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Afghanistan Die Taliban halten Familie über Jahre als Geisel. Jetzt ist sie frei. Doch Fragen bleiben.

Taliban Familie von Joshua Boyle ist nach fünf Jahren Geiselhaft frei
Die Familie des Kanadiers Joshua Boyle ist nach fünf Jahren in Geiselhaft bei den Taliban frei 
© AFP Photo/SITE Intelligence Group
Fünf lange Jahre sitzt eine Familie aus Nordamerika in Pakistan in Geiselhaft der Taliban. Jetzt ist sie frei und Vater Joshua Boyle spricht zur Presse. Doch der Fall bleibt voller Fragen.

Donald Trumps Stabschef John Kelly ist kein Freund von Euphemismen. Unter "albtraumgleichen Bedingungen" hätten der Kanadier Joshua Boyle und seine Familie in den vergangenen Jahren gelebt. "Im Grunde lebten sie fünf Jahre lang in einem Loch", sagte Kelly CBS. Joshua Boyle, seine Frau Caitlan und die drei kleinen Kinder haben die vergangenen fünf Jahre in Geiselhaft in Afghanistan verbracht. Am Mittwoch wurde die Familie befreit, am Freitag kehrte sie heim.

Als Boyle am Freitagabend (Ortszeit) am Flughafen von Toronto vor die Presse trat, sah man ihm diese fünf grauenhaften Jahre nicht augenblicklich an. Joshua Boyle - schwarzer Kapuzenpulli sowie Kinn- und Backenbart - verlas ein vorbereitetes Statement aus seinem Notizbuch. Er verlas, wie die Entführer eines seiner Kinder im Säuglingsalter getötet und seine Frau vergewaltigt hätten. Über große Strecken wirkte Boyle gefasst, an dieser Stelle brach seine Stimme kurz ab. Wenige Augenblicke zuvor waren er und seine Frau, die US-Bürgerin Caitlan Coleman, mit ihren drei Kindern in Toronto gelandet. 

Joshua Boyle am Flughafen von Toronto: Er will zu den Medien sprechen
Joshua Boyle am Flughafen von Toronto: Er will zu den Medien sprechen
© Nathan Denette/The Canadian Press/AP/dpa

2012 von den Taliban gefangen genommen

Boyle und Coleman waren 2012 in Afghanistan von den radikalislamischen Taliban gefangen genommen und anschließend dem verbündeten Hakkani-Netzwerk in Pakistan übergeben worden. Coleman war damals nach Angaben ihres Mannes hochschwanger. In Gefangenschaft brachte Coleman offenbar mehrere Kinder zur Welt. 

Am Mittwoch befreiten pakistanische Einheiten die Familie. Die Einsatzkräfte hatten nach eigenen Angaben von US-Geheimdiensten den Hinweis erhalten, dass die Familie von Afghanistan über die Grenze in die halbautonomen Stammesgebiete Pakistans gebracht worden sei. Das pakistanische Militär sprach von einer "Schießerei", die "New York Times" berichtete von einer dramatischen Rettung aus einem Kofferraum.

Am Freitag kehrte die Familie mit einem Linienflug über London nach Kanada zurück. "Es ist für meine Familie jetzt unglaublich wichtig, dass wir uns eine sichere Zuflucht aufbauen können", sagte Boyle der Presse. Die kanadische Regierung begrüßte die "langersehnte Rückkehr" der Familie.

Familie befreit - viele Fragen bleiben offen

Doch auch nach der Rettung birgt die Geschichte von Joshua Boyle und seiner Familie viele Fragen, die bislang unbeantwortet blieben. Da wäre die Frage nach den Gründen für die Afghanistan-Reise 2012: Wie die "Washington Post" berichtet, sei Coleman hochschwanger gewesen, als sich das Paar in die Provinz Wardak, Afghanistan aufmachte. Eine gefährliche Region im Süden von Kabul, schreibt die "Post", beherrscht von militanten Gruppen.

Sie hätten sich als "Pilger" in Afghanistan aufgehalten, um den Bewohnern völlig abgelegener Dörfer in Taliban-Gebieten zu helfen, sagte Boyle dazu. Er sprach von Regionen, die "von keiner Nichtregierungsorganisation, keiner Entwicklungshilfe und keiner Regierung" jemals erreicht worden wären, berichtete der Nachrichtensender BBC. "Deine schwangere Frau in so ein gefährliches Gebiet zu bringen, ist unzumutbar", sagte indessen Colemans Vater ABC News. "Ich kann mir das für mich nicht vorstellen."

Für Verwirrung sorgten auch Berichte darüber, dass sich Boyle angeblich am Donnerstag zunächst geweigert hatte, an Bord eines US-Militärflugzeugs in die USA zu reisen. Er soll gefürchtet haben, in den USA Probleme zu bekommen, weil er 2009 für kurze Zeit mit der Schwester des in Kanada geborenen früheren Guantanamo-Häftlings Omar Khadr verheiratet war. Khadr war 2002 bei Kämpfen in Afghanistan festgenommen und zehn Jahre im US-Gefangenenlanger Guantanamo auf Kuba gefangen gehalten worden. Er stand im Verdacht, Verbindungen zu Al-Qaida unterhalten zu haben, schreibt die "Washington Post". Boyle wies die Berichte zurück. Die US-Behörden laut CNN gaben an, es gebe zwar Fragen zu Boyles Vergangenheit, eine Verhaftung drohe allerdings nicht.

Nicht zuletzt blieben auch die fünf Jahre in Geiselhaft bisher weitestgehend unbeleuchtet. Boyle warf dem Hakkani-Netzwerk vor, 2014 eines seiner Kinder ermordet und seine Frau vergewaltigt zu haben. Aus "Dummheit und Bosheit" hätten sich die Entführer für seine wiederholte Weigerung gerächt, auf ihre Forderungen einzugehen. Um welche Forderungen es sich handelte, sagte Boyle nicht. Nun wolle er sich mit seiner Familie ein neues Leben in Nordamerika aufbauen. Der Associated Press sagte Boyle dazu: "Gott hat mich und meine Familie mit beispielloser Belastbarkeit und Entschlossenheit ausgestattet."   

pg DPA AFP

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