Todesroute Kandahar Trucker zwischen Taliban und fremden Truppen


Die bekommen das dreifache des normalen Lohns, dafür ist ihr Job lebensgefährlich: Afghanische Trucker versorgen die ausländischen Armeelager in Afghanistan - und sind ein rollendes Angriffsziel für die Taliban.

Wenn Khan Aga den Mercedes-Diesel anwirft, Gas gibt und den Lastwagen aus Kabul heraus nach Süden steuert, weiß er nicht, ob er seine Ehefrau und seine acht Kinder je wiedersehen wird. Agas ständiger Begleiter im Führerhaus ist die Angst, und die Rede ist dabei nicht vom mörderischen Verkehr in Afghanistan. Agas Fracht aus gekühlten Lebensmitteln ist kaum brisant, seine Auftraggeber sind es aber sehr wohl: Der 37-jährige Trucker, der wie 50 aussieht, versorgt ausländische Armeelager in Afghanistan - und ist ein rollendes Angriffsziel für die radikal-islamischen Taliban.

Unterwegs im Auftrag der Nato

Seit einem Jahr macht Aga die Arbeit, niemand käme auf die Idee zu fragen, ob sie Spaß macht. Der Lastwagen gehört einer afghanischen Firma, die mit den Aufträgen der Militärs harte Dollar verdient. An der Seite des Lkw steht in großen Lettern "Kühltransporte Sebastian Beisl", doch statt für Herrn Beisl aus dem niederbayerischen Oberdietfurt rollt der Laster nun für die NATO und die US-geführten Koalitionstruppen über afghanische Pisten. Der einzige Schmuck, mit dem Aga sein Führerhaus verschönert hat, ist ein Strauß blauer Plastikblumen. Eine abgerissene Blüte liegt in der Ablage vor dem Beifahrersitz. Aus der Decke hängen lose Kabel.

An die Stoßstangen und Außenspiegel hat der Nordafghane bunte Tücher gehängt, so schmücken die Paschtunen, aus denen sich die Taliban im Süden und Osten rekrutieren, ihre Fahrzeuge. Die armselige Tarnung bringt wenig - Kühltransporte sind teuer und damit potenziell im Auftrag der Ausländer unterwegs, und das wissen auch die Taliban. Drei Mal wurde Aga bislang angegriffen. Drei Kollegen, die er kannte, wurden ermordet. Viele mehr starben, die er zuvor nie gesehen hatte.

Jeder ist sich selbst der nächste

Zuletzt wurde Agas Lkw vor einem Vierteljahr auf der Todesroute zwischen dem südafghanischen Kandahar und dem weiter nördlich gelegenen Ghasni von Taliban-Kämpfern beschossen. Trotz zwei platter Hinterreifen gab Aga Vollgas, der Lastwagen hinter ihm ging im Kugelhagel in Flammen auf. "Ich habe nicht angehalten", sagt Aga. In dem lebensgefährlichen Job ist sich jeder selber der nächste.

Ein weiteres Mal, in der ostafghanischen Unruheprovinz Kunar, schossen die Rebellen an Agas Lastwagen vorbei. Dann, vor einem halben Jahr, hatte der Trucker weniger Glück - er fuhr gerade eine Lieferung für die US-Armee in der westafghanischen Provinz Farah, als ein Pritschenwagen der Taliban ihn zum Anhalten zwang. Die Rebellen setzten den Lkw in Brand, verbanden dem Fahrer die Augen und brachten ihn an einen unbekannten Ort. "Sie legten mich auf den Boden, einer hielt meine Schultern, ein anderer meine Füße", sagt Aga, während er sich eine Zigarette zwischen die braunen Zahnstummel steckt. "Ein dritter schlug mit einem Eisenrohr auf mich ein."

Es gibt den dreifachen Lohn

Noch heute nehme er deswegen Medikamente, sagt Aga, wie zum Beweis zieht er eine gelbe Schachtel Schmerzmittel aus seinem abgetragenen Anorak hervor. Die Lektion, die ihm die Taliban mit auf den Weg geben wollten, nachdem sie ihm Geld und Telefon abgenommen und ihn mit noch immer verbundenen Augen am Straßenrand absetzten hatten: Arbeite nie mehr für die ausländischen Besatzer. Aga ignoriert ihre überdeutliche Warnung. "Ich habe keine Wahl", sagt er. "Ich muss eine große Familie ernähren." Wer für die ausländischen Truppen fährt, verdient 300 Dollar im Monat - das dreifache des üblichen Trucker-Lohns.

Deswegen würden weder er noch seine Kollegen daran denken, die gefährlichen Aufträge der Fremden abzulehnen. "Jeder hat Angst, aber keiner will aufhören", sagt Aga, der früher Taxi in Kabul fuhr. Es ist nicht nur ein gefährlicher, sondern auch ein einsamer Job - in Notsituationen komme einem niemand zur Hilfe, sagt Aga. "Ich lege mein Leben in Gottes Hand und fahre los." Als Nächstes, so erzählt er, geht es ins nordafghanische Masar-i-Scharif, Ziel ist das Lager der Bundeswehr. "Die Strecke ist ruhig, da kann ich sogar anhalten und Tee trinken." Am Tag nach seiner Rückkehr fährt er dann wieder nach Süden - die Todesroute nach Kandahar.

Can Merey/DPA DPA

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