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Russland: Jeder dritte Russe trinkt sich zu Tode

Wodkatrinken gehört in Russland zum guten Ton. Sogar im Büro wird gezecht. Und wenn gerade kein Wodka zur Hand ist, darf´s auch gerne mal ein Schluck aus dem Parfüm-Flakon sein.

Von Chris Helmbrecht, Moskau

Wir sind zu Gast bei Mischa in Moskau. Am Tisch sitzen Freunde und Familie. Es wird Wodka eingeschenkt und ein Gast spricht einen Toast aus. Nach der Ansprache, in welcher es um die Vergangenheit, die Freundschaft und das Leben geht, trinken alle auf das Wohl des Gastgebers. Begleitet von einem "Bustarov", was soviel heißt wie Gesundheit. In Moskau, wie auch in anderen Städten, wird aus kleinen Schnapsgläsern getrunken.

In den Vororten und auf dem Land wird die klare Flüssigkeit meist in Wassergläsern gereicht und mit dem doppelten Inhalt. Dort sind die Leute wohl schwermütiger und trinken ihren Kummer mit Wodka herunter. In jedem Fall wird das Glas in einem Zug ausgetrunken. Russen messen und bestellen den Wodka in Gramm. Man spricht von 50 Gramm für ein Schnapsglas und "Sto-Gramm", also 100, für ein Wasserglas.

Parfüm oder Hydraulikflüssigkeit - Hauptsache Alkohol

Trinken gehört zur Kultur in Russland. Es wird zu allen möglichen Anlässen getrunken. Man stößt auf das Ausscheiden eines Kollegen in der Firma genauso wie auf einen Geburtstag oder einen staatlichen Feiertag mit ein paar Wodka an. An Gründen zum Feiern mangelte es nie. Dafür jedoch in der Vergangenheit an Wodka. Gleich nach der Revolution wurde die Alkoholproduktion von Lenin, einem strikten Antialkoholiker, heruntergefahren. Schon 1925 war die staatliche Produktion wieder auf dem alten Stand und die Zahl der Alkoholtoten in Städten wie Moskau verfünfzehnfachte sich.

Stalin ließ den Alkohol frei fließen. Die Produktion machte ein Drittel der Staatseinnahmen aus und er brauchte dringend Geld, um die Sowjetunion zu finanzieren. 1995 wurde die Alkoholproduktion von Gorbatschow wieder gedrosselt. Er sah, welchen Einfluss der Alkohol auf die Gesellschaft hatte, und wollte etwas dagegen unternehmen. Allerdings wurde danach mehr schwarzgebrannt. Folge waren in der Zeit bis 1992 unzählige Tote mit Alkoholvergiftungen. Aus dieser Zeit stammen auch einige Geschichten von Leuten, die Industrie-Alkohol, billiges Parfüm oder Hydraulikflüssigkeit tranken, um ihre Sucht zu befriedigen und danach starben.

Russland wurde schon vor dem 11. Jahrhundert von Reisenden als Land des ungezügelten Alkoholgenusses beschrieben. Im Gegensatz zu Italien, Frankreich oder Deutschland wurde hier anstatt Wein oder Bier harter Alkohol getrunken und das nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen - bis zur Bewusstlosigkeit. Mitte des 16. Jahrhunderts begann Ivan IV. mit der staatlichen Wodka Produktion und dem Aufbau eines Vertriebsnetzwerkes. Knapp hundert Jahre später hatte der Staat ein Monopol in der Alkoholproduktion, welches bis zum Ende des Kommunismus bestehen blieb. Auch heute denkt man in der russischen Regierung wieder über die Einführung des Monopols nach. In erster Linie geht es dabei um die Kontrolle der Produktion und des Alkoholmarktes, in zweiter Linie um die Steuereinnahmen. Man hat allerdings aus der Vergangenheit gelernt und versteht, dass die Drosslung der Wodka Produktion wohl kaum den gewünschten Erfolg bringt.

Bier als Einstiegsdroge

Gorbatschow unterstützte im Rahmen seiner Anti-Alkohol Kampagne auch Bier und Wein. Man wollte die Leute weg vom Wodka und hin zum leichten Alkohol bringen. Die Führung dachte, dass man damit dem Alkoholismus unter Kontrolle bekommt. Knapp 20 Jahre später verstehen die Russen, dass auch dieser Schritt ein großer Fehler war. Der Bierkonsum ist heute enorm und es ist eine Art billige Einstiegsdroge geworden. Speziell für Jugendliche und Frauen, die Bier, Sekt und Wein dem harten Wodka bevorzugen.

Man muss in Moskau nicht lange suchen, um Betrunkene zu finden. Bier ist allgegenwärtig und sogar beim neuen Mittelstand akzeptiert. So sieht man nicht nur betrunkene Arbeiter, sondern eben auch das 35-jährige Ehepaar auf dem Weg nach Hause. Er im Anzug, sie im Business-Kostüm, Händchen haltend aber mit je einer Flasche Bier in der anderen Hand. Dieses Bild ist Gang und Gäbe und erscheint selbst uns Deutschen ungewöhnlich genauso wie die vielen leeren Bierflaschen in der Metro oder am Straßenrand.

Jeder dritte trinkt sich zu Tode

Die russische Regierung weiß, dass der Alkoholismus dem Staat in vielfältiger Weise schadet. Jeder dritte Todesfall in Russland steht in direktem oder indirektem Zusammenhang mit Alkohol: jährlich 700.000 Opfer. Außerdem scheint der wirtschaftliche Ausfall, bedingt durch Alkoholkonsum enorm. Es gibt viele Probleme mit Schwarzbrennerei und illegaler Alkoholproduktion. Oft werden bekannte Wodka Marken kopiert. Dann gelangt der giftige Fusel als Qualitätsprodukt getarnt in den Handel. In diesem Zusammenhang gibt es immer wieder Massenvergiftungen und Todesfälle. Ein neues Steuermarkensystem, welches vergangenen Sommer eingeführt wurde, soll diese illegale Produktion erschweren, hat jedoch kaum Wirkung gezeigt.

Seit 2004 wird nun auch die Alkohol-Werbung stark limitiert. So ist Bierwerbung im Fernsehen nur noch nach 22 Uhr erlaubt und es dürfen weder Menschen noch Tiere in der Werbung gezeigt werden. Dieses Gesetz führte dazu, dass man nach 22 Uhr fast nur noch Bierwerbung zwischen den Sendungen sieht. Im Moment gibt es auch einen Gesetzesentwurf, welcher ähnlich den Vorschriften in den USA, das Trinken in der Öffentlichkeit untersagt. Im Herbst soll dieses Gesetz von Präsident Putin unterschrieben werden und damit in Kraft treten.

Die Realität sieht allerdings anders aus. Ein bestehendes Alkoholverbot in der Untergrundbahn Metro wird zum Beispiel gar nicht beachtet, und viele der Metro-Polizisten wissen nicht einmal, dass es dieses schon gibt. Genauso ist es mit der Altersgrenze. Polizisten und der Handel haben keine Ahnung oder ignorieren ein Gesetz, nach welchem man erst mit 18 Jahren trinken darf. Dementsprechend viele betrunkene Jugendliche findet man auf den öffentlichen Plätzen Moskaus.

Hoch die Tassen

Unser Mischa schenkt nun die achte, oder war es schon die zehnte, Runde ein. Wir trinken selbst gemachten Wodka und darauf ist Mischa stolz. Samogon, so heißt das Gesöff, ist entweder selbst gebrannt oder es ist medizinischer Alkohol, welcher mit Wasser und Früchten versetzt wird. Mischa ist nicht nur stolz auf den Geschmack seines Wodkas, sondern auch darauf, dass dieser fast nichts kostet. Auf die Frage, ob ich nun Angst haben muss zu erblinden, antwortet Mischa beleidigt, dass er jeden Tag diesen Wodka trinkt und bis heute noch gut sieht. Seine Frau hat Mitleid mit den deutschen Gästen und schüttet uns schon lange heimlich Wasser statt Wodka in die Gläser. Also hoch die Tassen, noch ein Tost und noch ein Wodka. Auf das Leben und die Freundschaft wird zusammen getrunken, weil man in Russland erst ein Alkoholiker ist, und nur dann, wenn man alleine trinkt.

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Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.