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Steve Fossett: Sein letzter Flug

Als Erster umrundete er mit einem Ballon die Erde, als Erster flog er allein nonstop um die Welt. Im September kehrte der Milliardär Steve Fossett von einem Ausflug über Nevada nicht mehr zurück. Seither rätseln seine Freunde: War es ein Unfall oder Absicht?

Von Giuseppe di Grazia

Er hat den Tod nicht herbeigesehnt und auch nicht herausgefordert. Aber die Gefahr hat er geliebt. Er hat sie nicht ausgelacht, aber er hat sie angelacht. Er hatte nicht den perfekten Körper, aber den perfekten Willen. Und das Geld dafür, an der Börse verdient, aber kein Geld der Welt ersetzt Mut und Kraft. Und die Neugierde. 115 Rekorde hat er gebrochen, mit Katamaranen, Segelyachten und Segelflugzeugen, mit Heißluftballons und futuristischen Flugmaschinen. Selbst im Rekordhalten war er Rekordhalter. Das Leben allein reichte ihm nicht. Und dann dieser kleine, banale Flug, daran scheitert der größte Abenteurer unserer Zeit. Einer seiner Freunde wird später sagen: Es ist so unbegreiflich, es ist, als wäre ein Tiefseetaucher in einer Pfütze ertrunken.

3. September, Nevada. Steve Fossett, 63, ist mit seiner Frau Peggy zu Gast auf der Ranch des Hotel-Tycoons Barron Hilton. Fossett ist von Colorado aus mit der Citation X, dem wohl schnellsten Privatjet der Welt, selbst nach San Francisco geflogen. Von dort mit dem Wagen zur "Flying M Ranch", die etwas mehr als 100 Kilometer südöstlich von Reno, Nevada, liegt. Ein Paradies für Flieger und Ballonfahrer, mit eigener Landebahn; im Hangar stehen Segelflugzeuge, Learjets und Sammlerstücke, die man sich nicht mal mehr für sehr, sehr viel Geld kaufen kann.

Das schöne Wetter lockt

Fossett wacht am frühen Morgen auf, schaut aus dem Bett und sieht das, was er gern sieht: einen windstillen, sonnigen Tag. Fossett holt eine blau-weiße Bellanca Citabria Super Decathlon aus dem Hangar. Ein einmotoriges Leichtflugzeug, das gern für Flugshows benutzt wird. Fossett trägt ein weißes T-Shirt, schwarze Freizeithose und leichte Sportschuhe. Er will an diesem Tag keinen Rekord brechen. Später wird es heißen, er habe in der Wüste Ausschau nach einem ausgetrockneten Flussbett gehalten, bei dem er mit einem düsengetriebenen Auto schneller als der Schall sein wollte. Fossett blinzelt in die Sonne und sagt zu Mike Gilles, einem der Piloten auf der Ranch: Ich fliege mal so 'n bisschen rum, es ist so schön heute.

Es sind seine letzten Worte, zwischen 8.30 Uhr und 9.10 steigt er allein auf. Er nimmt nur eine kleine Flasche Wasser mit. Fossett fliegt Richtung Südosten. Der Letzte, der die Maschine erblickt, ist Rawley Bigsby, ein Cowboy, etwa 25 Kilometer südlich der Ranch. Er kennt das Flugzeug, sein Boss Hilton macht damit Kontrollflüge über das Grundstück, das fast so groß ist wie das Saarland. Bigsby sieht die Bellanca zweimal. Zuerst zwischen 8.30 und 9.30 Uhr, da telefoniert er mit seiner Freundin in Oregon und sagt zu ihr: Nicht mal hier draußen ist man unbeobachtet. Später taucht das Flugzeug noch mal über ihm auf, so gegen 11 Uhr, als er es Richtung Powell Canyon abbiegen sieht. Die Maschine hat Treibstoff für vier, fünf Stunden.

Fossett will spätestens zum Mittagessen wieder zurück sein. Am Nachmittag planen die Fossetts, mit ihrem Jet weiterzufliegen. Peggy Fossett teilt die Leidenschaft ihres Mannes nicht, sie leidet unter Flugangst. Sie sitzt auf der Veranda der Ranch. Ihr wird es zu heiß, sie geht ins Gästezimmer. Dort sieht sie neben dem Bett Steves "Go Bag" stehen, seine Tasche mit Handy, Satellitentelefon, GPS-Gerät und einer Breitling-Uhr, mit der man Notsignale senden kann. Fossetts Ausrüstung, eigentlich nimmt er sie immer mit. Es ist einer dieser Momente, den man erst nicht ganz erfasst, halbe Gedanken sprinten durch den Kopf, ohne dass sie irgendwo haltmachen, sie hinterlassen nur ein unbestimmtes Gefühl von Unruhe. Als ihr Mann zum Mittagessen nicht zurück ist, wächst bei Peggy Fossett die Unruhe zur Sorge, aus Sorge wird Angst. Aus Angst wird Panik. Sie lässt Steve als vermisst melden.

Die große Suchaktion beginnt. Allein die Civil Air Patrol überfliegt 629-mal die Wüste Nevadas. Auch die Nationalgarde und die US-Army beteiligen sich. Einmal sind 45 Maschinen gleichzeitig über dem Suchgebiet, das sich am Ende über 75 000 Quadratkilometer erstreckt - größer als Bayern. Am Boden durchforsten mehr als 300 Leute zu Fuß, auf Pferden und in Geländewagen das schwer zugängliche und zerklüftete Terrain. Taucher springen in den Walker Lake, der östlich der Ranch liegt. Hellseher und Magier bieten ihre Hilfe an.

Am 3. Oktober wird die offizielle Suche eingestellt. Sie hat etwa 1,4 Millionen Dollar gekostet. Peggy Fossett und Barron Hilton engagieren für geschätzte eine Million Dollar private Suchtrupps. Fossett bleibt unauffindbar. Keine Spur von ihm, keine einzige. Am 26. November, fast drei Monaten nach seinem Verschwinden, beantragt Peggy Fossett bei einem Gericht in Chicago, ihren Mann für tot erklären zu lassen. Seit fast 40 Jahren sind die beiden verheiratet, sie haben keine Kinder. Bis Fossetts Vermögen aufgeteilt wird, kann es drei Jahre dauern.

Nevada ist einer der gebirgigsten Staaten der USA

Anfang Dezember, es ist ein klarer, kalter Tag. Major Cynthia Ryan und Major Russel Johnson von der Air Patrol steuern die Cessna von Reno zur Flying M Ranch, danach wollen sie eine von Fossetts möglichen Routen nachfliegen, Richtung Südosten. Die Landschaft wechselt die Farben, vom Grün ins Rotbraun, vom Rotbraun ins schmutzige Rotbraun, bevor sie im Horizont verschwindet. Nevada stellen sich die meisten als ein flaches, brütend heißes Stück Land mit Kakteen und Unkraut vor. Es ist aber einer der gebirgigsten Staaten der USA, von hier oben sieht es so aus, als hätte eine Armee von Baggern das Land umgegraben. Berge und Berge, dazwischen Canyons, die alles verschlucken, was je hinuntergefallen ist. Hier kann man ganz einsam und verloren sein.

Die Flughöhe der Cessna liegt nun bei 300 Metern. Das ist sehr tief. Aber nicht tief genug, um von hier oben einen Lastwagen von einem Auto zu unterscheiden. Major Ryan dreht sich um und sagt: Wir suchten nicht nach einem Flugzeug, wir suchten nach kleinen Stücken wie diesem hier, sie nimmt eine Tasse in die Hand, so nämlich sehen viele Teile nach einem Unfall aus. Major Ryan und Major Johnson wollen eines der alten Wracks zeigen, die sie bei der Suche nach Fossett geortet haben. Sechs Stück wurden gefunden, eines noch aus den 60er Jahren. Mehrmals fliegen sie um die Stelle herum, beide wissen genau, wo es liegt - beide können es nicht entdecken, zwischen all den Bäumen, Salbeisträuchern, Steinen und dem Geröll.

Von oben sieht lange Zeit alles gleich aus; und wenn man näher rankommt, sieht alles zerschellt aus. Die Cessna fliegt weiter zu einer anderen Fundstelle. Dieses Mal sind die Trümmerteile bei der zweiten Umrundung des Berges zu sehen. Major Ryan vermutet, dass Fossetts Flugzeug in eine der tiefen Schluchten gestürzt ist. Ein Mann mit Fossetts Überlebenswillen hätte nach einem Crash vielleicht sechs, sieben Tage überstehen können. Er hätte den Saft aus Kakteen trinken können, Klapperschlangen grillen. Ohne Wasser hätte er maximal zwei Tage gehabt. Major Ryan glaubt, dass es vielleicht der Wind war, der Fossett aus der Bahn geworfen hat, dieser heimtückische Wind hier oben rund um die Sierra Nevada. Die Winde können einen packen wie ein Wasserfall. Sie reißen einen mit, sie wechseln blitzschnell die Richtung, mit plötzlich absinkender Luft, und sie machen die Schluchten zu Todesfallen.

Wenn ein Flieger so eine Thermik erwischt, kann er wie ein Stein zu Boden fallen. In den vergangenen zehn Jahren sind hier 340 Flugzeuge abgestürzt. Mayor Ryan sagt: Hier oben ist keiner unbesiegbar. Auch ein Steve Fossett nicht.

Optisch wirkte Fossett wie ein großer Teddy

Beaver Creek, Colorado, ist einer der exklusivsten Skiorte der Welt, und im exklusivsten Teil des Ortes wohnen die Fossetts, am Elk Track Court, gleich neben dem Haus des verstorbenen Ex-Präsidenten Gerald Ford. Die Häuser hier sind Chalets, die Hütten Bars und die Geschäfte Boutiquen. An diesem Morgen steht Tony O'Rourke mitten im Ort. Der Schnee rieselt auf ihn herab, und er erzählt von Steve und Peggy. Tony ist Direktor des Tourismusverbandes und zeigt die Tafel, die er vor drei Jahren zu Ehren Fossetts aufstellen ließ. Seine größten Taten sind da gewürdigt.

Tony sagt: Steve war der Letzte, den man in einem Raum voller Menschen für einen Abenteurer gehalten hätte. Er sah aus wie ein großer Teddy. Aber er war fit. Er war nicht nur Geldgeber. Er war der Skipper, der Pilot. Er wollte keine Ehrentafel. Fossett war nicht nur der größte Abenteurer, sondern auch der stillste.

Nirgends war das besser zu beobachten als auf der Hilton-Ranch, wenn die großen Männer der Luftfahrt zusammenkamen. Thomas Winkelmann, ein deutscher Airline- Manager, hat Fossett dort mehrmals erlebt. Er sagt: Fossett trat immer bescheiden auf. Ein netter, ruhiger Mann mit Lausbubenlächeln. Wenn all die Helden gebeten wurden zu erzählen - Neil Armstrong von seiner Mondlandung etwa -, dann hielt Fossett sich zurück. Er wurde von allen respektiert. Sie sahen nicht sein Geld, sie sahen seine Leistungen.

Zum letzten Mal hat Winkelmann ihn Ende Juni getroffen. Auf der Ranch wurde abends nach dem Essen ein Film über Fossetts Soloflug um die Welt gezeigt. Fossett sprach mit seiner piepsigen Stimme, die Wörter korrespondierten nicht mit den Bildern. Fossett sagte bloß: Nun, das war ein etwas gefährlicher Moment. Der Mann hatte keinen Sinn für Dramaturgie, seine Leistungen waren Drama genug.

Als Steve Fossett nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften Mitte der 60er Jahre in Chicago einen Job suchte, war seine Motivation nicht, reich zu werden, um reich zu sein. Er wollte reich sein, um sich alle Freiheiten leisten zu können. Er wurde Börsenhändler. Mit 33 Jahren hatte er seine erste Million Dollar. Er scheffelte eine nach der anderen und gründete eine eigene Firma. Dann setzte er sich hin und schrieb eine Liste mit all den Herausforderungen, die er bestehen wollte.

Mit der ersten Million kamen Sport und Abenteuer

1978 begann er mit Sport, hartem Sport. Ski-Cross-Country-Rennen in neun Ländern. Der Radklassiker Paris-Brest-Paris. Die Rallye Paris-Dakar. Der Ironman auf Hawaii. Dann kamen die Abenteuer. Er segelte allein über den Atlantik. Segelte allein über den Pazifik. Mit einem Katamaran rund um die Welt. Fuhr in Alaska Hundeschlittenrennen bei minus 46 Grad über 1760 Kilometer. Bestieg auf jedem Kontinent den höchsten Gipfel.

Was danach kam, grenzte an Selbstmord. 2005 umflog er in 67 Stunden nonstop und solo die Welt in einem extra dafür gebauten Flugzeug. Er saß dabei in einem fliegenden Benzintank, der leicht entzündliche Sprit machte am Anfang des Fluges 83 Prozent des Gesamtgewichts aus. Er durfte nur Milchshakes trinken, hatte keine Toilette, er hatte Windeln. Drei Jahre zuvor war ihm die Nonstop- Umrundung im Heißluftballon gelungen. Im sechsten Versuch. 1998 stürzte er mit seinem Ballon fast 9000 Meter in das Korallenmeer nordöstlich von Australien. Er wurde von einem Schiff aufgenommen. Kaum etwas gelang ihm beim ersten Mal. Er akzeptierte kein Scheitern. Auch wenn er wieder und wieder scheiterte. Und immer besser scheiterte. Bis er nicht mehr scheiterte.

In den USA wird Fossett mit den Luftfahrtpionieren Howard Hughes und Charles Lindbergh verglichen. Doch Abenteurer früherer Epochen konnten noch Neuland entdecken wie Roald Amundsen, Erster am Südpol, Neil Armstrong, der erste Mann auf dem Mond. Diese Forscher haben immer auch kollektive Träume erfüllt, was Kritiker Fossett vorwerfen. Heute ist selbst der Mond ganz nah, die Erde längst vermessen, gescannt und gegoogelt. Kritiker werfen Fossett vor, seine Ausflüge seien vor allem technische Experimente. Er selbst war eher der stille Sucher nach einsamen Rekorden. Nicht mehr der Raum trieb ihn an, sondern die Bewegung. Hier schob er die Grenzen immer weiter hinaus.

Wie bei vielen Grenzgängern ist auch Fossetts Ende tragisch. Und lässt der Fantasie freien Lauf: Ist er womöglich untergetaucht? Hat er ein neues Leben mit einer anderen Frau angefangen? War er pleite? Oder krank? Von allen Vorstellungen mag das noch die tröstlichste sein: Ein Mann wie Fossett hatte die Wahl. Lieber der Sonne entgegen, als im Bett dahinzusiechen. Peggy Fossett sagt: Mein Mann war bei guter Gesundheit und glücklich. Er hatte keinen Grund zu verschwinden. Sein Ende wird Steve Fossett zur Legende machen, mehr als seine Abenteuer.

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