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Selbstmordanschlag: Terror erschüttert Tel Aviv

Mehr als 20 Jugendliche standen vor einer Disco in Tel Aviv und freuten sich auf einen fröhlichen Abend. Da drängt sich ein Attentäter in die Gruppe, zündet einen Sprengsatz und verwandelt die Party in ein Blutbad.

Wenige Stunden nach dem palästinensischen Selbstmordanschlag in Tel Aviv hat die israelische Armee zwei Brüder des Attentäters im Westjordanland festgenommen. Die Männer wurden am Samstagmorgen in dem Dorf Deir al-Ghoson bei Tulkarm gefasst. Israelischen Soldaten zufolge sollen beide an dem Anschlag beteiligt gewesen sein, sagten Einwohner des Dorfes. Die Armee bestätigte den Einsatz. Sie machte aber keine näheren Angaben und verhängte vorübergehend eine Ausgangssperre über das Dorf.

Bei dem Attentäter handelt es sich um einen 21-jährigen Studenten aus dem Westjordanland, wie aus palästinensischen Sicherheitskreisen verlautete. Bei dem Anschlag vor einem Nachtclub hatte der Attentäter am Freitagabend vier Israelis mit in den Tod gerissen, über 50 Menschen wurden verletzt.

Grauenvolles Blutbad

Mehr als 20 Jugendliche drängten sich vor dem Eingang zum "Stage" in Tel Aviv. Sie freuten sich auf einen fröhlichen Abend in der Disko. Da drängt sich der Selbstmordattentäter in die Gruppe und zündet seinen Sprengsatz. Die Party am Freitagabend verkehrte sich schlagartig in ein grauenvolles Blutbad. Die Explosion setzte tausende von Metallscherben frei, die in die Bombe gepackt wurden, um ihre verheerende Wirkung zu vervielfachen. Sie wurden mit ungeheurer Wucht in die umstehenden Körper geschleudert.

"Plötzlich war da diese gewaltige Explosion, und dann sind wir noch gerannt", erinnert sich die 20-jährige Merav Ajusch, die zum Zeitpunkt des Anschlags der Diskothek entgegenstrebte. "Ich sah einen Jungen und ein Mädchen auf dem Boden sitzen. Und am Eingang zum Klub lagen etwa 15 Menschen einfach auf dem Boden." Mit einem Schock wurde die junge Frau ins nahe gelegene Ichilov-Krankenhaus gebracht. "Das ist schon das zweite Mal für mich", sagt Merav Ajusch. Im September 2003 habe sie schon einmal einen Anschlag auf eine Kaserne in der Nähe von Tel Aviv überlebt.

Eine andere Disko-Besucherin, Tsachi, wollte gerade in ihr Auto auf dem Parkplatz steigen, als es zur Explosion kommt. "Körperteile flogen überall auf mein Auto", sagt sie. Ihr Freund, nur zwei Meter entfernt von ihr, sei von Splittern im Bein getroffen worden. Die meisten Verletzungen seien auf die Einwirkung von Metallteilen zurückzuführen, erklärt Avi Hasner vom Ichilov-Krankenhaus.

Attentat mit 30 Kilogramm

Für einen Selbstmordattentäter sei die Bombe ungewöhnlich groß gewesen, sagt Polizeisprecher Gil Kleiman. Nach Rundfunkberichten soll sie 30 Kilogramm schwer gewesen sein. Die Eingangsfassade des Klubs wurde beschädigt, mehrere Autos in der unmittelbaren Umgebung verbrannten. Auf der anderen Seite der Straße gingen die Fenster eines Restaurants zu Bruch.

Die blau-roten Signalleuchten von Polizei und Sanitätern tauchten das von Palmen umstandene Gelände nahe der Strandpromenade in ein gespenstisches Licht, während Rettungswagen Verletzte in die Klinik brachten. In einer Pfütze von Blut, inmitten von Glassplittern liegen die Körper einer jungen Frau und des Selbstmordattentäters, bedeckt von weißen Kunststoffplanen. Drei Disko-Besucher erlagen auf dem Weg in die Klinik ihren schweren Verletzungen.

Die Einsatzkräfte widmeten sich ihrer traurigen Arbeit, die Gegend nach Körperteilen abzusuchen. Polizeiermittler klettern auf die Balkone von Nachbargebäuden. Sie suchen nach Teilen des Sprengsatzes. Größeres Blutvergießen wurde offenbar nur dadurch verhindert, dass die Wachleute vor der Disko Verdacht schöpften und dem Selbstmordattentäter den Zutritt verwehrten. "Wenn er ins Innere gelangt wäre, wären die Folgen tragisch gewesen", sagt der Polizeichef von Tel Aviv, David Tsur.

Erster Anschlag seit November 2004

Der erste Anschlag in Israel seit November vergangenen Jahres ließ den erst vor wenigen Wochen ausgehandelten Waffenstillstand bröckeln, mit dem Israels Ministerpräsident Ariel Scharon und Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas neue Hoffnungen auf Frieden im Nahen Osten geweckt hatten. Die Palästinenser-Regierung verurteilte den Angriff und kündigte an, die Verantwortlichen zu verfolgen und zu bestrafen. Die militanten Gruppen hatten erklärt, sie seien nicht an die Waffenstillstandsvereinbarung von Abbas und Scharon gebunden, sich aber bislang an den Gewaltverzicht gehalten. Am 5. März sollten Vertreter der radikalen Gruppen in der ägyptischen Hauptstadt Kairo über eine formelle Waffenruhe beraten.

Scharon wollte sich am Samstag mit der Führung der israelischen Sicherheitskräfte treffen, um über einen möglichen Gegenschlag zu beraten. "Die Palästinenser haben einige wichtige Schritte unternommen, aber sie müssen ihre Arbeit zu Ende führen", sagte der israelische Regierungssprecher Raanan Gissin. "Sie können sich nicht auf Vereinbarungen mit terroristischen Organisationen verlassen." Abbas ließ in einer schriftlichen Stellungnahme erklären: "Die palästinensischen Behörden werden nach dieser Sabotage nicht ruhen, und wer immer hinter diesem Akt steht, wird verfolgt und die notwendige Strafe erhalten."

US-Außenministerin Condoleezza Rice sagte in Washington die Palästinenser-Führung müsse sich nun handlungsfähig zeigen und ein klares Zeichen setzen, dass sie keinen Terror toleriere. "Terroristische Angriffe wie der Bombenschlag heute in Tel Aviv töten nicht nur unschuldige Zivilisten, sondern untergraben auch die Sehnsüchte und Hoffnungen des palästinensischen Volkes." Die US-Außenministerin hatte sich vor zweieinhalb Wochen bei einem Besuch Israels und des Westjordanlandes selbst für eine Wiederbelebung des Nahost-Friedensprozesses eingesetzt.

DPA/Reuters / DPA / Reuters