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Festnahmen bei 1.-Mai-Protest in Istanbul: Demonstranten durchbrechen Polizeiabsperrungen am Taksim-Platz

Der Taksim-Platz sollte nach dem Wunsch des türkischen Staatschefs Erdogan nicht erneut zum Schauplatz von Protesten werden. Das Demonstrationsverbot sahen viele jedoch als Provokation.

Mit Wasserwerfern geht die Polizei gegen Demonstranten auf dem Istanbuler Taksim-Platz vor

Mit Wasserwerfern geht die Polizei gegen Demonstranten auf dem Istanbuler Taksim-Platz vor

Trotz eines massiven Polizeiaufgebots ist es einigen Regierungsgegnern in Istanbul gelungen, auf den abgeriegelten Taksim-Platz vorzudringen. Am Denkmal der Republik schwenkte die kleine Gruppe rote Flaggen mit Hammer und Sichel, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Die Demonstranten skandierten "Freiheit für die Arbeiterklasse". Die türkische Polizei vertrieb sie mit Schlagstöcken, mehrere Menschen wurden festgenommen. Am Freitagmittag legte eine von der Regierung genehmigte Gewerkschafterdelegation ein Blumengebinde an dem Denkmal auf dem abgeriegelten Taksim nieder.

Augenzeugen berichteten, bei Protesten einige Kilometer vom Taksim-Platz entfernt habe die Polizei Tränengas eingesetzt und ebenfalls mehrere Menschen festgenommen. Demonstranten hätten Barrikaden errichtet und in Brand gesteckt.

Der 21 Jahre alte Demonstrant Onur sagte: "Es ist sehr schlecht, dass sie den Taksim abriegeln. Sie riegeln unsere Freiheit ab. Die Regierung missbraucht ihre Macht gegen uns, und wir müssen uns dieser Macht widersetzen." Demonstranten skandierten Slogans, in denen sie Staatschef Recep Tayyip Erdogan einen "Mörder" und "Dieb" nannten. Im Stadtteil Besiktas wurden Parolen gegen die islamisch-konservative Staatsführung gerufen: "Der Taksim-Platz ist der Platz des 1. Mais", "Es lebe der 1. Mai" und "Seite an Seite gegen den Faschismus".

Gedenken an Massaker von 1977

Die Behörden hatten Kundgebungen auf dem Taksim-Platz erneut verboten. Die Polizei war mit 10.000 Einsatzkräften und Wasserwerfern im vor Ort und riegelte den Platz weiträumig ab. Im Jahr 2013 hatten die Behörden die traditionellen Kundgebungen auf dem Platz zum 1. Mai erstmals aus Sicherheitsgründen verboten. Im Vorfeld hatte es Auseinandersetzungen zwischen radikalen Gewerkschaftsvertretern und Einsatzkräften gegeben.

Einen Monat später wurden der Taksim-Platz und der angrenzende Gezi-Park zum Schauplatz von Massenprotesten gegen den damaligen Regierungschef und heutigen Staatschef Erdogan. Mehr als zwei Wochen lang forderten zehntausende Menschen seinen Rücktritt. Seither lässt Erdogan kategorisch jegliche Proteste auf dem Taksim-Platz verbieten sowie regelmäßig Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstranten einsetzen.

Für die Gewerkschaften ist der freie Zugang zu dem Platz aber eine Frage des Prinzips, um der Opfer vom 1. Mai 1977 zu gedenken. Damals eröffneten Unbekannte das Feuer auf dem Platz, woraufhin es eine Massenpanik mit 34 Toten gab. Im vergangenen Jahr gab es offiziellen Angaben zufolge 90 Verletzte und 142 Festnahmen bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei.

ono/AFP/DPA / DPA