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Spekulationen über Machtkampf: Nordkorea entlässt überraschend seinen Armeechef

Der Vorgang gilt als ungewöhnlich: Die Arbeiterpartei in Nordkorea entlässt den Armeechef aus allen Ämtern. Angeblich weil er krank ist. Wenig später wurde seine Demission offiziell bekannt gemacht. Ist der Armeechef bei Machthaber Kim Jong Un in Ungnade gefallen?

Die überraschende Entmachtung von Nordkoreas Armeechef Ri Yong Ho hat Spekulationen über Zerwürfnisse innerhalb der Führung des isolierten Landes befeuert. Ri sei aufgrund einer Erkrankung von all seinen Ämtern entbunden worden, berichtete am Montag die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA. Südkorea bezeichnete die Amtsenthebung Ris als "äußerst ungewöhnlich", während Experten mögliche Machtkämpfe dahinter vermuteten.

Der Beschluss, Ri seiner Ämter zu entheben, sei am Sonntag bei einer Sitzung des Politbüros der Arbeiterpartei gefallen, berichtete KCNA. Zur Begründung nannte die Agentur eine Erkrankung, die aber nicht näher bezeichnet wurde. Ri war seit 2009 Chef des Generalstabs der Streitkräfte. Er war zudem Vize-Chef der einflussreichen Militärkommission der Arbeiterpartei und Mitglied des Präsidiums des Politbüros. Von all diesen Aufgaben wurde Ri laut KCNA nun entbunden.

Ein Mitglied des engsten Führungszirkels

Der Vize-Marschall galt als Vertrauter des im Dezember gestorbenen Machthabers Kim Jong Il, aber auch von dessen Sohn und Nachfolger Kim Jong Un. Ri war einer von sieben ranghohen Vertretern aus Partei und Militär, die bei dem Trauerzug für Kim Jong Il mit dem neuen Machthaber direkt neben dem Wagen mit dem Sarg liefen. Er galt deshalb als eines der Mitglieder des engsten Führungszirkels in Pjöngjang, die Kim Jong Un bei der Übernahme der Macht unterstützten.

Ri wurde in den vergangenen Monaten regelmäßig an der Seite von Kim Jong Un gesehen. Ihr Verhältnis zueinander wurde angesichts zahlreicher gemeinsamer Besuche bei den Streitkräften als vertrauensvoll interpretiert. Der entlassene Armee-Chef begleitete Kim Jong Un noch vor gut einer Woche bei einer Gedenkzeremonie zum Todestag von dessen Großvater, dem nordkoreanischen Staatsgründer Kim Il Sung.

Die Entmachtung Ris wurde im benachbarten Südkorea mit Verwunderung aufgenommen. Das Vereinigungsministerium bezeichnete die Bekanntgabe durch KCNA als "äußerst ungewöhnlich". Die Situation in Nordkorea werde weiter "mit Interesse" verfolgt, sagte ein Ministeriumssprecher in Seoul.

Möglicherweise in Ungnade gefallen

Beobachter vermuteten hinter der Entlassung des Armeechefs mehrere Gründe. Womöglich sei Ri bei Kim Jong Un in Ungnade gefallen oder habe einen Machtkampf innerhalb des Militärs verloren, sagte Yang Moo Jin von der Universität für Nordkorea-Studien in Seoul. Aus gesundheitlichen Gründen würden Partei- oder Militärführer in Nordkorea selten entlassen.

Paik Hak Soon vom Sejong-Institut mutmaßte, das Kim Jong Un mit der Entlassung Ris die Oberhoheit der Arbeiterpartei über das einflussreiche Militär stärken wolle. "Jong Un wird sicherstellen, dass jetzt die Partei die übergroße Armee kontrolliert." Vermutlich werde Kim nun einen jüngeren Offizier einsetzen, der engere Verbindungen zur Arbeiterpartei habe und sich leichter kontrollieren lasse, sagte der Nordkorea-Experte.

Vermutlich habe Ri gegen die Versuche der Partei, ihren Einfluss zu stärken, protestiert, sagte der südkoreanische Forscher Cheong Seong Chang. Seine Entlassung zeige, dass selbst Vertraute von Kim Jong Un "über Nacht gefeuert" werden könnten. Die nordkoreanische Armee ist mit 1,2 Millionen Soldaten eine der größten der Welt. Sie verfügt über eine maßgebliche Stellung im Land und wird mit Unsummen gefördert, während Millionen Nordkoreaner Hunger leiden.

AFP / AFP