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Abtreibungsrecht in den USA Lena P. hatte als Deutsche eine Abtreibung in den USA – hier schildert sie, was sie vom Urteil hält

Abtreibungsrecht in den USA: Eine schwanger Frau steht vor einer Wand.
Der Oberste Gerichtshof der USA hat am Freitag das liberale Abtreibungsrecht des Landes gekippt. In vielen Staaten droht nun eine Verschärfung bis hin zu kompletten Abtreibungsverboten.
© Uwe Steinert / Imago Images
Abtreibungen könnten nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs in vielen Staaten der USA bald Geschichte sein. Seit mehreren Jahren lebt die Deutsche Lena P. in den USA, hat selbst abgetrieben. Wie denkt sie über das Urteil?

Die Frustration ist Lena P.* anzuhören. "Jemand, der nie schwanger war, stimmt über das Abtreibungsrecht ab. Irgendwelche alten Männer bestimmen, was Frauen mit ihrem Körper machen dürfen." In einer wegweisenden Entscheidung hat der Oberste Gerichtshof der USA am Freitag das liberale Abtreibungsrecht in den Vereinigten Staaten gekippt. Damit ist eine Verschärfung des Abtreibungsrechts, bis hin zu einzelnen Verboten, in den Staaten möglich. Gerade republikanische Staaten wie Texas oder Florida hatten in den vergangenen Monaten bereits ein strikteres Gesetz in die Wege geleitet – ebenso wie Arizona, dem Staat in dem Lena P. lebt.

Die 38-Jährige ist vor einigen Jahren mit ihrem damaligen Mann in die USA gezogen und schockiert über das Urteil vom Freitag, das auch Auswirkungen auf ihren Heimatstaat hat. Doug Ducey, der republikanische Gouverneur von Arizona, hatte bereits im März ein Gesetz unterzeichnet, das eine Abtreibung nach der 15. Schwangerschaftswoche verbietet. Mit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs könnte das Gesetz nach einer 90-tägigen Übergangsfrist im Herbst in Kraft treten. "Das ist ein riesengroßer Schritt zurück. Die Rechte der Frauen sind nicht dieselben der Männer in den USA", sagt P.

Vor allem aber befürchtet sie, dass das Urteil einen noch größeren Keil in die ohnehin schon gespaltene Gesellschaft treibt. "Das ist ein Ziel der Republikaner, diesen Drift noch zu vergrößern, da ist das Urteil keine Überraschung." Vor allem die alten Republikaner wie der Fraktionsvorsitzende Mitch McConnell sind P. ein Dorn im Auge. "Da sitzen Leute seit Jahrzehnten auf den Regierungsbänken und wir bräuchten dringend frischen und nicht so konservativen Wind". In ihrem Freundeskreis gäbe es viele Anhänger der Republikaner, die meisten von ihnen seien weiterhin für ein lockeres Abtreibungsgesetz. Auch ihr Mann, ebenfalls bekennender Republikaner, ist gegen das Urteil.

Roe vs. Wade: Abtreibungsverbot fatal für alleinerziehende Mütter

Die 38-Jährige weiß, wovon sie spricht. Nach der Trennung von ihrem ersten Mann wurde sie als alleinerziehende Mutter vor mehreren Jahren unerwartet schwanger. "Ich habe in drei Jobs gearbeitet, um mich und meine Tochter ernähren zu können. Ich hatte in den USA keine Familie, die mir helfen konnte und mir blieb kein anderer Weg als die Abtreibung, auch wenn ich das nicht unbedingt wollte. Aber ein zweites Kind hätte ich alleine einfach nicht stemmen können." Auch viele ihrer Freundinnen hätten in den vergangenen Jahren Abtreibungen gehabt, was zukünftig kaum noch möglich ist. Der Grund für die Abtreibungen ist häufig auch die fehlende Unterstützung vom Staat. In den USA gibt es kein Kindergeld, die Gebühren für den Kindergarten liegen bei mehreren Hundert Euro im Monat, Arztbesuche werden nicht immer vollständig von den Krankenkassen abgedeckt.

In ihrer Zeit in den USA besuchte sie auch die Einrichtungen von Planned Parenthood. Die Non-Profit-Organisation betreibt über 650 Kliniken in den USA, die medizinische Beratung in den Bereichen Sexualmedizin, Gynäkologie und Familienplanung anbieten. Abtreibungen gehören ebenso zum Portfolio der Organisation wie auch das Verschreiben der Pille oder einer Spirale. Vor den Eingängen versammeln sich häufig konservative Abtreibungsgegner, die die Patientinnen drangsalieren. "Man wird vor Ort mit Sachen beworfen, mich hat eine Tomate am Kopf getroffen", berichtet P.

Sie hat Sorge, dass nun auch der Zugang zu Verhütungsmitteln beschränkt wird. "Das könnte es für die Mittelklasse und die Unterschicht nahezu unmöglich machen, zukünftig zu verhüten". Seit 1965 gibt es das Grundsatzurteil Griswold vs. Connecticut, das verheirateten Paaren den Zugang zu Verhütungsmitteln ermöglichte. Im Zuge der Debatte um Roe vs. Wade hatten einige republikanische Abgeordnete auch eine neue Entscheidung in Griswold vs. Connecticut ins Spiel gebracht, darunter Marsha Blackburn, republikanische Senatorin aus Tennessee sowie Blake Masters, Senatskandidat aus Arizona für die Wahlen im November. Unterstützt wird Masters von einem ranghohen Republikaner: Donald Trump.

Doch nicht nur die Abtreibungserfahrung hat P. geprägt, sondern auch die Geburt ihrer zweiten Tochter mit ihrem neuen Ehemann. "Es gab Komplikationen während der Schwangerschaft, meine Leber und meine Nieren haben versagt und ich musste ins Krankenhaus", berichtet sie. Die Ärzte hätten ihr von einer weiteren Schwangerschaft abgeraten, sie frage sich aber, was sie im Falle einer erneuten Schwangerschaft machen sollte. "Die Abtreibung ist dann nahezu unmöglich und mit dem Urteil vom Obersten Gerichtshof ist der ungeborene Fötus mehr wert als das Leben einer Mutter und ihrer beiden Kinder."

*Anmerkung der Redaktion: Der Name wurde von der Redaktion geändert. Der volle Name ist der Redaktion bekannt.


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