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Selbstmordattentäter: Subkultur des Todes

Selbstmordattentäter agieren fast immer ohne kriminelle Vorgeschichte, sind häufig überdurchschnittlich gebildet und wirken mitunter wie "nette Kerle". An Freiwilligen fehlt es auch nicht. Experten sind alarmiert.

Terrorismusforscher sind alarmiert. Im Kampf gegen mächtige Armeen und verhasste Regierungen setzen terroristische Gruppen und Aufständische immer mehr Selbstmordattentäter sein. Weltweit werde schon mehr als Hälfte der Terror-Opfer von "menschlichen Bomben" in den Tod gerissen, darunter oft vor allem Zivilisten, wie Wissenschaftler auf einer internationalen Fachtagung in der israelischen Stadt Herzlia festgestellt haben. Während westliche Armeen in Konfliktgebieten wie dem Irak ferngesteuerte High-Tech-Bomben einsetzten, sprengten sich Attentäter als "intelligente Waffe" des Untergrunds in die Luft.

"Kraftvolle Botschaft"

Der Einsatz von Selbstmordattentätern habe sich für das islamistische Terrornetzwerk El Kaida als so wirkungsvoll erwiesen, dass immer mehr angeschlossene Gruppen auf diese Strategie setzten, sagt Rohan Gunaratna vom Institut für Verteidigung und strategische Studien in Singapur. "Es ist sehr schwer, ein konventioneller Terrorist zu sein. Die Flucht vom Tatort ist der schwierigste Teil", sagte er. "Dagegen ist es nicht so schwer, ein Selbstmordterrorist zu sein." Und die Tat sende eine kraftvolle Botschaft: Wir sind bereit, für unsere Ziele zu sterben.

Vor einem Anschlag seien die Attentäter schwer auszumachen, weil sie fast immer ohne kriminelle Vorgeschichte agierten und meist keine terroristische Vergangenheit hätten, erklären die Wissenschaftler. Viele seien Studenten und überdurchschnittlich gebildet, sagt Scott Atran von der Universität Michigan (USA) nach Interviews mit gescheiterten Tätern und Attentätern in Warteposition. "Sie wirken wie nette Kerle, wie intelligente Jungs", sagt er unter dem empörten Protest israelischer Zuhörer der Tagung, die von einer israelischen Privatuniversität (IDC) organisiert wurde. Andere Wissenschaftler äußern Zustimmung. "Es wäre leichter, wenn sie aggressive Fanatiker wären", sagt Ariel Merari von der Universität Tel Aviv.

Abhängig von der Schwierigkeit des mörderischen Einsatzes würden Selbstmordbomber oftmals erst wenige Tage vor dem Attentat angeworben. An Freiwilligen fehle es nicht, haben die Forscher festgestellt. Vor allem in einer Atmosphäre der Erniedrigung und Rache blühe eine Subkultur des Todes, die von islamistischen Organisation gefördert werde. Ein als heldenhaft beschriebener Opfergang für die eigene Gemeinschaft werde auch in Internet-Gruppen idealisiert. "Von außen sieht man den Hass, von innen betrachtet sieht man Liebe", beschreibt Marc Sageman von der Universität Pennsylvania (USA) dieses Phänomen.

Sorgenkinder Irak und Afghanistan

Deswegen könne ein erfolgreicher Kampf gegen islamistischen Terrorismus auch nur zusammen mit der muslimischen Mehrheit geführt werden, sagen die Wissenschaftler. Mit Sorge blicken die Sicherheitsexperten auf den Irak, wo im arabischen Kernland eine neue Generation radikaler Islamisten ausgebildet werde. "Die Kämpfer aus Afghanistan trainierten den Guerillakrieg, sagt Rohan Gunaratna. "Die Kämpfer im Irak haben einen terroristischen Feldzug gelernt."

Carsten Hoffmann/DPA / DPA
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