Syrische Flüchtlinge


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Lesbos: Angriff auf Videojournalisten: "Darum habe ich die Insel verlassen (müssen)"

Gewalt auf Flüchtlingsinsel
Videojournalist auf Lesbos angegriffen: "Menschen haben mir den Tod und Schlimmeres gewünscht"

Bei dem Angriff auf Michael Trammer zerstörten die Täter die Videoausrüstung des Journalisten. Mit einer Crowdfunding-Kampagne will er seine Ausrüstung nun neu finanzieren.
Der Videojournalist Michael Trammer wird auf der griechischen Insel Lesbos angegriffen, als er Aufnahmen von einem Flüchtlingsboot machen will. Die Menschen auf dem Boot werden von Dutzenden Einheimischen davon abgehalten, im Hafen von Mytilini an Land zu gehen.
"Da gab es eine kleinere Gruppe von zehn bis 15 Leuten, die sportliche Klamotten anhatten und ein bisschen trainierter waren. Ich bin auf die andere Seite von dem Hafen gegangen, um Fotos zu machen, von der Situation, einfach mit dem Boot im Vordergrund und den Menschen im Hintergrund, auf der Kaimauer. Und die haben dann angefangen, dort Fotografinnen und Fotografen, nicht nur mich, zu attackieren. Ich habe dann meine Kamera weggepackt, habe versucht zu gehen, und die Gruppe ist dann aber schon auf den Pier gelaufen und hat ohne groß mit mir irgendwie in Diskurs oder irgendwas in der Art zu führen, auf mich zuerst eingetreten und dann auch eingeschlagen." 
Trammer kommt ins Krankenhaus. Ärzte nähen seine Wunde. Danach beschließt er die Insel zu verlassen. Der  Angriff ist nicht der einzige Grund für diese Entscheidung.    
Das, was mich vor allem dazu bewegt hat, ist der wahnsinnige Shitstorm, der mich dann auch online getroffen hat. Dass mir Leute nicht nur den Tod, sondern auch Schlimmeres wünschen. Meine Gedankengang war, wenn auch nur eine Person, die mir den Tod wünscht, das auch ernst meint und das durchziehen will, bin ich auf dieser Insel in unmittelbarer Gefahr."
Die Lage auf Lesbos spitzt sich immer weiter zu. Das Flüchtlingslager Moria ist seit Monaten überfüllt. Es ist für 2800 Menschen ausgelegt. Jetzt leben dort etwa 20.000 Menschen. 
Es hat sich Favela-artig drum herum eine Zeltstadt gebildet, wo Menschen dann in selbstgebauten Hütten aus Holz und Planen wohnen und im Elend dahinvegetieren. Mit nicht einmal dem Nötigsten an medizinischer Versorgung. Da kann man als Beispiel nennen: Ich habe mit einer 25-Jährigen gesprochen, die dort festgestellt hat, dass sie schwanger ist, und die ist jetzt drei Monate hier. Und sie hat bisher keinen Ultraschall gesehen und keinen Arzt. Das einzige, was Ärzte ohne Grenzen machen konnte, waren die Grundlagen, Blutdruck nehmen und Blutwerte messen, aber den Zustand ihres Kindes erfährt doe Person nicht. Und jede einzelne Person in dem Lager hat so eine tragische Geschichte. " 
Lesbos wurde in der Flüchtlingskrise dafür bekannt, dass hier viele Menschen den Ankommenden halfen. Doch die Stimmung kippt immer mehr, seitdem die griechische Regierung bekannt gab, weitere Flüchtlingslager errichten zu wollen und die Türkei die Grenzen geöffnet hat.
Trammer recherchiert für ein Multimedia-Projekt seit Mitte Februar auf der Insel. Dafür spricht er nicht nur mit Flüchtlingen, sondern auch mit vielen Einheimischen.
Ehrlich gesagt, oft habe ich Interviews begonnen damit, dass ich mir erst mal eine Stunde lang anhören durfte, wie sehr Deutschland und Europa dort die lokale Bevölkerung einfach konsequent im Stich gelassen haben. Und ich glaube, so fühlen sehr viele Leute dort und die Touristen-Zahlen sind ja auch eingebrochenen. Es fehlt eine weitere Einnahmequelle. Und die Leute dort haben nicht viel, arbeiten in mehreren Jobs und es ist nicht so, dass die Leute in besonderem Reichtum leben. Trotz allem gibt es dort immer noch viele Leute, die Geflüchteten helfen und nicht aus dem Auge verlieren."
Die Wut wegen der prekären Lage entlädt sich gegen die Flüchtenden, ausländische Journalisten vor Ort und Helfer. In den vergangenen Tagen kommt es immer wieder zu Angriffen von Schlägertrupps auf Journalisten und NGOs auf Lesbos. Trammer sieht vor allem in der Umverteilung der Flüchtlinge der Insel eine Möglichkeit die Situation vor Ort zu entspannen. 
"Was dort eine Lösung sein kann, ist meiner Meinung nach eine Umverteilung der Geflüchteten, die auf dieser Insel sind, eine sofortige Entlastung der Menschen vor Ort. Und dann wird sich auch die Situation mit den Locals entspannen. Vielleicht nicht mit den kleinen Gruppen, die diese Attacken ausführen. Aber vor allem wird der breite gesellschaftliche Konsens über die Ressentiments, die gegen Geflüchtete bestehen, damit ein Stück weit gebrochen. Nehme ich mal an."
Am Donnerstag hat die griechische Marine rund 500 Migranten auf einem Schiff in Mytilini untergebracht. Die Reise für die Menschen auf diesem Schiff geht jedoch wieder ins Ungewisse: Sie sollen demnächst in eine geschlossenes Abschiebelager gebracht werden und von dort in ihre Herkunftsländer ausgewiesen werden.



von Linda Richter