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Terrorverdächtige: "Wer will schon neben Bombenlegern wohnen?"

Bis vor einer Woche war High Wycombe ein ruhiges englisches Städtchen. Doch hier lebten sechs der Männer, die die Terroranschläge auf Flugzeuge geplant haben sollen. stern.de berichtet aus einem Ort im Fadenkreuz der Ermittler.

Von Cornelia Fuchs und Tony Thompson

"Wer will schon neben Bombenlegern wohnen?" Der junge Mann pakistanischer Herkunft in schwarzem T-Shirt und schwarzer Jeans spielt mit seiner Gebetskette und schaut die ruhige Anwohnerstraße hinunter auf das mit blau-weißem Plastikband abgesperrte Haus, vor dem zwei Polizisten patrouillieren. Am Straßenrand parken große Mittelklassewagen. Adil Lone, 28, besucht hier seinen Onkel. Er ist vor zehn Jahren aus High Wycombe weggegangen, hat studiert und ist Unternehmensberater geworden. Er kannte drei der sechs Verhafteten aus seiner Schulzeit. Keine besonderen Erinnerungen hat er an sie: "Die Familie Sawar lebte wie alle hier, ruhig und für sich. Und hier in der Straße passierte auch nie etwas Außergewöhnliches." Bis auf den vergangenen Donnerstag: Da wurde ein junger Brite mit rasiertem Kopf und Bart aus seinem roten Nissan Micra gezerrt und festgenommen.

Don Stewart-Whyte war erst vor sechs Monaten zum Islam übergetreten. Ein ruhiger Junge, sagen die Nachbarn. Das änderte sich. Als Neu-Gläubiger besuchte er die Moschee, rasierte sich den Kopf und heiratete schnell, eine Marokkanerin. 10.000 Muslime wohnen in High Wycombe, fast alle kommen aus Pakistan, meist aus dem pakistanisch kontrollierten Teil von Kashmir. Es gibt keine großen Probleme mit Arbeitslosigkeit oder Gewalt. Bis vor einer Woche war High Wycombe eigentlich ein ruhiges, typisch britisches Städtchen.

Verdächtige kommen aus der Mittelschicht

Die meisten der 23 Verdächtigen, die vergangene Woche in Großbritannien unter dem Verdacht festgenommen wurden, bis zu zehn Flugzeuge gleichzeitig in die Luft sprengen zu wollen, kommen aus der Mittelklasse. Sie haben studiert, besitzen eigene Gebrauchtwagen-Handlungen, arbeiten in der Konditorei der Familie oder fahren Taxi.

So ist es kein Wunder, dass auch in High Wycombe die Vorsteher der Moscheen hilflos sind. Sie kennen die jungen Männer, deren Namen nun in der ganzen Welt bekannt sind, von deren Besuchen der Freitagsgebete. Doch was sie ansonsten motiviert, wissen sie nicht. Don Stewart-Whyte soll noch vor wenigen Wochen eine ökumenische Diskussionsveranstaltung besucht und über seine Bekehrung gesprochen haben. In der Hauptmoschee des Ortes weiß keiner eine Antwort auf die Frage, was junge Leute in ihrer Mitte radikalisiert. Und irgendwie hoffen sie auch alle, dass sich die ganze Aktion als Missverständnis herausstellen wird, und der Spuk bald vorüber ist.

Eingreifen, auch ohne Beweise

Laut Aussagen der Sicherheitsbehörden gibt es inzwischen 1200 Menschen, die jederzeit für Anschläge bereit ständen. Der Inlandsgeheimdienst MI5 leitet nach Aussagen des Chefs der Terror-Einheit von Scotland Yard, Peter Clarke, zur Zeit über 70 Terror-Investigationen gleichzeitig: "Und die Zahl der neuen Fälle nimmt nicht ab, sie nimmt eher zu." Dass die Polizei am vergangenen Donnerstag in Ost-London, High Wycombe und Birmingham zugegriffen hat, war nicht geplant. Ganz im Gegenteil wollten die eingeschleusten Beamten, die schon seit Dezember 2005 die Verdächtigen beobachteten, noch weitere Beweise für die Anschlagspläne der Gruppen abwarten. Doch die Taktik musste geändert werden, wie ein hoher Scotland-Yard-Beamter erklärt, der aufgrund seiner Arbeit in der Terror-Ermittlung anonym bleiben will: "Eigentlich wollen wir die Verbrecher am liebsten mit der gezückten Waffe in der Bank festnehmen. Aber jetzt ist die Gefahr für Menschenleben viel zu groß. Wir müssen jetzt eingreifen, auch wenn die Beweise noch nicht alle da sind."

Schon einmal hatten die Fahnder zu lange gewartet - entgegen ersten Aussagen waren die Attentäter des 7. Juli 2005 durchaus schon vorher in den Radar der Ermittler gelangt. Doch war die Überwachung nicht lückenlos genug, um die Attentate zu verhindern. Anlass für den Zugriff war diesmal ein Telefonat aus Pakistan. Fast panikartig verlangte der Anrufer von seinen Vertrauten in Großbritannien, dass die Pläne sofort in die Tat umgesetzt werden sollten. In Pakistan hatten die Behörden einen jungen Briten verhaftet. Rashid Rauf war im April 2002 aus Birmingham verschwunden, nachdem sein Onkel von einer Gruppe junger Männer vor seinem Haus erstochen worden war. In der muslimischen Gemeinde in Birmingham ist allgemein bekannt, dass der Onkel einem Ehrenmord zum Opfer fiel, und der Täter nach Pakistan floh.

Um seine pakistanischen Verwandten nicht in die Mordermittlungen zu verwickeln, scheint Rashid Rauf jeglichen Kontakt zur Familie vermieden zu haben. Stattdessen hat er anscheinend Kontakt mit extremistischen Gruppen aufgenommen. Wie viele Mitglieder der muslimischen Gemeinde in Birmingham stammt auch Raufs Familie aus der Mirpur-Region in Kashmir. Hier hat beispielsweise die islamistische Organisation Lashkar-e-Toiba ihre Basis. Sie ist auch in Birmingham aktiv.

Ermittlern fehlen die Fakten

Rashid scheint als Kontaktmann zwischen den extremistischen Gruppierungen in Pakistan und seinem Bruder in Birmingham fungiert zu haben. Die Polizei bestätigt heute, dass die Ermittlungen mit einem Hinweis aus der muslimischen Gemeinde im Juli 2005 ihren Anfang genommen haben. Bis jetzt fehlt den Berichten über die "Operation Overt", wie die Verhaftungen von der britischen Polizei genannt werden, die Fakten.

Dabei steigt die Skepsis im Lande, ob die Rede von terroristischen Anschlagsplänen "apokalyptischen Ausmaßes", wie der Innenminister John Reid verkündete, wirklich auf verlässlichen Fakten beruht. Zwischen dem 11. September 2001 und dem 30. Juni 2006 sind in Großbritannien 1047 Menschen mit Verdacht auf terroristische Aktivitäten festgenommen worden. Nur 158 wurden tatsächlich unter den neuen Gesetzen angeklagt.

"Ganz normale Jungs"

Der letzte Vorfall ließ das Vertrauen besonders der muslimischen Gemeinschaft im Osten Londons auf ein neues Tief sinken: Am 2. Juni dieses Jahres stürmten 250 Polizisten zwei Häuser im Ost-Londoner Bezirk Forest Gate und schossen einem Mann durch die Schulter. Die Beamten vermuteten ein chemisches Waffenlager in dem Haus, in dem der Angeschossene mit seinem Bruder lebte. Es wurden keine Chemikalien gefunden, die beiden Festgenommenen klagten nach ihrer Freilassung auf Wiedergutmachung. Die Polizei sprach von "falschen Informationen", die sie über die angeblichen chemischen Waffen von einer anonymen Quelle erhalten habe - und klagte einen der Brüder wegen des Besitzes pädophiler Bilder auf seinem Computer an.

Forest liegt ganz in der Nähe des Londoner Bezirks Walthamstow, in dem am vergangenen Donnerstag 14 Männer und eine Frau festgenommen wurden. Die meisten Menschen in der Nachbarschaft der abgesperrten Häuser wollen sich zu den Verhaftungen gar nicht äußern, schließlich wisse man nicht, ob sich nicht alles als falsch herausstelle.

Minderheiten werden kriminalisiert

Dies erinnert an die ersten Kommentare von Bekannten und Nachbarn der U-Bahn-Attentäter vom Juli 2005. Auch hier waren viele von der Unschuld der Männer aus Leeds überzeugt - bis die Polizei forensische Beweise vorweisen konnte, die eindeutig zeigten, dass die Männer die Bomben in den U-Bahn-Tunneln und in einem Bus gezündet hatten.

Viele Muslime haben das Gefühl, von Polizei und Gesellschaft ständig vorverurteilt zu werden. Lord Stevens, ehemaliger Kopf der Londoner Polizei, forderte am Sonntag nach den Verhaftungen in der Boulevard-Zeitung "News of the World", Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen besonders auf junge, muslimische Männer zu konzentrieren. Forderungen wie diese verstärken einen Teufelskreis, auf den der stellvertretende Chef der Londoner Polizei, Tarique Ghaffur, bereits vor einiger Zeit hingewiesen hat: "Es gibt die sehr reale Gefahr, dass mit dem Argument der Terrorismus-Bekämpfung Minderheiten kriminalisiert werden. Das wird die Konsequenz haben, dass diese Gemeinschaften sich zurückziehen, gerade, wenn wir ihr Vertrauen und ihre Mitarbeit brauchen."

Blairs Außenpolitik von muslimischen Organisationen kritisiert

Die Politik scheint jedenfalls auf die Mitarbeit der muslimischen Gemeinschaft nur einen begrenzten Wert zu legen. Mit großem Tamtam hat der britische Premierminister Tony Blair nach den Anschlägen des 7. Juli eine "Taskforce" ins Leben gerufen, in der über tausend Muslime in verschiedenen Arbeitsgruppen Vorschläge erarbeiteten, wie dem Extremismus vor allen unter jungen Männern begegnet werden kann. Der Bericht liegt seit November 2005 vor. Im Juni diesen Jahres wandten sich die Beteiligten an die Presse: Nur einer der 64 Vorschläge ist bisher umgesetzt worden.

Experten fürchten nun, dass sogar der Dialog mit gemäßigten Muslimen gefährdet sein könnte. Seit den Anschlägen des 7. Juli 2005 beherrscht eine Frage die Debatte zwischen Regierung und muslimischen Organisationen: Hat die Außenpolitik von Tony Blair etwas mit den Terroranschlägen im eigenen Land zu tun oder nicht? Nach den Verhaftungen der vergangenen Woche unterschrieb die Mehrheit der islamischen Organisationen und Abgeordneten einen Brief, der Blair dazu aufforderte, endlich anzuerkennen, dass das britische Engagement im Irak und der Krieg im Libanon Auswirkungen hat auf die Situation zu Hause.

"Ressourcen nicht auf fremden Schlachtfeldern vergeuden"

Downing Street ließ als Antwort auf den offenen Brief verlauten, dass Attentate von islamistischen Extremisten schon weit vor dem Irak-Krieg durchgeführt wurden, und dass bei allen Anschlägen auch Muslimen unter den Toten gewesen seien.

Ahmed Versi, der Leiter der Muslim News, sagt, dass er jeden Tag mindestens zwei Emails erhalte, in denen Bilder von toten Körpern zu sehen sind. Es sind Kettenbriefe, an tausende Empfänger in den muslimischen Gemeinschaften gerichtet. Die Attentäter der missglückten Anschläge auf die Londoner U-Bahn am 21. Juli haben in ihren Vernehmungen erzählt, dass ihnen die Bilder toter Muslime gezeigt wurden, bevor sie aufbrachen, die Bomben zu detonieren. Und während Tony Blair auf einer Yacht in Barbados Urlaub macht, schreibt die "Independent on Sunday": "Unsere Ressourcen sollten endlich dem wirklichen Kampf gegen den Terror gewidmet werden, den MI5, die Polizei und andere Sicherheitsbehörden hier in unserem Lande kämpfen - und sie sollten nicht auf fremden Schlachtfeldern vergeudet werden."