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Interview

US-Truppen sollen abgezogen werden: Syrien-Expertin zu Trump-Vorstoß: "Dauerhaft besiegt ist der IS keineswegs"

Donald Trump ist überzeugt: "Wir haben den IS in Syrien geschlagen", so der US-Präsident. Stimmt das? Syrien-Expertin Muriel Asseburg über die Auswirkungen und Folgen des US-Truppenabzugs aus dem Bürgerkriegsland.

Donald Trumps Entscheidung, US-Truppen aus Syrien abzuziehen, hat im In- und Ausland zu einem Aufschrei und teils zu höhnischen Reaktionen über seine Urteilskraft geführt: "Wir haben den IS in Syrien geschlagen", schrieb Donald Trump auf Twitter. Nun will der US-Präsident seine Truppen aus dem Bürgerkriegsland abziehen, der Prozess sei angeblich schon im Gange (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). 

Wie ist dieser Schritt zu bewerten? Welche Folgen wird der US-Truppenabzug aus Syrien - auch oder vor allem für Syrien - haben? Wird sich der IS wieder ausbreiten? "Der sogenannte Islamische Staat kontrolliert in Syrien heute kein nennenswertes Territorium mehr", sagt Syrien-Expertin Muriel Asseburg dem stern. "Dauerhaft besiegt ist er aber keineswegs."

Syrien-Expertin Dr. Muriel Asseburg

Dr. Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) ist Politologin, ihre Forschungsgebiete sind unter anderem der Nahostkonflikt, der politische Islam sowie deutsche, europäische und amerikanische Politik gegenüber der Region. Sie ist Teil der Forschungsgruppe Naher/Mittler Osten und Afrika an der SWP.

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Syrien-Expertin Muriel Asseburg: "Der Abzug hat potentiell drei entscheidende Auswirkungen"

Frau Dr. Asseburg, "Wir haben den IS in Syrien besiegt" – schreibt US-Präsident Donald Trump auf Twitter. Stimmt das?

Der sogenannte Islamische Staat kontrolliert in Syrien heute kein nennenswertes Territorium mehr; das staatsähnliche Konstrukt existiert nicht mehr; viele seiner Kämpfer sind getötet worden. Damit hat auch die internationale Anziehungskraft deutlich nachgelassen. Dauerhaft besiegt ist er damit aber keineswegs. 

Wie steht es um den IS in Syrien?

Nicht nur halten sich nach wie vor viele einheimische und ausländische bewaffnete Kämpfer im Land auf. Vor allem dürften der Islamische Staat und andere radikale Gruppierungen auch in Zukunft Zulauf haben. Denn es sieht derzeit nicht so aus, als ob in Syrien ein inklusives politisches Nachbürgerkriegssystem entstünde. Denn Assad ist nicht bereit zu einem politischen Übergang zu einem demokratischen System oder zu tiefgreifenden Reformen. Er ist nicht bereit zu einer Machtteilung, die die Opposition einbeziehen würde oder die auf der lokalen Ebene mehr Autonomie gewähren würde. Und er ist nicht bereit zu einer Aussöhnung mit der Opposition.  

Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass der IS wieder größere Gebiete unter seine Kontrolle bekommt

Die US-Truppen sollen aus Syrien abgezogen werden, man habe damit sogar bereits begonnen. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage in Syrien – und wie wird sich die Lage in Syrien durch diesen Schritt verändern?

Der Abzug der US-Truppen hat potentiell drei entscheidende Auswirkungen.

Er macht erstens den Weg frei für eine türkische Militäroperation im Nordosten Syriens gegen die kurdische PYD. Auch die Regimekräfte und seine Unterstützer dürften künftig die Euphrat-Linie überqueren und die PYD/SDF aus den von ihr kontrollierten Gebieten im Osten zu verdrängen suchen.

Er verschiebt zweitens die militärische Balance im Land weiter zugunsten der Unterstützer des Regimes, also Russland und Iran. Damit entfällt auch ein wichtiger Hebel, um Druck auf Assad auszuüben, um eine nachhaltige Stabilisierung zu erzielen.

Drittens entfällt die militärische Präsenz der USA an der Grenze zum Irak, die bislang verhindert hat, dass der Iran einen Landkorridor von Teheran bis ans Mittelmeer kontrolliert und seine Unterstützung von Milizen ausbaut, etwa indem er Waffen an die Hisbollah liefert. Dadurch aber fühlt Israel sich bedroht und wird entsprechende militärische Maßnahmen ergreifen. Im Gegensatz zur Beurteilung durch den russischen Präsidenten Putin wird der Abzug der US-Truppen also nicht dazu führen, dass die Kampfhandlungen nun rasch beendet werden.

Wird sich der IS in Syrien nun wieder ausbreiten?

Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass der IS wieder größere Gebiete unter seine Kontrolle bekommt. Eher dürfte er sich, wie andere radikale Gruppierungen auch, zu einer Aufstandsbewegung wandeln, die das Land mittelfristig destabilisiert.

Die militärischen Auseinandersetzungen dürften vielmehr in den nächsten Wochen und Monaten erneut eskalieren

Und langfristig?

Aufgrund der Erfahrung im Irak nach 2003 und der Zuspitzung der Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Regionalmächten - etwa Iran und Israel, Iran und Saudi-Arabien - ist durchaus davon auszugehen, dass Syrien sich auch langfristig nicht stabilisiert.  

Muss der US-Truppenabzug durch die Militärpräsenz anderer Länder kompensiert werden? Wer kommt da in Frage – und welche Auswirkungen könnte ein neues "Militärverhältnis" in Syrien haben?

Eine Zeitlang waren die Amerikaner mit Saudi-Arabien und anderen Golfarabern darüber im Gespräch, ob sie entsprechende Truppen entsenden könnten. Diese Gespräche scheinen nicht gefruchtet zu haben. Auch die Länder, die derzeit Stützpunkte im Nordosten Syriens haben, etwa Frankreich, dürften kaum gewillt sein, ihre Präsenz dort auszuweiten und die Rolle der USA zu übernehmen ...

Was bedeutet das also? Für Syrien, die USA - und vielleicht Europa?

Eine rasche Befriedung Syriens ist nicht zu erwarten. Die militärischen Auseinandersetzungen dürften vielmehr in den nächsten Wochen und Monaten erneut eskalieren. Dies trifft in erster Linie die Zivilbevölkerung, für deren Schutz sich keiner der regionalen und internationalen Akteure stark macht. Die amerikanische Kehrtwende unterminiert aber auch die Aufbauanstrengungen in den vom IS befreiten Gebieten in Syrien. Und sie stellt die Verlässlichkeit der USA als Bündnispartner generell in Frage.

Anmerkung der Redaktion: Muriel Asseburg hat die Fragen des stern schriftlich beantwortet.