins EU-Parlament.

Ein früher Nachmittag im Amsterdamer Grachtenviertel. Baudet hat einem Interview zugestimmt. Es soll um die Zukunft gehen. Das Parteibüro liegt an einer Gracht. Fischgratparkett, hohe Decken, Kartons mit Mineralwasser. Am großen Tisch im Erdgeschoss arbeitet eine Handvoll Berater. Thierry Baudet erscheint in blauer Strickjacke, beigefarbener Hose. "Willkommen in unserem Start-up!"

Er legt gleich los. Wahlen sehe er nicht als entscheidenden Moment der Geschichte. Unverkennbar sei in Europa ein Trend, der eine Stimme suche: "Eine Bewegung ist im Entstehen." Und: "Wir können eine Rolle dabei spielen, den euroskeptischen Parteien Inhalt und Sinn zu geben. Eine Brücke sein, der Kitt." Salvini nennt er "einen Helden Europas", Marine Le Pen bewundert er und Victor Orbán. Aber wie lassen sich die Egoismen und Interessen bündeln? "Vielleicht ist das mein Schicksal", sagt Thierry Baudet. "Mein Job ist es, Ideologe zu sein."

Heim, Garten und Geschichte

Seine Ideologie: "Es geht um einen neuen Ansatz für unsere Gesellschaften." Immer mehr Liberalismus und individuelle Befreiung seien keine Lösung mehr in einer Welt im Umbruch mit all ihren neuen Krisen. Mit verdrängten Mittelklassen, "Massenimmigration", Freihandel, Sozialdumping. "Sozialer Zusammenhalt fehlt fast völlig und fast überall in der westlichen Welt." Was in den Sechzigern und Siebzigern "eine Spaß- und Befreiungsbewegung war - mit freiem Sex und Beatles, prima - ist heute rostige, fixe Ideologie. Baudet beugt sich vor: "Wir sind die neue Avantgarde."

Jean-Marie Le Pen ist der Vater des rechtsextremen Front National. Baudet befragte ihn in Paris für seine Doktorarbeit.

Jean-Marie Le Pen ist der Vater des rechtsextremen Front National. Baudet befragte ihn in Paris für seine Doktorarbeit.

Für ihn gilt es, den Sinn zu schärfen für Patriotismus, auch für wirtschaftliche Solidarität. Den Freihandel beschränken, "Masseneinwanderung", die Ansprüche des Einzelnen. "Wir sind nicht alle Migranten. Wir wollen nicht in anonymen Apartmentblocks leben. Wir wollen ein Heim und einen kleinen Garten und sichere Bezüge zu unserer Geschichte." Das alles sei Teil dieser Ideologie. Auch Donald Trump sei ein Exponent. "Und ich bin überzeugt davon, dass es die dominante Ideologie sein wird für das 21. Jahrhundert. Möchten Sie einen Kaffee?"

"Diese Leute sehen sich tatsächlich als Vorreiter einer Zeitenwende, nicht nur als weitere Partei", sagt Markus Wilp, Politikwissenschaftler am Zentrum für Niederlande-Studien der Universität Münster. Kollege André Krause ergänzt, dass die Inhalte nicht neu seien, ein Rechtsruck in den Niederlanden nicht feststellbar sei – "mit Thierry Baudet haben bekannte Botschaften allerdings eine neue Verpackung erhalten". Geert Wilders, der alte Fackelträger der Islamophobie ist vielen Gebildeten zu vulgär.

Baudet setzt auf eine breitere Wählerbasis und gut ausgebildete Mitarbeiter. Als Tschechiens früherer Ministerpräsident Václav Klaus neulich auf Einladung von Baudets "Renaissance-Institut" eine Rede hielt, waren unter den 500 Gästen im Amsterdamer Konzerthaus Banker, Finanzexperten, Ärzte, Anwälte, Risikoberater, IT-Fachleute.

"Die meisten von uns führen erfolgreiche Leben", sagt Thierry Baudet. "Sie sprechen mehrere Sprachen. Sie durchschauen Konsequenzen. Das ist keine Bewegung der Verlierer, die mit dem Tempo des modernen Lebens nicht mitkommen, im Gegenteil." Die Zuhörer spendeten viel Beifall, als Václav Klaus über Multikulti, Gendergerede und Klima-Unsinn spottete.

Alt-Right-Bewegung

Was sagt Baudet zum Skandal in Österreich, der die Regierung sprengte? FPÖ-Mann Karl-Heinz Strache offenbarte in einem heimlich mitgeschnittenen Video dubiose Spendentaktiken. Das Video kenne er nicht mal, sagt er. Nachrichten verfolge er kaum, seit 13 Jahren habe er keinen Fernseher. Wer sind denn seine Spender? "Wir haben einen kleinen Parteietat und eine Graswurzelkampagne gemacht." Ein paar größere Spenden habe es geben, 20.000 Euro, 30.000 Euro, holländische Unternehmer, einer mit einer Firma in Singapur, einer auf Zypern. Er habe sie getroffen bei einer Tasse Kaffee, aber nie Versprechungen gemacht.

Baudet reagiert bei kritischen Fragen ganz ruhig. Warum etwa distanziert er sich nicht klar von Rechtsextremen? Wieso teilt er ein Video von "120 Dezibel", Ableger der rechtsextremen "Identitären" aus Deutschland? "Puh, Gänsehaut" twitterte er dazu und versprach eine andere Einwanderungspolitik. In dem Clip werfen Frauen Migranten pauschal Vergewaltigung und Mord vor.

Baudet sagt, er wisse nicht, was diese Identitäre Bewegung wirklich sei. Doch auf Einladung von Erkenbrand, einer Gruppe der Identitären in den Niederlanden, war im Herbst 2017 der amerikanische Rassist Jared Taylor angereist. Und Baudet hockte fünf Stunden lang mit eben diesem Taylor zusammen. Der gilt als Verfechter des weißen Überlegenheitsdenkens und Einflüsterer der amerikanischen Alt-Right-Bewegung. "Natürlich spreche ich mit einer Führungsfigur aus einer Bewegung, die einen Mann ins Weiße Haus bringen kann", sagt Thierry Baudet. "Und ich möchte wissen, was in Amerika vor sich geht."

Er habe auch Alexander Dugin getroffen, "laut Medien Ghostwriter von Wladimir Putin". Der Russe gilt als Neofaschist und Ideengeber der Neuen Rechten in Russland. Im April 2018 war er in den Niederlanden.

"Natürlich fragte ich ihn, ob er mit mir einen Kaffee trinkt", erzählt Baudet, "und er sagte Ja."

Grenze zum Faschismus

Alles nur intellektuelles Interesse? Oder passt es in ein Muster, das Baudets Sympathie für rechtsradikale Denker an der Grenze zum Faschismus zeigt, wie ein niederländischer Journalist schrieb? "Ich nehme das nicht ernst", sagt Baudet. "Es hieß auch, ich hätte Jean-Marie Le Pen besucht, weil ich ihn bewundere. Lächerlich." Le Pen, der Vater von Marine Le Pen, ist die Ikone des französischen Rechtsextremismus. "Ich befragte ihn in Paris für meine Doktorarbeit, genau wie viele andere, Alain Finkielkraut zum Beispiel", sagt Baudet. "Sie alle baten darum, dass ich meine fertige Arbeit präsentiere. Alles andere ist Bullshit."

Und dann sagt Thierry Baudet: "Es ist doch erschreckend, dass wir solche Angst vor Ideen haben."

Gegen Fremdenfeindlichkeit: Ex-Nazi kämpft mit einer wichtigen Botschaft gegen Populismus
Themen in diesem Artikel
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(