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Flucht nach Europa: Neue Flüchtlingsroute über den Polarkreis

Eine neue Route nach Europa gewinnt unter Flüchtlingen an Beliebtheit: Immer mehr Migranten nutzen die abgeschiedene Grenze zwischen Russland und Norwegen zur Einreise - sie liegt nördlich des Polarkreises.

Von Alexander Meyer-Thoene

Die Reise über den Polarkreis wird für Flüchtlinge zunehmend zur Alternativroute um nach Europa zu gelangen.

Der Grenzübergang zwischen dem norwegischen Storskog und dem russischen Boris Gleb: Die Reise über den Polarkreis wird für Flüchtlinge zunehmend zur Alternativroute, um nach Europa zu gelangen.

Zu Hunderttausenden flüchten die Menschen aus den Kriegsgebieten im Nahen und  Mittleren Osten. Besonders in Syrien ist die Lage so dramatisch, dass viele Asylsuchende beinahe jedes Risiko auf sich nehmen, um in den sicheren Westen zu gelangen - und endlich ein Leben ohne Angst führen zu können. Dabei setzten die Menschen oft alles auf eine Karte: Ausgebeutet von Schlepperbanden, eingepfercht im Bug von maroden Schiffen, in überfüllten Zügen oder gefangen auf den Ladeflächen von Lkws sind sie auf dem Weg in die gelobten Länder Westeuropas. Doch die Einreise über die bekannten Routen via Türkei und Griechenland, Osteuropa oder über das Mittelmeer ist schwierig und gefährlich.

Eine Alternativstrecke scheint nun als Geheimtipp immer beliebter zu werden: die Einreise nach Europa nördlich des Polarkreises. Genauer gesagt, über den einzigen Grenzübergang zwischen Norwegen und Russland, nahe des Örtchens Kirkenes. Die meist syrischen Flüchtlinge die hier ankommen haben eine lange Reise hinter sich. An die 4500 Kilometer haben sie bei ihrer Ankunft am Grenzübergang zurückgelegt.

"Es ist eine relativ neue Sache"

Wie die britische Zeitung "Guardian" berichtet, suchen jeden Monat zwischen fünf und 20 Flüchtlinge, meist Syrer, den Weg über den Polarkreis. "Es ist eine relativ neue Sache, es hat vielleicht so vor einem halben Jahr angefangen", zitiert die Zeitung den Polizeibeamten Thomas Pettersen aus dem Örtchen Kirkenes. Die Polizei bringe die Neuankömmlinge dann mit dem Flugzeug in die Hauptstadt Oslo. Bisher sollen dieses Jahr 151 Flüchtlinge die Grenze zwischen Russland und Norwegen überquert haben. Zwar ist Norwegen kein Mitglied in der Europäischen Union, nimmt aber am gemeinsamen Verzicht auf Grenzkontrollen ("Schengener Abkommen") in Europa teil - was die Einreise in EU-Nachbarländer wie Schweden und Finnland erleichtert.

Um den letzten Zwischenstopp auf dem Weg nach Westen zu erreichen, reisen die oft über Moskau kommenden Flüchtlinge mit dem Zug nach Murmansk und von da in das Grenzstädtchen Nikel. Von dort versuchen die Asylsuchenden dann zur norwegischen Grenze zu gelangen. Oft passieren sie die Grenze mit dem Fahrrad oder in Autos, da eine Überquerung zu Fuß verboten ist. In dem Grenzgebiet zwischen den Kontrollstationen Boris Gleb auf russischer Seite und Storskog auf norwegischer Seite existiert ein Grenzstreifen der eine Art Niemandsland ist - und indem man sich nicht zu Fuß bewegen darf. Die Gegend ist von Moorland, Flüssen und Seen durchzogen. Oft versuchen Flüchtlinge daher die letzten Kilometer zu trampen. Taxi- und Busfahrern ist es verboten, Flüchtlinge ohne Visum oder Papiere nach Norwegen mitzunehmen.

"Mit dem Fahrrad ist es am einfachsten"

"Mit dem Fahrrad ist es am einfachsten", bestätigt der örtliche Polizeichef Hans Møllerbakken der Zeitung "Welt". So wirken die Flüchtlinge nämlich wie Touristen, die auch gelegentlich mit dem Rad die Grenze zwischen Norwegen und Russland überqueren. Møllerbakken rechnet in Zukunft damit, dass eine wachsenden Zahl Asylsuchender über diese Route nach Norwegen kommen wird. Laut dem Polizeichef haben die Flüchtlinge von russischer Seite kaum Repressalien zu befürchten: "Die sagen, sie können die Flüchtlinge nicht aufhalten". "Sie kontrollieren nur jene, die nach Russland einreisen wollen" - die russischen Grenzer fühlen sich nicht zuständig. Auch Flüchtlinge mit dem Auto über die Grenze zu bringen ist untersagt - laut Møllerbakken wurden mehrere Menschen deswegen bereits verhaftet.

Laut "Welt" müssen sich Flüchtlinge auch am Polarkreis zunehmend mit Schleppern arrangieren: Wie eine Quelle der Zeitung berichtet, kann die Überfahrt nach Norwegen mit 1800 Euro zu Buche schlagen. Auch ein Flug nach Moskau, das Einreisevisum, sowie die Reise nach Murmansk müssen bezahlt werden - kein günstiges Unterfangen. Dennoch gewinnt die neue Route unter syrischen Flüchtlingen zunehmend an Beliebtheit. Obwohl die Einreise für Syrer nach Russland nicht schwierig ist, wollen nur die wenigsten dort bleiben. Flüchtlinge erhalten in Russland kaum finanzielle oder materielle Unterstützung, daher hat die Mehrheit nur ein Ziel vor Augen: irgendwie in den Westen zu gelangen - auch wenn der Weg durch die Arktis führt.


mit Agenturen